Maggi oder Bolzenschuss

von Redaktion

Kraftvoll schlägt Erwin Rehling auf sein Marimbafon und entlockt ihm fremde Melodien. Das reißt den Zuhörer zwischendurch immer wieder aus seiner Schockstarre. Denn Rehlings Geschichten „Neues von früher“ sind so authentisch, morbid und schwarzhumorig, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Taufkirchen – Weltpremiere für Erwin Rehling: „Neues von früher – Dorfgeschichten und widerspenstige Musik, ein Duett“ bringt er als Solo. Notgedrungen, denn sein musikalischer Partner und treuer Freund, Pit Holzapfel, ist im Krankenhaus. „Also mach ich es allein“, verkündet Erwin Rehling im Gasthaus Maier in Gallenbach.

Die Gaststube ist seine Kleinkunstbühne, hier macht der Unterreiter eine One-Man-Show, in dem er die vielen Instrumente zwischen seinen eigenwilligen fein-derben Erzählungen selbst spielt. Seine mundartlichen Geschichten sind authentisch, aus kindlicher Sicht dargestellt und darum berühren sie umso mehr. Sie sind knapp, krass, bildstark. Und an unerwarteter Stelle witzig. Seine Dorfgeschichten spielen in und um Soyen am See – und fanden vermutlich tatsächlich exakt so statt. Genau hingeschaut, aufgesaugt und wiedergegeben. So lebendig, als wär man selbst dabei. Als Bayer kennt man die Typen und Situationen, über die er spricht.

Er erzählt vom Metzger, der mit dem Bolzenschussapparat die Schweine „daschossn“ hat und vorher zu jeder Sau allerweil „Hände hoch“ sagte. Oder vom Bahnhof von Soyen, wo die Kälber verladen wurden in Waggons mit Stroh. Als Bub zog ihn das Armselige an, der Verlust, den man erlebt, wenn was wegkommt.

„Wenn a Viech varreckt oder a Ferkel tot auf die Welt kommt, muss hierzulande der Erasmus kommen“, sagt Rehling mit seiner angenehmen Sprechstimme. „Als Bua war mei Lieblingsspeis a Butterbrot mit vui Maggi drauftropft. Des war auf oan Schlag vorbei, als man mich aufklärte, dass man aus de dodn Viecher in St. Erasmus Kernseife und Maggi herstellt.“

Unter dem Titel „Sonntagsgwand“ erinnert er an die Bahnlinie Reitmehring-Wasserburg, wo eines Tages ein Zug mit Viehwaggons hielt. Den Nervenkranken in Gabersee sagte man, sie sollen ihr schönstes Sonntagsgwand anziehen, weil es zu einem Ausflug geht. Dann hat man sie rein getrieben in die Waggons und der Zug fuhr sie über Gars und Mühldorf nach Hartheim bei Linz. In die Tötungsanstalt, wo sie 1940 alle vergast wurden. Im Namen der Euthanasie. Plötzlich trommelt Rehling laut und wütend auf dem Schlagzeug, den Takt eines imaginären Todesmarsches oder einer Gefangenengaleere, dass es einen fast vom Stuhl reißt. Dann erzeugt er mit seinen Fingern auf der tönernen Ghatam den Herzschlag, das pochende Blut, das man in den eigenen Ohren hört, wenn man nur genug Stress ausgesetzt ist.

Der multitalentierte experimentelle Künstler spielt mit Kuhglocken, auf einem Marimbafon und auf seinem selbst gemachten Steinspiel aus alten Bodenfliesen. Selbst die Entstehungsgeschichte dieses Instruments ist bemerkenswert. Die Fliesen zog er aus einem Container eines Fliesenhändlers und stimmte die einzelnen „Klangkörper“ mit der Flex, bis er ein vollständiges Lithofon hatte, das er für ein schaurig-wirr-monotones Lied benutzt.

Auch Moritaten hat er im Gepäck und erklärt, was in den 60ern eine „Ei-Sagerin“ tat. Sie wanderte am Dorf von Weiler zu Weiler und verkündete leihernd, wer gestorben war, wann die Beerdigung und wo der Leichenschmaus stattfand, sagte die Leute ein. Man gab ihr a Markl. „Die unsrige war ein älteres Fräulein mit grauem strähnigem Haar. Sie trug einen schwarzen Mantel und schwarze Feinstrümpfe. Die Laufmasche hatte sie mit Uhu-Papp aufgefangen und ihre Schultern waren ganz weiß, von den vielen Schuppen.“

Als Bub der 60er-Jahre war es eine große Freude, wenn es mit dem Zug nach Wasserburg zum Schuhkaufen ging, denn zu Salamander-Schuhen gab es immer die Lurchi-Hefte dazu. Sein Liebling war der Unkerich, „a Protz“.

Legendär sind die Konzerte im alten Pfarrhof von Peterskirchen gewesen. Da ging es zu, in dieser Künstlerkommune, dass die Konservativen sich das Maul zerrissen. So spielte einst eine nackerte Frau Schlagzeug. Keine große Sache in den wilden 60ern. Aber die Bäuerin Tina, die allein etwas abgelegen lebte, fand deutliche Worte: „I sags amoi so. Dregsäu waren‘s olle. De, de sie auszog’n hab’n und de, de hig’schaut hab‘n.“

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