Kraiburg – Wer die unscheinbare Garage von Adi Ruhaltinger in Malseneck betritt, wird überrascht sein, was sich darin verbirgt. Es ist ein knallgrünes Rallye-Auto, der Marke Tomcat, gebaut auf der Basis eines Land Rovers. Vier fette Silverstone MT 117 Xtreme 35/10.50 R16 Reifen garantieren die optimale Traktion im tiefsten Schlamm. Oder im Wüstensand. Der Tomcat wird gerade fit gemacht für die Tuareg-Rallye in Algerien, die in einer Woche startet.
Der Off-Road-Liebhaber Ruhaltinger (55) investierte mit seinem Spezl Ernst Amort (54) unzählige Arbeitsstunden in seinen 240 PS starken Geländewagen, der aus diversen Einzelteilen zusammengebaut ist. Ein echtes Unikat. Von 16. bis 23. März wartet das Wüstenabenteuer auf die Schrauber-Freaks, die als Pircher-Racing-Team starten.
Keine Angst, auch wenn das Auswärtige Amt warnt
Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Algerien, denn in den letzten Jahren kam es dort immer wieder zu Terroranschlägen und Entführungen. Aufgrund der Gefahrenlage, die noch immer dort besteht, rieten die Behörden zu erhöhter Vorsicht.
Die beiden Rallye-Fahrer sehen ihrer Reise entspannt entgegen. „Wenn es tatsächlich gefährlich für die Teilnehmer wäre, hätte man die Veranstaltung erst gar nicht genehmigt. Sie findet nicht weit von der Grenze zu Marokko statt. Der Veranstalter würde niemals ein Risiko eingehen“, erklärt der sympathische Mühldorfer, der Adi.
„Aufgrund der politischen Lage fanden viele Jahre keine Rennen in Algerien statt. Dieses wird unser erstes dort sein. Daher ist das auch etwas Besonderes für uns“, setzt er fort.
Seine erste große Rallye fuhr er vor etwa 15 Jahren in Rumänien. Damals hatte er einen anderen Teamkollegen. Vor etwa zehn Jahren lernte er bei einer Veranstaltung in Italien seinen Spezl Ernst kennen, der damals ein Konkurrent für ihn war.
Aus anfänglicher Rivalität wurde eine tolle Freundschaft. Die beiden verbindet die Liebe zum Motorsport. Amort, der aus Meran stammt und dort auch lebt, kommt so oft er kann, nach Kraiburg, um mit seinem Teamkollegen den Geländewagen wettkampftüchtig zu machen.
Ruhaltinger arbeitet hauptberuflich im Oldtimer- und Rennsportservice. Er kennt die Gefahren des Extremsports nur zu gut. Gegenseitiges Vertrauen zwischen Pilot und Co-Pilot ist außerordentlich wichtig. Gefahren können überall lauern. Es kann zu technischen Problemen oder Unfällen kommen, aber auch gesundheitlich könne es einen böse erwischen. Dehydrierungen während einer Tour seien keine Seltenheit.
Die Rollen bei den Rallyes sind klar verteilt. Amort ist der Pilot und Ruhaltinger der Co-Pilot. Das Fahrzeug muss vom TÜV abgenommen und technisch einwandfrei sein.
Ein Alarmknopf und ein satellitengestützter Spot-Tracker in den Fahrzeugen sind Pflichtausstattungen. „Rettungsdienst, Helikopter und Sicherheitsteams sind ständig im Einsatz. Braucht man Hilfe, drückt man den Alarmknopf“, so Ruhaltinger.
Helm mit Funk ist ebenfalls Pflicht. Einmal zum eigenen Schutz und zum anderen zur Kommunikation. Miteinander sprechen ist nur über Funk möglich. Natürlich besteht auch beim Rennen Gurtpflicht. Die genaue Route kennen die Fahrer noch nicht. Sämtliche Infos erhalten sie nämlich erst am Veranstaltungsort.
Vor Fahrtantritt bekommt jedes Team ein Roadbook, das zur Wegbeschreibung der Verbindungsetappen und dem Auffinden von Zeitkontrollen dient. „Dieses Buch nennen wir auch Gebetsbuch vom Co-Piloten, denn es muss genau nach diesen Angaben gefahren werden“, so der Extremsportler. Bei einer Rallye fährt man verschiedene Stationen an. In den einzelnen Camps werden die Tagesziele ausgewertet. Diese entscheiden dann, wann man am nächsten Tag starten darf. Die Starts finden im Minutentakt statt.
Weite Etappen, Marathonetappen, verlangen Sitzfleisch. Oft ist man locker mal zehn bis zwölf Stunden im Fahrzeug. Zeit ist alles: Je kürzer die Fahrtzeit, umso früher darf man am nächsten Tag seine Tour fortsetzen.
Bei solchen Wettkämpfen ist man auf unwegsamem Terrain unterwegs. Die Fahrzeuge müssen geländetauglich sein, durch Sand, Schlamm, Wasser und Geröll fahren können, ohne dass sie liegenbleiben. Die Strecken wechseln sich ab zwischen Dünen, Pisten und Off-Road-Abschnitten.
Auch Flüsse werden überquert. „Da kann es auch mal vorkommen, dass das Fahrzeug fast bis zum Dach im Wasser versinkt. Steckt man fest, hilft nur noch eine Seilwinde, die der Co-Pilot an einem Baum befestigt, um das schwere Gerät aus der misslichen Lage zu befreien“, sagt Ruhaltinger.
Der grüne Tomcat hat keine Scheiben – was auf den ersten Blick verwundert. Ruhaltinger erklärt, dass sich das Fahrzeug beim Durchqueren von Flüssen mit Wasser füllen muss. Dadurch hat man festen Stand zum Boden. Wenn das Auto geschlossen wäre, würde es sofort anfangen zu schwimmen. Keine Fenster bedeutet mehr Sicherheit. Heißt aber auch, dass die Fahrt dann mit komplett nasser Kleidung und nasser Ausrüstung weitergeht.
Das Roadbook ist
das Gebetsbuch des Co-Piloten
Sobald die zwei ihren Geländewagen fertig haben, wird er von einem Spezl abgeholt und mit einem Lkw nach Algerien verfrachtet. Das ist noch mit viel Schriftverkehr und Arbeit verbunden. „Wenn wir erstmal in unserem Wagen sitzen, wird der Schalter umgelegt. Da ist der ganze Stress der letzten Wochen schnell vergessen. Wir fahren aus Ehrgeiz und für den Adrenalinkick“, sagt Ruhaltinger.
Großes Ziel ist es, heuer auf ein Siegertreppchen zu steigen. „Diesen Sieg widmen wir dann unserem verstorbenen Freund“, sagt er nachdenklich. Preisgelder seien eher dürftig. Sachpreise und das Startgeld für die nächste Rallye erwartet den Gewinner.
Die Meinungen zu seiner Leidenschaft innerhalb der Familie sind unterschiedlich. Während Ruhaltingers Partnerin und seine Kinder sein Hobby akzeptieren, jedoch nicht vom Motorsport-Fieber infiziert sind, ist seine Mutter mächtig stolz auf ihren Adi. „Sie findet mein Hobby superklasse. Vor allem freut sie sich immer tierisch über den schönen Kalender, den sie von mir bekommt. Darauf abgebildet sind beeindruckende Motive von meinen Rallyes.“