„Wandervogel“-Archiv wandert nach München

von Redaktion

Historische Materialien sind seit 1991 in Obhut der Stadt – Jetzt gehen sie ans Bayerische Hauptstaatsarchiv

Waldkraiburg – Die Stadt Waldkraiburg wird das Sammlungsarchiv des „Sudetendeutschen Wandervogels“, einer Jugendbewegung, die vor dem I. Weltkrieg entstanden war, an das Bayerische Hauptstaatsarchiv übergeben. So hat es der Kulturausschuss einstimmig beschlossen. Die umfangreichen Archivalien des Vereins „Freunde Sudetendeutscher Wandervogal e. V.“ hatte die Stadt 1991 in ihre Obhut genommen.

Verein steht vor

der Auflösung

Stadtarchivar Konrad Kern erläuterte im Ausschuss die Bedeutung des Archivs (siehe Infoblock). Die Sammlung umfasst mittlerweile 34 Regalmeter Archivgut, Akten, Fotos, Dokumentationen, Bücher, für den Zeitraum ab 1911. Der Freundeskreis, der das Archiv aufgebaut und verwaltet hatte, wird sich demnächst aus Altersgründen auflösen. Die Zahl der Archivnutzer sei sehr gering, so Kern, der sich für die Übergabe an das Sudetendeutsche Archiv aussprach, das im Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwahrt wird.

Auch der Wandervogel-Freundeskreis unterstützt diesen Schritt. Im Hauptstaatsarchiv liegen ähnliche Bestände. 2021 ist eine Ausstellung über den Wandervogel im Sudetendeutschen Museum in München geplant. Bereits in den 1990er-Jahren hatte die Stadt das Sudetendeutsche Turnerarchiv dem Sudetendeutschen Archiv in München überlassen.

Platz für Fahnen der Heimatvereine?

Mit der Übergabe der umfangreichen Sammlung wird Platz im Archiv geschaffen. Das brachte Kulturreferentin Karin Bressel auf die Idee, Fahnen der Waldkraiburger Heimatvereine im Archiv im Rathaus unterzubringen. Immer wieder werde sie von den Vereinen darauf angesprochen, die Fahnen zu erhalten. Dafür brauche es eine Spezialunterbringung, meinte Stadtrat Anton Sterr. Und der Stadtarchivar machte darauf aufmerksam, dass er eine umfangreiche Aktenabgabe aus der Stadtverwaltung erwarte. Bürgermeister Robert Pötzsch schloss nicht aus, für beides, Verwaltungsakten und Fahnenschränke, dort Platz zu finden.hg

Der Sudetendeutsche Wandervogel

Der Wandervogel ist eine Jugendbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand und von Berlin ausgehend alle deutschsprachigen Gebiete erfasste, auch Böhmen.

Jugendliche, die sich damals im satten Bürgertum ihrer Eltern befangen fühlten, nahmen den Wandervogel und seine Ideale als Ansporn und Leitbild. Die Jugendbewegung führte sie aus ihren engen Konventionen zu einem unbeschwerten und einfachen Leben, zu Wandern und Naturerlebnis, weckte ihr Interesse für Volkslied und Volkstanz und gab der Jugend das Gefühl einer bis dahin nicht gekannten Freiheit in selbst erkannten und selbst gesetzten Grenzen. Dafür forderte der Wandervogel von den Mitgliedern Abstinenz von Alkohol und Nikotin, Kameradschaft, Wahrhaftigkeit, innere Disziplin und einen aufrechtren, anständigen Charakter. Das kam in der sogenannten „Meißner Formel“ von 1913 zum Ausdruck: „Wir wollen unser Leben nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und mit innerer Wahrhaftigkeit gestalten.“ Der Wandervogel hat in dieser Zeit wichtige Impulse in Kultur, Literatur, Kunst, Wissenschaft, Politik und im Schulwesen gesetzt.

Der Nationalsozialismus und andere politische Gruppierungen haben Elemente dieser Reformbewegung in ihren Jugendorganisationen aufgegriffen. Nach der Machtergreifung Hitlers wurden die Wandervogel-Gruppen verboten, unterdrückt oder in die Hitlerjugend überführt. Der Sudetendeutsche Wandervogel hat sich 1938 mit dem Anschluss des Sudetenlands an das Deutsche Reich selbst aufgelöst.

Nach Krieg und Vertreibung haben sich ehemalige Mitglieder des Sudetendeutschen Wandervogels, die im ganzen deutschsprachigen Raum verstreut waren, wieder organisiert und ein Archiv zusammen getragen. Ein Verein mit Sitz in Waldkraiburg wurde gegründet. Der Verein „Freunde Sudetendeutscher Wandervogel e. V.“ nutzt und verwaltet das Archiv bis heute. Seit 1991 ist es in städtischer Obhut und wird seit 2003 vom Stadtarchivar betreut.

(Quelle: Stadtarchiv und Wikipedia)

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