Auch er wurde mal geblitzt

von Redaktion

Porträt der Woche Der Verkehr rollt auch ohne den Streck Sepp weiter

Waldkraiburg/Kraiburg – Zweimal in seinem Leben wurde er geblitzt: Verkehrspolizist a.D. Josef Streck. Beim ersten mal war er 20 und gerade frisch bei der Polizei in Waldkraiburg. Umso peinlicher für ihn: Es war sein Chef, der ihn damals rausgezogen hat, bei der Kontrolle. „Schuld war meine Frau“, sagt er. Die beiden fuhren durch Aschau. Eine Verkehrsteilnehmerin winkte, um zu warnen, dass geblitzt wird. „Meine Roswitha schimpfte, ,wen kennst‘n du da scho wieder‘, ich war abgelenkt und schon machte es ,bing‘“, erzählt er schmunzelnd.

In Sachen Verkehr hat der taufrische Pensionist schon besondere Kaliber erlebt. Zum Beispiel im Urlaub in Sri Lanka. „Da war ich mit einem Fahrer unterwegs, den hätten‘s bei uns eingesperrt, so wie der raste, hupte und überholte. Mir wurde Angst und Bange. Und sowas ausgerechnet mir, ois Verkehrler.“

Am Küchentisch daheim bei den Strecks in Kraiburg sitzt er, der Mann, der sich mit seiner Rentnerrolle noch nicht so ganz anfreunden kann. „Wo ist der Zucker“, sagt der 60-Jährige zu sich selbst und öffnet ein paar Schränke, um entschuldigend aber auch schelmisch hinzuzufügen, „ich wurde noch nicht eingewiesen ins Haushaltsgeschehen“.

Waldkraiburg ist heute eher brav

Seit 1975 war der Streck Sepp Polizist; 1979 kam er nach Waldkraiburg – und blieb 40 Jahr lang. „A Ziaga war i no nia“, sagt er. Schließlich passte alles. Die Kollegen waren nämlich super in Waldkraiburg. Außerdem sei er eh ein umgänglicher Typ. „Meine Frau sagt zwar was anderes“, lacht er und sie schaut ihn mit gespieltem Ernst an.

Anstrengend sei das Einsatzgeschehen in dieser Stadt allerdings schon gewesen. Das lag an der Größe, dem turbulenten Nachtleben früher – und am Multikulti. Er erzählt von vielen Discos und Schlägereien. Waldkraiburg sei heute eher brav im Vergleich zu früher. Früher, als er seine Einsatzberichte noch auf einer alten Schreibmaschine klopfen musste. Nicht nur die Technik und die EDV, die eh nicht seine Welt seien, haben sich verändert. Auch die Bürokratie und die Vorschriften seien mehr geworden – und die Befugnisse gestutzt.

„Früher hast nen Besoffenen über Nacht in eine Zelle gepflanzt und ihn ausgenüchtert. Heute brauchst da gleich einen Richter“, sagt Streck. Die Belehrung der Täter werde immer aufwendiger. Generell findet er, es war mal einfacher, Polizist zu sein.

Immer noch ganz der Gewerkschafter

Dennoch: Auch heute noch könne er jungen Leuten empfehlen, zur Polizei zu gehen. Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten haben sich zumindest ein wenig verbessert. Es sei denn, man lebe in München und muss zwei Kinder ernähren. Dann brauche es einen zweiten Job. Jetzt kommt der Gewerkschafter durch.

„Mit dem Verdienst in der Branche bin ich noch nicht ganz zufrieden, es muss noch an Stellschrauben gedreht werden. Die Nacht- und Wochenenddienste gehören besser vergütet.“

Einst gab es zu seinen jungen Jahren 75 Pfennig Nachtzuschlag, heute sind es 4,50 Euro. Auch die Überstunden sind ein kritisches Thema. „Wenn du zu viele hast, kannst du sie nicht mehr abfeiern. Dann werden sie ausbezahlt zu einem Stundenlohn, wo eine Putzfrau ,nein, Danke‘ sagt“, moniert Streck. Auch die Dienstgruppenleiter hätten in seinen Augen bessere Tarife verdient – weil sie sehr viel Verantwortung haben.

Das war Stoibers größter Fehler

Schon ist er bei der Politik und sagt, Stoibers größter Fehler sei es gewesen, die Direktionen zu streichen, neue Präsidien einzuführen. Dadurch ist eine Verwaltungsebene weggebrochen – die Arbeit müssen die Inspektionen auffangen.

Auch, als die 42-Stunden-Wochen eingeführt und gleichzeitig 1500 Stellen gestrichen wurden, das wurmt ihn heute noch. „Davor mussten wir auf Gehaltserhöhungen verzichten, um die 38,5 Stunden halten zu können. So wurde gespart und dann doch auf 42 Stunden erhöht– das fühlte sich wie Betrug an.“

Seit Stoibers Ära zu Ende ist, sei man mit Ministerpräsidenten und Innenministern gut gefahren. Seehofer habe die 40-Stunden-Woche wieder durch gesetzt.

Die jungen Polizisten seien heute sehr viel besser ausgebildet und ausgerüstet, „wie wir damals“. Die Bodycams befürwortet er. „Die nehmen alles auf, auch das, was parteiische Beobachter auf ihren Handyfilmen weglassen – um einen Sachverhalt zu verdrehen. Sowas kommt vor.

Vermissen wird er die Arbeit mit den Jugendlichen, zum Beispiel in der Jugendverkehrsschule. „Die Kids gehen mir jetzt schon ab. Ich arbeite gern mit Kindern, auch wenn es mal stressig ist und oft richtige Flegel dabei sind. In den Dorfschulen sind sie noch etwas braver“, lacht er.

Seit die Polizei den Buben und Mädchen seit Mitte der 70er-Jahre die Radlprüfung abnimmt, gibt es erheblich weniger Schulwegunfälle. Eine große Herausforderung sei heute, den Flüchtlingen die Verkehrsregeln beizubringen. Dazu bräuchte es eine Halle für die ganzjährige Beschulung.

„Die Polizei kann das nimmer stemmen, dabei wäre es so wichtig, denn die Asylbewerber kennen unsere Regeln nicht.“ Das birgt große Gefahr. In Waldwinkel machte er für die umF, die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, eine Einführung. Umständlich und mühsam mit Dolmetscher. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Der Geruch

des Todes

Auf die Frage, was an seinem Job nicht schön war, gibt es nur eine Antwort: die Todesfälle. Er erinnert sich an schreckliche Unfälle. „Vielleicht bilde ich mir das ein, aber wenn es einen Verkehrstoten gibt, liegt ein komischer Geruch in der Luft, eine Mischung aus Blut, Schweiß und Batteriesäure.“

Zu den schwersten Aufgaben gehörte es, Todesnachrichten zu überbringen. Die Unterstützung durch ein Kriseninterventionsteam heutzutage sei eine Riesenerleichterung für die Beamten. „Früher bist du nur mit dem Pfarrer angekommen, da wussten die Angehörigen schon von Weitem, was los ist.“

Als emotional schwierig bezeichnet Streck Einsätze, bei denen er als Polizist Erfüllungsgehilfe des Jugendamtes spielen musste. „Am schlimmsten für mich war es immer, einer Mutter das Kind wegnehmen zu müssen – aus Kindeswohlgründen.“

Die lustigen Geschichten bleiben

Glücklicherweise ist der Streck Sepp ein positiver Mensch. Darum merkt er sich am liebsten die schönen und lustigen Ereignisse aus seinen 40 Waldkraiburger Dienstjahren.

Definitiv ganz oben steht da der „Elefanten-Einsatz“ vor vielen Jahren. Nachts kam über eine Notrufsäule an der B15 bei Haag ein Anruf. „Ich bin nicht besoffen, aber gerade ist mir ein Elefant über den Weg gelaufen“, sagte der Mann. „Jetzt hören‘S aber auf, hab ich zu ihm gesagt“, lacht Streck.

Dennoch ging er der Sache nach – weil ihm einfiel, dass in der Gegend gerade ein Zirkus gastierte. „Ich fuhr hin und schimpfte den Zirkusdirektor, dass er g’fälligst besser auf seine Viecher aufpassen soll. Der sagte: Ich habe gar keinen Elefanten.“ Im Laufe der Ermittlungen stellte sich dann raus, dass im Bereich Wasserburg Schausteller Station machten und eines der Rüsseltiere bei einem Elefantenrennen ausgebüchst war.

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