Stichwort

Spurensuche im Archivkeller

von Redaktion

Das Adlergebirgsarchiv im Haus der Kultur bewahrt nicht nur Erinnerungen an die ehemalige Heimat von Vertriebenen aus dieser nordböhmischen Region auf. Mehr und mehr wird es zur Stätte des deutsch-tschechischen Dialogs und der Begegnung. Kürzlich kam eine Delegation aus Mladov, ehemals Wichstadtl, zu Besuch.

Waldkraiburg – 2011 hat Miloš Taraška das Gebäude „Hausnummer 115“ in Mladov erworben. Taraška ist bereits der sechste Besitzer seit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, und einer, der sich brennend für Geschichte interessiert. Besonders für die Historie des Ortes, in dem er wohnt. Und wo kann ein Tscheche mehr über die Vorgeschichte ehemals deutsch besiedelter Dörfer und Städte erfahren? In den heimischen Archiven findet er kaum etwas dazu.

Spurensuche in deutschen Archiven

Mehrere hundert Kilometer westlich können diese Spurensucher fündig werden, in Archiven, die die Vertriebenen in der Nachkriegszeit zusammentrugen. Zum Beispiel im Archiv der Adlergebirgler, Grulicher und Friesetaler im Haus der Kultur.

In einem Kellerraum findet sich dort ein umfangreicher Fundus an Dokumenten und Urkunden, über 18000 Fotos, fast 3000 Ansichtskarten, 3000 Bücher, Hunderte von Landkarten und Ortsplänen, Ton-, Filmdokumente und vieles mehr. Jedes Jahr im November kommen Menschen, deren Wurzeln in dieser nordböhmischen Region liegen hier zusammen, um eine ganze Woche lang ehrenamtliche Archivierungsarbeit zu leisten.

Und neuerdings kommen immer öfter Besucher aus dem östlichen Nachbarland, um das Archiv zu nutzen. Drei Tage nahm sich kürzlich eine offizielle Delegation aus der kleinen Stadt Mladov Zeit, um das Archiv nach Informationen über Wichstadtl zu durchforsten. So hieß die Gemeinde bis Kriegsende. Miloš Taraška wurde von Bürgermeister Roman Studený begleitet, der erst seit wenigen Tagen im Amt ist, und von dessen Vorgänger, Altbürgermeister Teodor Šmok, und dessen Schwester Irena Dlohá.

Zahlreiche Unterlagen und Dokumente haben die Gäste durchgearbeitet, Vieles fotografiert und kopiert, um es zu Hause auszuwerten. Und möglichst viel über die deutsche Vorgeschichte des Ortes und der Häuser zu erfahren. Bei einem Mittagessen kam auch Bürgermeister Robert Pötzsch mit den Besuchern ins Gespräch.

So wie in Deutschland, so war auch in Tschechien die Beschäftigung mit der gemeinsamen Geschichte mit Tabus belegt. Erst in den 1990er-Jahren, nach der „Samtenen Revolution“ in der Tschechoslowakei, wurde die Nachkriegszeit und die Vertreibung der Deutschen zum Thema. „Der Anfang war schwierig. Doch durch den Wechsel der Generationen und den politischen Wechsel haben die Leute die Angst und Furcht verloren“, erinnert sich Altbürgermeister Šmok. Es gehe nicht darum, die alten Zeiten des Gegeneinanders aufzuwärmen, betont er, „sondern im freundschaftlichen Sinne an die Zeit zu erinnern, damit sie bei den nächsten Generationen nicht in Vergessenheit gerät“. Das gelte für die Nachkriegsjahre ebenso wie für die Jahre der deutschen Besatzung von 1938 bis 1945.

Gedenkstätte für deutsche Opfer

Mladov gehört zu jenen Kommunen, die sich dieser Aufgabe sehr bewusst stellen. Das macht Eindruck auf die deutschen Gastgeber. Heimatlandschaftsbetreuer Günther Wytopil von den Adlergebirglern berichtet etwa davon, dass in der Ortskirche die Tafeln für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs mit allen Namen der Opfer erneuert und bei dieser Gelegenheit auch eine Tafel für die deutschen Bewohner Wichstadtls angebracht wurde, die im Mai 1945 bei Vergeltungsaktionen durch Partisanen ermordet wurden. Und die Gemeinde unterstützt auch das Anliegen von zwei Vertriebenen, die aus Wichstadtl stammen. Sie wollen eine Gedenkstätte mit einer Erinnerungstafel für diese Opfer errichten.

Wichstadtl – Mladov

Die Gemeinde Mladov, die erst seit Kurzem wieder den Titel einer „Stadt“ tragen darf, liegt in Nordostböhmen, im Adlergebirge direkt an der Grenze zu Polen. Sie hat etwa 550 Einwohner, die ihr Geld in Landwirtschaft, Handwerk und Tourismus verdienen oder in Nachbarstädte auspendeln müssen. Die saubere Natur an der Stillen Adler und Relikte der Bunkerlinien des Tschechoslowakischen Walls, die zwischen 1935 und 1938 als Grenzbefestigung zum nationalsozialistischen Deutschen Reich errichtet wurde und heute Museum sind, locken Besucher an. Die bekannteste Tochter der Gemeinde ist die 1928 geborene deutsche Schriftstellerin Gudrun Pausewang. Sie wurde 2017 für ihr Lebenswerk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Zeichen der Versöhnung

Als Zeichen der Versöhnung wertet Günther Wypotil, Heimatlandschaftsbetreuer für das Adlergebirge, den Besuch der Delegation aus Mladov in Waldkraiburg. Er nimmt es als Beispiel dafür, dass der deutsch-tschechische Dialog von unten wächst. Das sei „nicht selbstverständlich“, aber mehr und mehr Gemeinden seien dafür offen. Auf dieser Basis ließen sich auch Differenzen, die es auf politischer Ebene noch gibt, vielleicht eines Tages lösen.

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