„Tun, was der Tag verlangt“

von Redaktion

wurde vor 30 Jahren seliggesprochen Redemptoristenpater Kaspar Stanggassinger

Gars – Dirndlkleider und Berchtesgadener Trachten waren farbenfroher Blickfang unter den Tausenden von Gläubigen, die an jenem Sonntag im April 1988 auf dem Petersplatz in Rom die Seligsprechung ihres Landsmannes, des Redemptoristenpaters Kaspar Stanggassinger vom Unterkälberstein, miterlebten. Neben den Gläubigen aus Berchtesgaden waren auch viele Pilger, Patres, Brüder, Gemeindepfarrer und Laien aus Gars, Kloster, Pfarrverband und Erzdiözese angereist, um den festlichen Gottesdienst, den der damalige Papst Johannes Paul II. zusammen mit Kardinal Friedrich Wetter zelebrierte, mitzufeiern.

„Geregnet hat es in Strömen, wer keinen Schirm hatte, hielt gefaltete Zeitungen über seinen Kopf“, erinnert sich heute noch Pater Josef Schwemmer, Rektor des Garser Klosters, damals designierter Direktor des Klosterinternats und damit ein später Nachfolger Kaspar Stangassingers, dem dieses Amt noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1899 übertragen worden war. Pater Josef Steinle, der heutige Beauftragte für die Verehrung des Seligen, ergänzt, dass der Papst damals spontan gesagt habe: „Wie der Regen möge der Segen vom Himmel kommen und Euch Redemptoristen viele neue Berufungen bringen.“

Der feierlichen Zeremonie war ein lange Jahre währender Seligsprechungsprozess vorausgegangen, in dem in erster Instanz in der Erzdiözese München und dann abschließend im Vatikan in Rom geprüft worden war, ob dem selig zu Sprechenden denn ein vorbildliches christliches Leben, in der Fachsprache ein „heroischer Tugendgrad“, zugesprochen werden könne. In einem solchen Prozess, der nach genauen Maßgaben des Kirchenrechts geführt wird, tritt auch der sprichwörtliche „advocatus diaboli“ (Anwalt des Teufels, Anm. d. Red.) auf, der Gegenargumente zur Seligsprechung ins Feld führt, die es überzeugend zu entkräften gilt. Der „Postulator“ für die Seligsprechung Stanggassingers, ein Redemptorist, hatte in München und Rom sehr viele Dokumente wie Selbstzeugnisse, Schriften, Aussagen von Augenzeugen und Zeitgenossen vorzulegen, damit ein Urteil über Stanggassingers Persönlichkeit gefällt und seine untadelige, „heiligmäßige“ Lebensführung nachgewiesen werden konnte. Bezeugt werden musste auch ein auf die Fürsprache des zukünftigen Seligen geschehenes Wunder:

Stanggassinger, ältester Sohn unter

16 Geschwistern einer wohlhabenden Bauernfamilie auf dem Unterkälberstein, wurde 1871 geboren und nur 28 Jahre alt

Eine Erlöserschwester aus Neumarkt in der Opferpfalz hatte zu Pater Kaspar als Fürsprecher gebetet und war daraufhin von einem eigentlich zum Tod führenden Magenleiden geheilt worden. Nach ihrer Genesung lebte sie noch zwanzig Jahre. Die Heilung musste als medizinisch-wissenschaftlich nicht erklärbar von einem unabhängigen Ärztegremium bestätigt werden.

Im April 1935, kurz vor Einleitung des Seligsprechungsprozesses, wurde der Sarg mit den sterblichen Überresten Kaspar Stanggassingers von der Krypta unter dem Altarraum der Garser Pfarrkirche feierlich in die damalige Herz-Jesu-Kapelle überführt.

Im Zuge der Seligsprechung, die dann 1988, also 53 Jahre später, stattfand und die Pater Kaspar „zur Ehre der Altäre“ erhob, wurde der Sarg geöffnet, und die Gebeine des Seligen wurden in den goldenen Schrein gelegt, der sich seitdem unter dem Altartisch der Stanggassinger-Seitenkapelle der Garser Pfarrkirche befindet.

Kaspar Stanggassinger, ältester Sohn unter 16 Geschwistern einer wohlhabenden Bauernfamilie auf dem Unterkälberstein, wurde 1871 geboren und nur 28 Jahre alt. In Freising hatte er das Abitur abgelegt und philosophische und theologische Studien aufgenommen, bevor er mit Erlaubnis seines Bischofs den Diözesanklerus verließ und 1892 in das Noviziat der Redemptoristen in Dürrnberg bei Hallein eintrat – gegen zunächst heftigen Widerspruch des eigenen Vaters. Als junger Ordensmann war Kaspar mehrere Jahre im Internat des Klosters Dürrnberg als Präfekt tätig.

Nur wenige Jahre später, am 26. September 1899, starb Kaspar Stanggassinger in Gars, kurz nach Eröffnung des Knabenseminars (Juvenats), dessen Direktor er werden sollte, vermutlich an einer Darmerkrankung, die heute mit einem Routineeingriff zu heilen wäre. Biografen, Prediger und auch die Seligsprechungstexte stimmen darin überein, dass es nicht spektakuläre Taten waren, die sein Leben zu dem eines Heiligen machten, sondern dass er im vorbildlichen Tun des Alltäglichen herausragte. „Seine liebenswürdige Gestalt voll ungewöhnlicher Güte ist ein Vorbild für die Jugend von heute“, heißt es im Dokument zur Seligsprechung. „Tun, was der Tag verlangt“, so der Titel einer Biografie, bedeutete für Pater Stanggassinger nicht betriebsblindes Aufgehen in Alltagspflichten, sondern Schritt für Schritt den Weg einer Christusnachfolge zu gehen, wie er sie verstand. „Sei zufrieden mit den kleinen Fortschritten und strebe nicht nach zu hohen Dingen! … Fürchte die hohen Gipfel und suche nichts Außergewöhnliches!“, schreibt er in sein geistliches Tagebuch.

In seinen überlieferten Predigten, Vorträgen und Selbstzeugnissen findet man Aussagen, die in damaliger Zeit wegweisend gewesen sein müssen und die dem jungen Pater und Präfekten auch Widerstand eingebracht haben dürften. So las er – ungewöhnlich für die Zeit – pädagogische Literatur, um seinen Schützlingen besser gerecht zu werden. Er wandte sich gegen die Sucht, private Offenbarungen haben zu wollen und verwies auf die zentralen Glaubenswahrheiten der Evangelien und der Person Christi, die völlig ausreichend seien. Auch wandte er sich gegen einen moralischen Rigorismus, der sich in seinem Umfeld zuweilen in unbarmherziger Strenge äußerte. Zu Recht bekam Kaspar Stanggassinger den Ruf eines menschlichen und eben nicht „entrückten“ Heiligen, weil er im Grunde nichts anderes tat als andere, aber auf eine Weise, die nachzuahmen sich lohnt.

So könnte er heute ein nahbares Vorbild sein und gerade in einer Zeit, in der skandalöser Missbrauch innerhalb der Kirche kaum heilbare Wunden aufgerissen hat, als notwendiges Beispiel dafür gelten, dass gute Erziehung aus dem Geist des Evangeliums möglich bleibt.

Originalzitate aus Stanggassingers Schriften:

„Die Religion muss die ganze Erziehung durchdringen… auf dass sie eine Gefühlserziehung wird; auf dass der Mensch zuerst Mensch und dann Erbe des Himmels wird.“ [Heinzmann, 226]

„Die Freude muss ein Mensch haben, denn sonst kann er nicht leben: Traurigkeit verkürzt das Leben.“ [Heinzmann, 239]

„Hoffnung und Vertrauen, sonst verbitterst du dir selbst das Leben.“ [Heinzmann, 239]

„Es ist keine Kunst, vor Gott zu knien und geistlichen Trost zu haben. Aber die verschiedensten Arbeiten verrichten und dabei immer freudig den Willen Gottes zu tun, das ist eine große Gnade, um die du beten musst.“ [Weiß, Tun, was der Tag verlangt - 53-54]

„Es gibt zwei Arten, die Kinder zu verderben: übertriebene Strenge und weichliche Verzärtelung.“ [Heinzmann, 226]

„In den Augen Gottes gibt es nichts Kleines. Auf die Absicht kommt alles an. Das kleinste Werk kann vor Gott zu einer Großtat werden.“ [Heinzmann, 235]

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