Artenvielfalt

Honigbiene als Gallionsfigur

von Redaktion

Interview Dr. Zahn erklärt, warum das „Volksbegehren Artenvielfalt“ so wichtig ist

Waldkraiburg – Unter dem Titel „Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern – Rettet die Bienen!“ hat die ÖDP ein Volksbegehren auf den Weg gebracht, um den Naturschutz zu verbessern. Die Initiatoren und ihre Bündnispartner wollen das Insektensterben stoppen und auch andere Tier- und Pflanzenarten schützen. Dr. Andreas Zahn, Bund-Naturschutz-Experte, erklärt im Interview warum es manchmal eher schon fünf nach zwölf ist.

Worum geht es bei dem Volksbegehren?

Wir wollen die bayerische Staatsregierung dazu bewegen, sich effektiver als bisher für den Naturschutz einzusetzen. Derzeit redet man viel, aber vor Ort sterben immer mehr Arten aus. Deshalb müssen entscheidende Details im Naturschutzgesetz geändert werden. Wichtige Punkte des Volksbegehrens sind naturnahe Randstreifen an Gewässern, das schafft Lebensräume und hilft dem Trinkwasserschutz.

Welche Ziele gibt es noch?

Etwa, staatliche Flächen pestizidfrei zu bewirtschaften und Pestizide in Schutzgebieten zu verbieten. Bayern sollte hier Vorbild sein. Da die ökologische Landwirtschaft die Umwelt weniger belastet und Ökoflächen artenreicher sind, soll ihr Anteil auf mindestens 20 Prozent steigen. Persönlich freue ich mich besonders über das Ziel, zehn Prozent des Grünlandes in Blumen- und Kräutereiche Wiesen umzuwandeln. Bunte Wiesen gehören zu den Lebensräumen, die am stärksten abgenommen haben, gerade auch im Landkreis Mühldorf. Für wenige Monate bestehende Blühflächen auf Äckern sind da kein Ersatz.

Was muss langfristig passieren?

Langfristig ganz entscheidend ist für die Artenvielfalt das Ziel, 13 Prozent der Landesfläche als Biotopverbund auszuweisen. Denn viele Vorkommen seltener Arten sind durch Straßen und intensive Landnutzung völlig isoliert. Sie sind damit „lebende Tote“: Sterben sie aus, etwa bei extremer Witterung oder durch Inzucht, kann die Art den Lebensraum nicht mehr besiedeln. Ein Netz aus „Biotopen“ und „Trittsteinen“ könnte die Wanderung vieler Arten erleichtern.

Das Volksbegehren läuft ja auch unter dem Titel „Rettet die Bienen“ – aber es geht ja um viel mehr als die Bienen. Warum ist die Biene eine geeignete „Gallionsfigur“ für das Thema.

Die Honigbiene berührt uns Menschen besonders. Einerseits ist sie für die Bestäubung vieler Nutzpflanzen wichtig, anderseits scheibt man ihr sympathische Eigenschaften zu, wie den Bienenfleiß. Überdies fasziniert uns der komplexe Bienenstaat. Auch haben die Bienen zum Glück durch die Imker wichtige Helfer, die seit Jahren die Probleme in der Bevölkerung bekannt gemacht haben.

Biene ist nicht gleich Biene. Muss man unterscheiden zwischen Wild- und Honigbienen? Wer ist bedroht und warum? Liegt es an einer hohen Spezialisierung auf Lebensräume? Und warum sind Bienen wichtig?

Wildbienen, wie beispielsweise die Hummeln, haben eine große Bedeutung als Bestäuber von Bäumen, Blumen und Nutzpflanzen. Allein durch die Honigbiene würde keine so gute Bestäubungsleistung erreicht. In Bayern wurden über 500 Wildbienenarten nachgewiesen. Allerdings sind davon schon 40 Arten sicher oder wahrscheinlich ausgestorben. Und über 50 Prozent stehen auf der Liste bedrohter Arten. Laut bayerischer Roten Liste liegt dies vor allem an der Vernichtung ihrer Lebensräume: Landschaften mit alten traditionellen Formen der Landwirtschaft haben zu sehr abgenommen.

Was braucht die Wildbiene vom Menschen?

Manche Wildbienen sind auf ganz bestimmte Kräuter angewiesen, die eben nicht auf dem Acker oder in einer fünfmal jährlich gemähten Wiese wachsen. Und auch nicht in einem angesäten Steifen aus Sonnenblumen am Maisfeldrand. Vielmehr muss es genug Blumenwiesen, ungedüngte Raine, Obstgärten oder Waldränder mit Sträuchern geben.

Heißt das, wenn die Biene verschwindet, essen wir irgendwann nur noch Spargel und Kartoffeln? Was droht uns da?

So weit ist es zum Glück noch nicht. Und das Volksbegehren wird hoffentlich dazu beitragen, dass es den Wildbienen wieder besser geht. Aber in der Tat: Rund 80 Prozent aller Pflanzen sind auf Bienenbestäubung angewiesen und könnten sich ohne Bienen nicht mehr vermehren. Das würde die meisten Ökosysteme extrem stören und natürlich massive Auswirkungen auf uns Menschen haben.

Sie sagen ja, man darf die Bedeutung der Arten nicht nur darauf beziehen, wie wertvoll sie für den Menschen ist.

Ich finde, es darf nicht nur um Arten gehen, die für uns wirtschaftlich wichtig sind, wie die Bienen. Ohne Rebhuhn und Feldlerche geht Bayern zwar nicht unter. Aber es wird wieder ein Stück ärmer. Es gibt viele Arten, deren Verschwinden uns keinen finanziellen Schaden verursacht. Im Gegenteil, wir werden Geld ausgeben müssen, um sie zu retten. Aber sollte uns das eine vielfältige, erlebnisreiche Umwelt nicht wert sein? Letztlich ist das auch eine ethische Frage: Haben Wiesenpieper & Co nicht das Recht, weiter in Bayern zu leben?

Biotope gelten als letzter Rückzugsort für seltene Arten. Am Innkanal gab es Untersuchungen durch den Betreiber. Der Verbund hat etwa seltene Pflanzen dort kartiert. Aber was bedeutet das für den Arterhalt?

Am Innkanal haben sich Pflanzen und Tiere gehalten, die auf magere, selten gemähte Wiesen angepasst sind. Etwa die Zierliche Sommerwurz, der Große Klappertopf oder der Heidegrashüpfer. Als der Kanal gebaut wurde, waren sie wohl weit verbreitet. Durch die Intensivierung der Landnutzung haben sie nur an wenigen Stellen überlebt, etwa an machen Straßenböschungen oder eben am Kanal. Da der Kanal so lang ist und lokal unterschiedliche Lebensbedingungen bietet, ist er besonders artenreich und stellt eine Vernetzungsachse da, so wie sie das Volksbegehren wünscht. Doch der Verbund baut derzeit die Kanaldämme um, damit die Wassermenge erhöht werden kann. So wichtig die erneuerbare Energie ist: Es muss vermieden werden, dass beim Kanalausbau seltene Arten aussterben, wie etwa der Heidegrashüpfer.

Gibt es Beispiele, wie bestimmte Bestände in den vergangenen Jahrzehnten in Bayern zurückgegangen sind?

Im Landkreis Mühldorf sind zum Beispiel Tamariske und Warzenbeißer ausgestorben, die Wechselkröte steht kurz davor. Wiedehopf, Braunkehlchen und Brachvogel brüten nicht mehr bei uns. Bayernweit verdeutlichen die Roten Listen gefährdeter Arten die Situation. Rund vierzig Prozent aller Großpflanzen und Tiere sind hier aufgeführt. Schlimm ist, dass auch Allerweltsarten wie Mauersegler, Mehlschwalbe oder Grasfrosch stark abgenommen haben.

Manche Arten verschwinden schleichend. Ist die modernisierte Landwirtschaft mitverantwortlich?

Natürlich tragen auch Faktoren wie Siedlungsbau und Verkehr zum Artenschwund bei. Doch ein großer Teil der bayerischen Flora und Fauna ist an traditionelle Landwirtschaft angepasst. Damit sind zum Beispiel Wiesen gemeint, die nur zweimal jährlich gemäht werden. Die Landnutzung hat sich aber seit 1950 dramatisch verändert.

Und damit kommen viele Tier- und Pflanzenarten nicht zurecht?

So ist es. Und viele Lebensräume wurden ganz beseitigt: Die nasse Wiese entwässert, der Feldrain umgeackert, der geschlängelte Bach begradigt, der magere Hang aufgeforstet und der Obstanger gefällt. Und wo es solche „Biotope“ noch gibt, werden sie oft durch den Eintrag von Dünger geschädigt. Und ihre Bewohner sind vielfach gefangen in einer für sie lebensfeindlichen Umgebung.

Was fordert das Volksbegehren von der Landwirtschaft? Schwächt dieser Druck die kleinen Bauern noch mehr?

Für viele Landwirte ist Naturschutz seit jeher selbstverständlich, auch ohne Gesetzeszwang und Fördergelder. Ein Glück, denn sonst wären viel mehr Arten ausgestorben. Leider reicht das nicht, wie ein Blick auf die Roten Listen gefährdeter Arten zeigt. Und uns läuft die Zeit davon, Appelle, Gutachten und Gedöns genügen nicht mehr. Jetzt müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen optimiert werden. Das Volksbegehren fordert, dass auf einem gewissen Teil der landwirtschaftlichen Fläche nicht der Ertrag im Vordergrund steht, sondern das Gemeinwohl.

Wie könnte das aussehen?

Bayern steht wirtschaftlich gut da. Es muss in der Lage sein, die Landwirte für Ertragsausfälle zu entschädigen und den Aufwand für den Erhalt naturnaher Lebensräume besser als bisher zu honorieren. Das ist entscheidend, um die Ziele des Volksbegehrens umzusetzen. In vielen Gegenden Bayerns ist die Landschaftspflege schon jetzt zu einem bedeutenden Standbein für Landwirte geworden. Gerade bei kleineren Betrieben, die den Wettkampf um große Produktionsmengen derzeit oft verlieren, kann dies ein wichtiger Teil des Einkommens sein.

Auf der Liste

Uns läuft die Zeit davon,

Appelle, Gutachten und Gedöns genügen nicht mehr. Jetzt müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen optimiert werden.

Dr. Andreas Zahn

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