Miteinander Gemeinde gestalten

von Redaktion

Mit Adelheid von Hasselbach hören fünf verdiente Kirchenvorsteher auf

Waldkraiburg – „Jugend ohne Gott“ von Horváth liegt ausgelesen am Couchtisch von Adelheid von Hasselbach. „Das Buch hat mich sehr berührt“, sagt die 72-Jährige über das gesellschaftskritische Werk des österreichisch-ungarischen Autors, der die Zustände nach der Machtübernahme durch die Nazis Ende der 30er-Jahre anprangert.

„Ich lese, was mir so zwischen die Finger kommt.“ Die Nase in die Bücher stecken und in die Welt aus Buchstaben und Papier eintauchen – das ist ein großes Hobby der Sozialpädagogin. Dabei hatte sie selten die Zeit dafür, weil sie voll in ihrem ehrenamtlichen Engagement für die evangelische Kirchengemeinde aufging. 18 Jahre war sie Kirchenvorsteherin.

Miteinander Gemeinde leiten. Darum geht es im Kirchenvorstand. Er ist eine evangelische Spezialität, denn in ihm beraten und entscheiden gewählte und berufene Ehrenamtliche gemeinsam mit Pfarrerinnen und Pfarrern auf Augenhöhe.

Ohne die Kirchenvorsteher wäre die Kirche arm

„Das Miteinander im Kirchenvorstand ist das Wichtigste. Jeder hat die Möglichkeit, seine eigenen Interessen und Fähigkeiten einzusetzen. Man wird nicht in etwas reingezwungen, sondern tut das, was einem liegt“, erklärt die Waldkraiburgerin und fügt hinzu: „Miteinander Gemeinde bauen ist was Schönes“.

Nun wurde sie verabschiedet, gemeinsam mit Dagmar Lenge-Fröling, Andreas Redlich, Hermann Hartenstein und Andreas Schenk.

In 18 Jahren Kirchenvorstand waren die Tätigkeitsfelder für von Hasselbach breit und bunt gefächert. Sie hat eine Liste gemacht, die locker zwei DIN-A4-Seiten füllt. Wenn sie alles aufzählt, tut sie das unaufgeregt und bescheiden. Das ist beeindruckend. Was sie gemacht hat und wie sie es gemacht hat. Gerne und mit vollem Einsatz: Kindergottesdienst, Weltgebetstag, Konfikurs, Ökumene-Kreis, Exerzitien im Alltag, Gemeindeentwicklungsausschuss, Taizéandacht, Flötenkreis, Chor, Mitarbeitergremium, Geburtstagsbesuchskreis, Wir-Café und offene Kirche. Darüber hinaus hat sie den Seniorenkreis geleitet und Gedächtnistraining gemacht, mit anderen ein Heftchen über die Martin-Luther-Kirche herausgegeben, Neuzugezogene mit Blümchen überrascht, die Osternacht vorbereitet und durchgeführt, Dankefeste vorbereitet und sich bei den Brunnengesprächen als Gesprächspartner angeboten.

„Den Gemeindebrief werde ich nach wie vor austragen“, sagt sie, denn man müsse sein Engagement nicht an ein Amt knüpfen. So bleibt sie auch dem Wir-Café, dem Chor und dem Geburtstagsbesuchskreis erhalten.

In ein Loch fällt sie nicht, es gibt auch ein Leben nach dem Kirchenvorstand. Adelheid von Hasselbach ist ein Typ Mensch, der sich nicht langweilt und immer sinnvolle Beschäftigung für sich findet.

„Mir war immer wichtig, dass es bei der evangelischen Kirche so viele Möglichkeiten gibt, sich zu engagieren. Je nach Begabung und Interesse kann man sich verwirklichen. Darum hab ich den Bereich mit den Finanzen lieber anderen überlassen“, sagt sie lachend. Beeindruckt erzählt sie, was hier seitens ihrer Kollegen geleistet wurde, bei der Kirchensanierung.

Was, wenn Hasselbach ihre vielen Funktionen nicht übernommen hätte? „Dann hätten es andere gemacht“, ist sie überzeugt, denn „jeder leistet den Beitrag, den er kann“. Eines ist für sie ganz klar: Gäbe es keine Kirchenvorsteher, wäre die Kirche arm. Denn die Pfarrer allein können das gar nicht bewältigen.

Die Wichtigkeit dieses Amtes zeichnet sich auch dadurch aus, „dass wir Kirchenvorsteher die gleiche Stimme haben wir die Pfarrer. Wir sind ein leitendes Gremium.“

Toll sei die stete Unterstützung der „sehr rührigen Vertrauensfrau, Beate Moser. Die ist Gold wert.“ Moser erarbeitet gemeinsam mit Pfarrerin Anita Leonhardt beispielsweise das Programm für die Kirchenvorstandssitzungen. Ein bisschen läuft das wie in der Kommunalpolitik.

Für Hasselbach bietet diese Gremiumsarbeit Möglichkeiten, sich im Kleinen einzusetzen. Und das im überschaubaren Rahmen, wie sie sagt.

Ihre Familie sei immer gut damit zurechtgekommen. Ihre inzwischen erwachsenen Kinder sind da mit reingewachsen, überließen den Bereich aber lieber der Mutter. Ihr Mann Jürgen engagiert sich auch in der evangelischen Gemeinde. Er und seine Arbeit waren übrigens die Gründe, warum es sie 1987 von München nach Waldkraiburg verschlug. „Ich wusste nichts von Waldkraiburg, kam durch Jürgen hierher. Damals sagte ich zu ihm: dich würd‘ ich nehmen, Waldkraiburg nicht“, lacht sie. Natürlich wollte sie in München bleiben und weiter mit Kindern arbeiten. Doch er wurde Ausbilder bei Peters, sie bekam Zwillinge und so kam es anders.

„Waldkraiburg hat seinen ganz eigenen Charme. Durch meine Kinder, Johannes und Gerhard und später dann Anna, fand ich hier schnell Anschluss.“ Anknüpfungspunkte waren die Musikschule, der Elternbeirat und die Konfirmandenzeit. Sie arbeitete tageweise im Waldorf-Kindergarten in Mühldorf. „Ich mag den Kontakt zu Menschen und je mehr man sich engagiert, umso mehr fühlt man sich zu Hause in einer Gemeinschaft.“

Das gilt nicht nur für ihre Zeit als Kirchenvorsteherin. Auch beim Anna Hospizverein konnte sie sich einbringen. Zehn Jahre war sie als Hospizbegleiterin aktiv und lernte auch, was Trauerbegleitung ausmacht. Letztere war ihr in dieser „berührenden Zeit“ sogar noch lieber. „Aus dem Dunkel ins Licht, die Talsohle der Trauer durchschreiten, das zulassen und dabei begleitet werden – das ist etwas sehr Hilfreiches.“ Jetzt ist es Zeit, Platz zu machen. „Das Alter und die Gesundheit“ seien Gründe. „Und 18 Jahre – das ist doch eine gute Zeit.“

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