Waldkraiburg – Für Frauen ist das Risiko, durch einen Beziehungspartner Gewalt zu erfahren, weit höher als von einem Fremden tätlich angegriffen zu werden. Obwohl jede dritte Frau statistisch mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfährt, suchen oft nur 20 Prozent davon Unterstützung. Anlaufstelle für die Betroffenen ist „Frauen helfen Frauen“ im Landkreis Mühldorf. Im Interview berichtet Manuela Christ-Gerlsbeck, warum immer noch die Täter geschützt werden.
Frau Christ-Gerlsbeck, sind es viele Frauen die mit ihren Problemen zu Ihnen kommen? Ist Ihre Beratungsstelle überlaufen?
Es gibt starke Jahre und schwache Jahre, wir haben 70 bis 80 Fälle im Jahr aus dem Landkreis. Wir sehen nur die Fälle, die bei uns ankommen. Die Dunkelziffer liegt bei 80 bis 90 Prozent. Wir gehen davon aus, dass die Frauen nicht in die Beratung gehen, weil sie fürchten, sich in einer Polizeianzeige zu offenbaren. Es gibt Frauen, die stehen mit gepackten Taschen bei uns und sagen: „Ich will ins Frauenhaus“, wenn sie Glück haben, ist an dem Tag ein Platz frei. Wir haben regional viel zu wenig Frauenhausplätze und die liegen im Landkreis Altötting. Es gibt aber auch Frauen, die kommen immer wieder. Die können dann nicht wöchentlich, sondern nur 14-tägig beraten werden.
Sie sagen, die Frauen haben Angst, sich in einer Polizeianzeige zu offenbaren. Man kann doch auch ohne Anzeige zu Ihnen kommen?
Ja, die Beratung ist kostenlos und wir unterliegen der absoluten Schweigepflicht. Wir begleiten die Frau auf dem Weg, für den sie sich entscheidet.
Wenn eine Frau in Not Sie anruft – verrät sie sich damit bei ihrem Peiniger?
Die bundesweite Notrufnummer ist auf der Rechnung nicht erkennbar und wenn wir zurückrufen, erscheint die Nummer als „Unbekannt“. Wir können immer nur den Schutz bieten, den wir in der Hand haben.
Wie ist Frauen helfen Frauen entstanden?
Ursprünglich kam die Idee mit den Frauenhäusern aus der Arbeiterbewegung, aber sie war immer ein politisches Stiefkind. Es ist interessant, dass das Thema jetzt politisch relevant ist. Es hat damit zu tun, dass sexuelle Übergriffe von Asylbewerbern getätigt wurden. Ich finde den Aufhänger bedenklich. Der größere Anteil der Gewalt findet im sozialen Umfeld der betroffenen Frauen statt. Und diese Problematiken gab es schon immer. Wenn ein Mann gewalttätig wird und die Polizei kommt, bekommt er 48 Stunden Kontaktverbot und kommt dann zurück in die Wohnung. Wir haben keine Schutzwohnungen, das Opfer muss dann mit den Kindern das Umfeld verlassen und die Energie aufbringen, im Irgendwo sich neu zu finden. Das ist Täterschutz, kein funktionierender Opferschutz. Wir brauchen regionale Schutzwohnungen und Plätze, die gewährleisten, dass die sozialen Strukturen erhalten werden.
Die #metoo-Debatte hat dazu beigetragen, dass sexualisierte Gewalt auch Thema in der Öffentlichkeit wurde. Sexualisierte häusliche Gewalt ist dabei immer noch ein blinder Fleck.
Die #metoo-Debatte ist ein Teilbereich des Problems. Es geht dabei um Übergriffe in Abhängigkeitsverhältnissen, lässt aber psychische Gewalt und häusliche Gewalt außen vor. Die #metoo-Debatte diskutiert einen Bereich der Gewalt, Frauen, die vom Chef in der Arbeit angegangen werden. Aber sie hat das Thema aktualisiert und es geht gerade ein politischer Prozess los. Und wenn es politisch relevant ist, gibt es auch Gelder. Wir hoffen, dass wir in den nächsten Jahren strukturell und personell so ausgestattet sind, dass betroffene Frauen unmittelbar, zeitnah und qualifiziert Hilfe erfahren.