Waldkraiburg – Das überraschte auch Bürgermeister Robert Pötzsch (siehe Stellungnahme im Kasten): So eindeutig war das Votum, als Professor Gottfried Vossen, der die Stadt im ISEK-Prozess begleitet, gegen Ende der Veranstaltung ein Stimmungsbild abfragte. Von rund 80 Bürgerinnen und Bürgern, darunter auch mehrere Stadträte, die ins Haus der Kultur gekommen waren, sprachen sich fünf für die Sanierung des Rathauses aus, alle anderen für einen Ersatzbau am Stadtplatz. Diese „Variante 3“, die einen kompakten Rathausneubau vorsieht, der am Stadtplatz vor das bestehende Rathaus gesetzt wird, hatten die Architekten Ingrid Dreer und Christian Böhm nach Abwägung der Vor- und Nachteile empfohlen.
Keine Hand hob sich für die Variante 2, ein Neubau an der Braunauer Straße gegenüber dem Haus der Kultur. Diese Idee hatte in den Diskussionen des vergangenen Jahres durchaus Befürworter. Doch nach Einschätzung der beiden Planer weist sie wesentliche Nachteile auf: Problematisch sei vor allem die Tatsache, dass das Rathaus nicht mehr im Stadtzentrum stünde. Und: Das Projekt löst „ein anspruchsvolles Folgeprojekt“ am Stadtplatz aus, so Christian Böhm. „Findet man da jemanden, der den Platz positiv bespielt?“ Gegen ein neues Rathaus sprechen zudem hohe Baukosten. Sie werden unter anderem wegen einer eigenen Tiefgarage und einem Parkplatz auf geschätzt 24 bis 24,5 Millionen Euro getrieben.
Die Kosten für die Vollsanierung des bestehenden Rathauses (samt Tiefgarage) auf einen Standard auf Neubau-Niveau schätzen die Experten dagegen auf etwa 19 bis 20 Millionen Euro. Auch diese Variante hat wie alle Alternativen Vor- und Nachteile. Neben den Kosten spricht dafür, dass das gewohnte Stadtbild erhalten bleibt und das Rathaus im Zentrum, ebenso die Doppelnutzungseffekte der Tiefgarage (Verwaltung und Besucher der Innenstadt). Und: Die Baumaßnahme könnte etwa ein halbes Jahr früher beginnen.
Das Planungsziel: Mehr Frequenz in die Innenstadt
Gegen die Variante spricht aus Sicht der Architekten vor allem ein Punkt, wie Ingrid Dreer betonte: Die städtebaulich unbefriedigende Situation am Sartrouville-Platz wird nicht repariert. Die Barriere zum Stadtplatz bleibe bestehen. Und: Die Sanierung führt zu keiner funktionalen Änderung des Grundrisses. Das Rathaus bleibt bei einer Geschossfläche von über 5600 Quadratmetern mit hohem Erschließungsanteil (Foyer und Flure) und schlechter Flächeneffizienz. Die Folge: höhere Betriebskosten als bei einem Neubau. Zu Zusatzkosten würde ein Teilumzug der Verwaltung während der Bauarbeiten führen.
Die Sanierung der Gebäudehülle verändere zudem den Charakter des Baus. Dieser bekomme eine neue, glatte Gebäudehülle. Denn: Aus statischen Gründen müsse das Wärmedämmverbundsystem außen aufgebracht werden. Die Betonelemente an der Fassade sollen nicht mehr der Witterung ausgesetzt sein. Christian Böhm setzte hinzu, dass die Tiefgarage bei einer Sanierung nur technisch instandgesetzt werde, es also bei den beengten Verhältnissen bleibe.
Nicht nur dieses Manko würde ein Rathausneubau am Stadtplatz mit neuer Tiefgarage beheben. Das Konzept, das die Stadtplaner vorlegen, läuft auf eine städtebauliche Neuordnung des Areals im Zentrum hinaus. Kern ist ein kompakter Rathausneubau mit etwa 3750 Quadratmetern Geschossfläche und hoher Flächeneffizienz. Das Gebäude fasst den Stadtplatz räumlich ein. Das Rathaus präsentiert sich nach diesem vorläufigen Entwurf als „Erstes Haus am Platz“, hoch, mit steilem Dach, in zeitgemäßer Architektur, die sich klar von der Moderne der 60er-Jahre abgrenze.
Die internen Nutzungen sollen in den drei Obergeschossen untergebracht werden, im Dachgeschoss ein Archiv. Im Erdgeschoss sind öffentliche Nutzungen mit Besucherverkehr vorgesehen, Schalterhalle, Bürgerbüro, Information, auch ein Kartenvorverkauf für das Haus der Kultur oder ein Stadtwerke-Shop. Als „Wunschtraum“ führte Ingrid Dreer eine neue Gastronomie im Erdgeschoss an, einen Ratskeller mit Hausbrauerei an der Arkade. Auch dieses Detail folgt dem großen Planungsziel, Frequenz und Leben ins Zentrum zu bringen. Eine Vision: Auf dem Platz, der auch als Marktplatz dienen soll, könnte ein dazugehöriger Biergarten liegen. Die Planer schlagen vor, die Durchgangsstraße aufzulassen. Der Verkehr soll nur noch im Süden des Platzes fließen.
Neubau kostet 21 bis 22 Millionen
Das bestehende Rathaus soll abgebrochen und durch ein neues Gebäude ersetzt werden, das etwa für Wohnungen genutzt wird. Auf Höhe dieses Gebäudes ist zudem ein Pavillon für eine öffentliche Nutzung vorgesehen.
Mit dem Abriss von Rathaus und Tiefgarage werde auch die gewünschte „Stadtreparatur“ erreicht, so Böhm: Stadtplatz und Sartrouville-Platz sind dann höhengleich, mit einem Durchgang auf einem Niveau verbunden.
Die Nachteile: Dazu gehört die lange Bauzeit von 27 Monaten. Der Rathausbetrieb werde während der Maßnahme in unmittelbarer Nachbarschaft beeinträchtigt. Es braucht eine Interimslösung für den Rathaussaal, der für den Neubau abgerissen werden muss, ebenso muss ein neuer Platz für das Mahnmal der Vertreibung gefunden werden. Und: Die geschätzten Kosten liegen um zehn bis 15 Prozent über der Sanierung, bei 21 bis 22 Millionen Euro.
Bauamtsleiter Carsten Schwunck (siehe auch Infoblock Zeithorizont) sieht diese Variante 3 als logische Weiterentwicklung aus dem ISEK-Prozess heraus. Er machte eingangs des Bürgerinformationsabends deutlich, dass beim sanierungsbedürftigen Rathaus und der Tiefgarage akuter Handlungsbedarf bestehe. „Eine weitere Verschiebung der Maßnahme ist aus rechtlichen Gründen nicht mehr möglich.“ Und: „Wir können das nicht in Schritten machen, auch eine Sanierung nicht.“ (Siehe auch Seite 20, auf der wir die Diskussion mit den Bürgern dokumentieren).