Aschau – Die Bayern-Chemie in Aschau-Werk hat ihren Raketenprüfstand erweitert. Ein entsprechender Bauantrag lag dem Gemeinderat vor. Der Antrag auf Erweiterung der mechanischen Umweltsimulation wurde befürwortend ans Landratsamt weiter geleitet (wir berichteten).
Das Tochterunternehmen der MBDA Deutschland gilt als einer der globalen Technologieführer für Lenkflugkörper- und Raumfahrtantriebe – und das versteckt Mitten im Wald von Aschau-Werk. Ein „Hidden Champion“ in mehrfacher Hinsicht.
Im Interview erklärt Axel Ringeisen, Leiter Marketing und Vertrieb, wie der Raketenprüfstand funktioniert, wer der Hauptkunde des Unternehmens ist und was ein Raketenmotor, der hier gebaut wird, aushalten muss.
Herr Ringeisen, für wen produziert die Bayern-Chemie?
Hauptkunde der Bayern-Chemie ist der Mutterkonzern MBDA. Die Endkunden von MBDA-Systemen sind hauptsächlich die Streitkräfte der NATO und somit auch die Bundeswehr.
Ist es ein Thema für die Bayern-Chemie, wenn die Bundesregierung die Deals mit den Saudis einstellt?
Wir respektieren stets die Gesetze, das Primat der Politik und die Entscheidungen der Bundesregierung.
Was hat es mit der technischen Umweltsimulation auf sich?
Im Shaker werden Belastungen simuliert, denen unsere Raketenmotoren während ihrer Lebensdauer ausgesetzt sind. Dazu gehören Temperaturschwankungen, Unterschiede in der Umgebungsfeuchtigkeit und auch mechanische Belastungen wie harte Stöße oder Schwingungen. Die garantierte Lebensdauer für Raktenmotoren beträgt in der Regel zehn Jahre. Das Leben eines Lenkflugkörpers endet mit dem Abschuss oder der Vernichtung. In diesen zehn Jahren muss der Raketenmotor beispielsweise -70 Grad Celsius oder +50 Grad Celsius unbeschadet überstehen. Je nachdem, für welche Klimazone ein Lenkflugkörper gefertigt wurde.
Was genau macht der Shaker?
Er erzeugt Vibrationen und bildet somit mechanische Belastungen nach, wie sie etwa beim Transport eines Flugkörpers auf der Straße, der Schiene oder in der Luft auftreten. Zu diesen Belastungen können auch noch harte Schläge dazukommen, wenn ein Flugzeug mit Lenkflugkörpern auf einem Flugzeugträger landet. All diese Belastungen dürfen die Funktion und die Sicherheit eines Lenkflugkörpers nicht einschränken.
Die Bayern-Chemie produziert flugchemische Antriebe. Was muss man sich darunter genau vorstellen?
In unserem Portfolio gibt es Feststoff-Staustrahlantriebe, Feststoffantriebe und Gasgeneratoren. Letztere kennt jeder von der TRW Aschau. Die Bayern Chemie und die TRW gehörten ja mal zusammen. Wir sind das einzige Unternehmen weltweit, das den Feststoff-Staustrahlantrieb produziert. Darauf haben wir auch die Eigentumsrechte. Wir bauen und entwickeln den kompletten Motor inklusive Treibstoff. Unsere Gasgeneratoren finden sich etwa in U-Booten. Denn die brauchen ein Notauftauchsystem. Im Notfall ist der Gasgenerator dafür da, dass Ballasttanks ausgeblasen werden und so ein kontrollierter Notaufstieg aus extremer Tauchtiefe möglich ist.
Wo wird der Feststoff-Staustrahlantrieb eingesetzt?
Dieser ist das Antriebssystem des Luft-Luft-Lenkflugkörpers „Meteor“ der MBDA. Der Meteor zeichnet sich durch seine hohe Geschwindigkeit, die auch geregelt werden kann, und seine überlegene Reichweite aus. Zum Einsatz kommt der Meteor beispielsweise am Eurofighter, an der französischen Daussalt Rafale und der schwedischen Saab Gripen.
Was war bisher das größte Projekt der Bayern Chemie?
Eindeutig das „Patriot-Projekt“. In dem Luftabwehrraketensystem für die Luftwaffe steckt der größte Motor, den wir bisher gebaut haben – mit einer halben Tonne Treibstoff.
Ihr Unternehmen widmet sich seit 2013 auch dem Thema Raumfahrt. Welche Möglichkeiten sehen Sie in diesem Bereich?
Wir entwickeln Feststoffmotoren für Satelliten. Diese bringen die Satelliten nach ihrer Mission über unbewohnten Gebieten gezielt zum Absturz. Dadurch wird zukünftig vermieden, dass noch mehr Weltraumschrott entsteht. Außerdem unterstützen wir die Firma Reaction Engines aus UK bei der Entwicklung des revolutionären SABRE-Antriebs für zukünftige Raumtransporter.