Waldkraiburg – Sie lebt seit 47 Jahren in Deutschland, ist seit 46 Jahren mit einem Deutschen verheiratet, gab 22 Jahre Englisch-Kurse bei der VHS und machte nun den Einbürgerungstest: Anne Grabbe. Die 72-jährige Britin ist seit Dezember deutsche Staatsbürgerin. Zu unsicher war ihr die Situation als Ausländerin in Deutschland durch den drohenden Brexit.
Nach 47 Jahren in Deutschland haben Sie sich nun einbürgern lassen – warum?
Wenn der Brexit kommt, ist so vieles unklar, etwa was mit den Briten im Ausland passiert. Die Unsicherheit ist groß. Ich will nicht plötzlich zurück müssen, obwohl ich hier so lange lebe und mit einem Deutschen verheiratet bin. Als wir 1972 geheiratet haben, hab ich mich nicht damit beschäftigt, ob ich mich einbürgern hätte lassen können. Jetzt, mit 72 Jahren, werde ich Deutsche. Ich behalte aber meinen englischen Pass, habe die doppelte Staatsbürgerschaft.
Sie hatten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, die Sie stets immer wieder mit ihrem Pass verlängert haben. Hätten Sie das nicht einfach weiter so handhaben können?
Vermutlich schon. Aber ich bin nicht mehr die Jüngste. Was ist, wenn später mal was ist? Wie ist das rechtlich – mit meinen Kindern. Man wird ja kaum informiert, was der Brexit am Ende für uns alle bedeutet. Außerdem durfte ich als in Deutschland lebende Britin in England nicht wählen – hier nur Landrat und Bürgermeister. Jetzt darf ich auch Landtag und Bundestag wählen. Schade, dass ich die Einbürgerungsurkunde nicht mehr vor den Landtagswahlen bekam. Ja, ich hätte das alles früher beantragen können, aber ich hatte bisher keinen Grund zum Handeln.
Fürchten Sie den Brexit?
Ich frage mich, wo das Ganze enden wird. Für die jungen Leute ist es ein Hammer. Auch die praktischen und zollpolitischen Fragen, etwa wie das an der Grenze zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland gehandhabt werden soll, scheinen mir nicht geklärt zu sein. Ich verstehe die Notwendigkeit des Brexits nicht. Es ist doch so lange Jahre gut gegangen – und jetzt auf einmal?
Woran liegt das?
So abgestimmt haben vor allem die Älteren. Ich denke, die waren nicht genug aufgeklärt, was jetzt wirklich auf sie zukommt. Gäbe es heute eine neue Abstimmung, ich glaube, es würde zum „Exit vom Brexit“ kommen. Weil die Menschen jetzt sehen, was das alles bedeutet. Ich hoffe, der Brexit kommt nicht zustande.
Wie denken Sie über Premierministerin Theresa May?
Ich kenne sie nicht. Wenn ich sie im Fernsehen sehe, kommt sie mir vor wie die zweite Maggy Thatcher, dieser sture Kurs. Sie müsste es doch ahnen, dass es einfach nicht funktioniert. Aber das wird sie nicht zugeben. Es war ein Fehler, dass Großbritannien dachte: So weit weg vom Festland, wir sind eine unabhängige Insel und wollen so bleiben. Das ging ja schon mit der Euro-Zone los, aus der man lieber draußen blieb. Und dann ist das Pfund Sterling immer weiter abgesackt.
Sie mussten einen Papierkrieg auf sich nehmen, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. Ist diese Bürokratie typisch Deutsch?
Ich hab mich zwar gewundert über den vielen Papierkram, den ich erledigen musste. Aber das ist nicht typisch Deutsch, das ist in England genauso, wenn nicht schlimmer. Loben möchte ich das Einbürgerungsbüro im Landratsamt Mühldorf. Die Leute dort waren sehr menschlich und nett. Sie setzten sich ein, dass meine Nachweise der deutschen Sprache als ausreichend betrachtet werden.
Das hat ja leider nicht geklappt, obwohl Sie als Sprachdozentin für Englisch bei der VHS tätig waren und man ihnen dort ein entsprechendes Niveau bescheinigt hatte.
Ja, es half alles nichts, ich musste das Zertifikat Deutsch B1 oder den „Deutsch-Test für Zuwanderer“ bestehen.
Wie erging es Ihnen im Test?
Das war ja schlimmer als Schule – nach so vielen Jahren wieder in einem Klassenraum mit kleinen Einzeltischen zu sitzen – mit anderthalb Meter Abstand zum Nachbarn, dass man ja nicht abschreiben oder einflüstern kann (lacht). Ich hab mich hingesetzt und gebebt, so aufgeregt war ich.
Sie sprechen so gut, fast akzentfrei Deutsch. War der Deutschtest schwer?
Ich habe keinen Vorbereitungskurs gemacht, weil ich ja seit 47 Jahren die Sprache spreche, aber dennoch fiel er mir nicht leicht. Es ging um Leseverstehen, Hörverstehen, schriftlichen Ausdruck und Grammatik. Grammatik ist meine Schwäche, daran werde ich in Zukunft feilen müssen (lacht). Ich hatte Angst, zu viele Fehler zu machen und den Test wiederholen zu müssen. Schwierig waren die Tonpassagen in österreichischem und schweizerischen Dialekt. Mein Mann und meine Kinder sind sehr stolz, dass ich in meinem Alter noch so eine Prüfung gepackt habe.
Worum geht es denn beim Einbürgerungstest?
Um Allgemeinwissen aus dem historischen, politischen oder gesellschaftlichen Bereich. Von 33 Fragen muss man mindestens 17 richtig haben. Es kam zum Beispiel die Frage nach dem Kniefall von Warschau von Willy Brandt oder welche Farben die bayerische Flagge hat. Den Test konnte ich bei der VHS in Mühldorf absolvieren, weil mir da der Termin gepasst hat. Ich hab mich daheim auf die Prüfung vorbereitet.
Fühlen Sie sich nun „deutscher“?
Nein, auch nicht anders als vorher. Deutschland ist meine zweite Heimat geworden, ich habe meine Familie hier. In England lebt mein älterer Bruder mit seiner Familie, den ich öfters besuche. Leider wird man immer ängstlicher bei Flugreisen.
Haben Sie einen Tipp für andere, die Deutsch lernen?
Sprache lernt man nur, wenn man unter Menschen geht. Wenn man stumm in der Ecke hockt, da wird man nicht alt, da geht man ein. Meinen Kursteilnehmern sagte ich, sie sollen versuchen ihr englisches Vokabular auszusprechen. Wenn es verkehrt ist, so what? Man kriegt keine Noten drauf. Einfach reden und üben. Ich spreche Hochdeutsch. Wenn ich versuchen würde, bayerisch zu sprechen – nein, das will ich keinem antun. Außer „Ja, mei“, das geht immer.