Unterreit/Waldkraiburg/Wasserburg – „Mein Hobby: Tore schießen“ war das erste Buch, das Erwin Rehling gelesen hat. Der gebürtige Soyener, der in Eichberg/Unterreit lebt, ist Jahrgang 1954. Das Jahr, in dem Fußballer Helmut Rahn, Verfasser des Buches, für das Wunder von Bern gesorgt hat.
An das Buch erinnert sich Erwin und an viele andere Details aus seiner Kindheit. Die verpackt er in seinem Stück „Neues von früher – Dorfgeschichten und widerspenstige Musik“, das er gemeinsam mit dem Waldkraiburger Posaunist Pit Holzapfel auf die Bühne bringt.
Ihr neuester Coup: Ein Klangbuch, erschienen im Mandelbaum-Verlag. Das Klangbuch ist ein liebevoll gestaltetes Büchlein mit Texten und Illustrationen. Dazu gehört das musikalische Album mit Sprech-Passagen von Rehling; es ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.
Linda Wolfgruber aus Südtirol hat die Illustrationen aus alten Fotos, Katasterplänen und eigenen Skizzen erstellt. „Mit ganz vui Gfui hat des die Woifgruaberin gmacht“, wie Rehling findet, der sich freut, ja aufgeregt ist, im Mandelbaum Verlag mit seinem Klangbuch geführt zu werden. Neben großen Namen wie Ilse Aichinger, Franz Kafka, Karl Kraus, deren Geschichten vertont wurden, gelesen von Schauspielern wie Tobias Moretti, Erwin Steinhauer oder Anne Bennent.
„Flichtlingsschixn aus Waldkraiburg“
Rehling streicht über das Werk und freut sich, dass „de Katz, die wieder word‘n ist‘“ auf verschiedenen Seiten vorkommt. Katzen, die Freigeister der Tierwelt, hat er gerne, dieser ungewöhnliche Mann mit seinen ungewöhnlichen Instrumenten.
Mit zwei Samtpfoten und seiner Freundin Kristin lebt er unterm Dach eines ehemaligen Bauernhofes in Eichberg – da, wo das Navi nicht hinfindet.
Seine Geschichten sind so authentisch, morbid und schwarzhumorig, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Eigenwillig und fein-derb, aber auch kindlich einfach sind die Anekdoten, die aus den 60ern stammen. Mal krass, mal berührend – und an unerwarteter Stelle witzig.
Rehling kommt aus Soyen und erinnert sich an den alten Bahnhof, sein Tor zu Welt. Dort, wo die Kälber verladen wurden in Waggons mit Stroh. Als Bub zog ihn das Armselige an, der Verlust, den man erlebt, „wenn was wegkommt“. Der Stier, der zum Schlachter muss, das totgeborene Ferkel oder der Metzger, der mit dem Bolzenschussapparat die Schweine „daschossn“ hat und vorher zu jeder Sau „Hände hoch“ sagte.
Auch um den ein oder anderen Schwank geht es, etwa den Auswärtigen, der beim Wirt in zwei Stunden 21 Weißwürste und sieben halbe Bier verdrückt hat, oder den Dorfburschen, der sich in eine Frau aus den nahen Flüchtlingsort Waldkraiburg verliebt hatte. Dann hieß es abfällig, „der und sei Flichtlingsschixn“.
Rehling hat eine bewegte Vita. Der multifunktionale Künstler, der in Wasserburg Abitur machte, wollte eigentlich Altenpfleger werden. Was für eine Verschwendung, sagte sein Geografie-Lehrer, der inzwischen verstorbene Eugen Urbas. „Bist du deppad?“, waren dessen Worte, lacht Rehling. Urbas ermutigte ihn, in München zu studieren; Geografie und Geschichte. Gescheitert sei er an den Statistikscheinen, sagt er.
Was ihm nichts ausmachte, denn die Kunst rief. Verschluckt wurde er damals von der „Moohn Theaterlandschaft“. Seither lebt er von Theater und Musik. Hat viele Projekte am Laufen, etwa mit Udo Wachtveitl bei Krimi-Lesungen oder mit Gerd Anthoff in „Anthoff liest“.
Mit der Zehe
die Fliese für‘s
Flexen festgehalten
Hilfsarbeiterjobs machte er auch, etwa bei Bildhauern. Handwerkliches Geschick kommt ihm heute noch zugute. Mit Werkzeug kann er umgehen. Sein Steinspiel, ein Lithophon, hat er selbst gemacht.
„Mit der letzten Zehe hab ich die Fliesenscherben festhalten und mit der Flex ganz knapp dran vorbei geschnitten, um sie zu stimmen“, so der 65-Jährige. Darauf zu spielen sei die totale musikalische Freiheit. „Die Fliesen sind ja nicht sauber gestimmt, haben ihre eigenen Töne. Ganz was anderes als das Marimbafon, das afrikanische Klangstabspiel, das pentatonisch gestimmt ist.“ In seinem Keller in Eichberg haben Pit Holzapfel und er die Stücke für das Klangbuch eingespielt. Ein Kollege, Martin Finsterlin, machte die Sprachaufnahmen, Pit übernahm das Mastering. „Wir sind ein kleiner bescheidener Haufen und alle sehr glücklich mit dem Ergebnis“, sagt Rehling. Schon feilt er an einer Fortsetzung: „Neues von früher II“. Da kommen Erlebnisse aus dem jungen Erwachsenenalter vor, etwa der erste Joint, oder das Leben in der „Kommune“ Irlhäusl in Gatterberg. Man darf gespannt sein.