„Gegen Grippe im Oktober impfen“

von Redaktion

Was mich freut – was mich ärgert Joachim Grytzyk kritisiert Impfstoff-Hersteller

Waldkraiburg – Die Grippewelle rollt womöglich gerade erst an. Doch wer sich jetzt noch impfen lassen will, kommt zu spät: Der tetravalente Impfstoff gegen Influenza ist fast überall aus.

Kein Verständnis dafür hat Joachim Grytzyk. Im Dezember versuchte er für sich und seine Frau Elsbeth – beide sind über 60 – eine Grippeimpfung zu bekommen. „Da hieß es, der Impfstoff ist aus. Kurz vor Weihnachten immer noch. Vielleicht im Januar, hieß es“, so der Waldkraiburger. Aber auch jetzt ist kein Impfstoff verfügbar. Bei seinem Hausarzt erfuhr Grytzyk, es komme auch keiner mehr.

„Die Grippe-Gefahr ist doch besonders im Januar und Februar gegeben. Es kann doch nicht sein, dass es keine Impfstoffe mehr gibt“, sagt er kopfschüttelnd. Menschen über 60, vor allem jene, die wegen anderen Erkrankungen Medikamente nehmen müssen, die das Immunsystem schwächen – wie bei seiner Frau – brauchen die Impfung dringend. Und sie werde schließlich empfohlen.

Er mache aber nicht den Praxen den Vorwurf. „Niemand kann verlangen, dass sie so viele Impf-Dosen lagern, dass sie unter Umständen drauf sitzenbleiben. Aber auf Herstellerebene wäre das schon zu erwarten“, so Grytzyk. Über das Krankenversicherungssystem gehören sie ja wohl zu den privilegierten Wirtschaftsunternehmen. Da ist doch zu erwarten, dass für bundesweite Nachfragen genügend Reserven bereit gehalten werden, kritisiert er.

„Jeder, der will, muss sich gegen Grippe impfen lassen können“, versprach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn noch im Spätherbst vergangenen Jahres beim Besuch des für die Impfstoffüberwachung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Kurz darauf zeichnete sich bereits ab, dass es knapp werden würde mit Vakzinen gegen die gefürchtete Influenza. Mittlerweile herrscht bundesweit fast überall Leerstand.

Ausnahme: Wenn Ärzte vorausschauend eine große Menge an Impfstoffen vorbestellen. Wie die Ärztin Gabriele Wroblewski. „Ich bin Haus- und Kinderärztin und habe einfach eine große Menge vorbestellt“, sagt sie auf Nachfrage der Zeitung. In der Regel wollen an die 300 Menschen sich von ihr impfen lassen – heuer seien es doppelt so viele. Das hat auch sie überrascht.

Arztpraxen dürfen sich gegenseitig aushelfen

Die Vierfachimpfung sei sehr gefragt, weil sie viele Grippestämme abdecke. „Heutzutage sind die Impfstoffe sehr gut, nicht wie früher das billige Zeug. Und die Leute wollen diese gute Impfung“, erklärt die Waldkraiburgerin. Die gute Nachricht: Sie leihe Impfstoffe an Kollegen. „Wir helfen uns gegenseitig aus“, sagt Wroblewski. Mit einem Überweisungsschein geht das.

„Das ist toll, dass Frau Wroblewski so gut vorausgeplant hat“, sagt Apothekerin Susanne Engelmann. Aber auch ein kalkulatorisches Risiko. Wer zu viele Impfstoffe geordert hat und darauf sitzenbleibt, muss sie wegschmeißen. Daher sei es ideal, dass sich Ärzte untereinander aushelfen dürfen, denn bei den Herstellern in Deutschland gibt es nichts mehr. Oder man lässt sich ein Privatrezept ausstellen und kauft in Österreich eine Dosis. Dort gibt es momentan noch ausreichend davon.

Engelmann erklärt, wie es zu den Lieferengpässen kommt. Die Praxen müssen ihren Bedarf spätestens im Juli anmelden. Anhand der Bestellungen werden die Vakzine produziert. Eine Nachproduktion sei meist nicht möglich, zu lange dauere das Verfahren, das die Medikamente beim Paul-Ehrlich-Institut durchlaufen müssen.

Eine Panik in der Bevölkerung könne sie deswegen nicht feststellen. „Wir haben weniger Nachfragen. Die Welle ist heuer nicht so schlimm. Vergangenes Jahr war es heftiger“, sagt Engelmann. Ihr Appell an alle – nicht nur Risikopatienten: Wer eine Impfung möchte, sollte dies bereits im Oktober vornehmen lassen, allerspätestens im November. „Da ist man noch nicht erkältet und zur richtigen Zeit vorbereitet.“

Inzwischen konnten sich Grytzyks per Überweisung doch noch impfen lassen – mussten vorher allerdings selbst bei den Ärzten in der Stadt Klinken putzen.

Er hat einen Vorschlag an die Ärztevereinigungen in der Region: Sie sollten eine Datenbank bereitstellen, auf der Praxen ihre Restbestände melden können. Das Internet biete entsprechende Möglichkeiten. „Dann können die Ärzte für die Patienten rasch nachsehen und man muss selbst nicht stundenlang herumtelefonieren.“

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