Jettenbach/Oberneukirchen – Romy hat aber auch einen Narren an den Eseln gefressen. Kürzlich haben ihre Eltern ein Minipony in die Esel-Gang aufgenommen. Das sieht lustig aus. „Der kleine Esel in der Gruppe ist noch nicht kastriert und will alle aufmischen – sogar die Rinder“, lacht Matthias Reißaus. Zusammen mit seiner Frau Josefine betreibt er den Biohof Reiserer bei Oberneukirchen.
Die Tiere – Rinder, Esel, Wasserbüffel – werden zur Landschaftspflege eingesetzt. 60 von ihnen sind auf zehn Projektflächen in den Landkreisen Mühldorf und Altötting unterwegs, etwa im Thalhammer Moos und in Raitenhaslach. „Wenn die Vegetationsphase vorbei ist, werden sie heimgeholt, ähnlich wie in der Almwirtschaft. Nur ohne Auf- und Abtrieb“, so Reißaus.
Seit 2013 kümmert er sich mit seiner Frau Fini (Josefine) um das Wasserbüffelprojekt in Jettenbach, das der Bund Naturschutz ins Leben gerufen hat. 22 Büffel suhlen sich da im Schlamm und fungieren als Biobagger. Sie schaffen offene und besonnte Wasserflächen in der zuvor dichten Sumpfvegetation. Dadurch bleibt der Lebensraum für Gelbbauchunke, Laubfrosch, Libellen und viele weitere Tierarten erhalten.
Auch die Büffel wurden kürzlich heimgebracht. Fonsi und Ivan stehen schon auf der Weide am Reiserer-Hof. Ihnen kann der eisige Wind, der in dieser exponierten Lage von der Seite daherpfeift, nichts anhaben. Den Wasserbüffeln taugt die Graslandschaft, die extensiv genutzt wird.
Zum Hof gehört auch die robuste Rinderrasse Murnau-Werdenfelser. Seit 2015 sind die Reißaus‘ dabei, eine Mutterkuhherde aufzubauen. Die Rasse zeichnet sich durch harte Hufe und Leichtfuttrigkeit aus. Das heißt, bei extensiver Beweidung sind sie nicht wählerisch und vertilgen auch Binsen und Sauergras. Pro Hektar Fläche ist eine „Großvieheinheit“ ausreichend. Sprich, ein Wasserbüffel oder ein Rind beweidet diese Fläche, frisst manche Ecken unregelmäßig ab, was wiederum Strukturvielfalt für andere Tiere, etwa spezielle Singvogelarten, schafft.
Die Reißaus‘ sind regelmäßig am Biotop in Jettenbach, um nach dem Rechten zu sehen. „Die Hütesicherheit unserer Projekte muss gewährleistet sein. Also checken wir die Elektrozäune, denn jeder Bewuchs führt zu einer Schwächung des Zaunes und dann hauen uns die Tiere ab“, erklärt Matthias Reißaus.
Auch das Wohl der Büffel muss gewährleistet sein. So habe sich heuer ein Kälbchen am Bein verletzt. Ein aufmerksamer Anlieger informierte die Landwirte. Das Tier wurde heimgeholt, untersucht und behandelt. „Auf der Weide hat ein verletztes Tier die Möglichkeit, den anderen aus dem Weg zu gehen. In einem engen Stall würde es als schwächstes Glied gemobbt werden“, so seine Einschätzung.
Am Reiserer-Hof dreht sich alles um die Landschaftspflegeprojekte, biologische Landwirtschaft und die Produktion hochwertiger Lebensmittel. „Unsere Tiere werden am Ende vermarktet, damit wir unser Auskommen haben“, sagt der 45-Jährige.
Damit die Reißaus das Fleisch von Rind und Büffel „Bio“ nennen dürfen, sind sie von der Schlachtung bis zur Zerlegung dabei, damit es nicht zur Verwechslung mit anderen Fleischwaren in den Räumlichkeiten des Metzgers kommt.
Dieser fährt den Hof an, damit die Tiere nicht aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden müssen. Im Fangstand, den das Vieh kennt, weil hier regelmäßig Untersuchungen stattfinden, wird mit dem Bolzenschussapparat betäubt und mit einem gezielten Ausblutungsstich getötet. Zerlegt wird nicht am Hof.
„Ich musste erst lernen: Das sind Nutztiere. Man macht sich Gedanken, wenn der Tag X kommt. Du hast das Tier fünf Jahre gehegt, fütterst ein letztes Mal, mistest aus. Und wenn das Tier dann ausblutet in der mobilen Schlachtbox und du merkst, wie das Leben aus ihm rausgeht – das alles muss man schon abkönnen als Landwirt.“
Er ist Quereinsteiger, war früher Landschaftsarchitekt. Musste sich erst einfinden in seine Rolle als Biobauer. Auch wenn er eine Sieben-Tage-Woche hat, fühlt er sich freier, bereut den Schritt nicht. „Ich habe zwar keinen Urlaub. Aber ich spüre das Leben. Die Kälte draußen und die Wärme, wenn ich dann wieder reinkomme. Und außerdem: Vierbeinige Rindviecher sind einfacher zu handhaben als zweibeinige“, sagt er augenzwinkernd. Man dürfe nicht jede Stunde anrechnen. „Ich bin in der Natur, da, wo die Frösche quaken. Wenn ich das nicht empfinden kann, bin ich hier falsch.“ Ihm half es zu wissen: Das Vieh kann seine Lebenszeit auf diesem Hof so gut wie möglich verbringen.
Zur Philosophie gehört auch eine bewusste Vermarktung, zur richtigen Zeit – wenn die Nachfrage da ist – zu schlachten. Abnehmer sind die Byodo-Kantine, Gastronomen und private Kunden, die über einen E-Mail-Verteiler informiert werden. Es sind Kunden, die den Mehraufwand dieser Form der Produktion schätzen und nicht beim Discounter kaufen würden. Kunden, die einen vernünftigen Preis zahlen. Die Direkt-Vermarktung ab Hof mögen.
Gegen die Kampfpreise in der Massentierhaltung habe man keine Chance. Es sei unsinnig, da Vergleiche zu ziehen. Und irrsinnig, welch umfangreiches Angebot tagtäglich in den Kühltheken bereitgestellt werden müsse. „Da wird so viel weggeschmissen.“ Er schüttelt den Kopf. Diese Selbstverständlichkeit, dass dauernd alles verfügbar sein muss – die sollte man hinterfragen.
Dennoch will Matthias Reißaus nicht dogmatisch sein und auf andere Bauern mit dem Finger zeigen, weil sie konventionell produzieren. Schließlich gebe es die Beweidungsprojekte nicht zu Hauf. Aber er ist sich sicher, dass ein Umdenken stattfinden kann. Dass es gut ist, andere Möglichkeiten aufzuzeigen. „Ein Strukturwandel in der Landwirtschaft ist machbar“, ist er überzeugt.
Auch sei die Form der Landwirtschaft, wie sie am Reiserer-Hof gepflegt wird, stark saisonal und vom jahreszeitlichen Rhythmus geprägt. „Wenn im Winter alle 125 Viecher daheim sind, geht‘s rund“, sagt Reißaus. In der Offenstallhaltung gibt es keine technischen Hochleistungsmechanismen. „Scheiße wird jeden Tag per Hand geschaufelt.“ Von einer Romantisierung sei er weit entfernt. Auch wenn er den Stieren, Kühen oder Büffeln mal den Kopf tätschelt und sie ihn kennen – sie sind keine Kuscheltiere.
Das weiß auch seine Tochter Romy, die die Nutztiere am Hof nur aus der Ferne beobachten kann. Aufgrund der Haltungsform – die Mütter sind bei den Kälbern dabei –kann das Mädchen keine Bindung zu den Tierkindern aufbauen. „Bei unserer Betriebsart wuselt kein Kind mittendrin herum. Es ist gefährlich, ein Kälbchen zu streicheln.“