Waldkraiburg – Außer Betrieb. Vergeblich wartet Christine Hylla im fünften Stock darauf, dass sich die Türen des Fahrstuhls öffnen. Für die gehbehinderte Frau sind das die Türen zum Leben draußen. Seit 18. Januar ist der Lift aber nun schon nicht mehr in Betrieb, die Waldkraiburgerin ist damit mehr und mehr vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten.
Je weiter oben,
umso höher die Mietminderung
Seit 1999 wohnt Christine Hylla in der Wohnanlage in der Prager Straße. Immer wieder mal sei der Lift für kurze Zeit kaputt gewesen. Aber fast vier Wochen? So viel sie weiß, habe der TÜV den Fahrstuhl nicht mehr abgenommen. Der ist daher außer Betrieb. Seitdem müssen die Mieter in dem sechsstöckigen Haus in der Stadtmitte die Treppe nehmen. Für Christine Hylla eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Die 56-Jährige bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente und ist seit ihrer Kindheit gehbehindert.
Kontakt mit dem Eigentümer aufzunehmen, gestaltet sich schwierig für Christine Hylla. 2007 wurde die Wohnanlage an einen neuen Eigentümer nach Luxemburg verkauft, mittlerweile hat bereits die dritte Hausverwaltung die Aufgaben übernommen.
Derzeit ist die Adler Wohnen Service GmbH zuständig. Sie hat auch reagiert: In einem Schreiben wurden die Mieter darüber informiert, dass sich die Reparatur des Fahrstuhls schwieriger gestaltet als erwartet. Wann der Lift wieder in Betrieb genommen werden könne, sei bislang nicht absehbar.
Aus diesem Grund werde die Miete rückwirkend automatisch reduziert. Je weiter oben die Wohnung liegt, desto größer ist die Mietminderung.
Nur ein schwacher Trost für Christine Hylla. Ohne funktionierenden Lift fühlt sie sich zunehmend in ihrer Wohnung eingeschlossen. Die Treppe zu nehmen, ist mühsam für sie. Mit beiden Händen muss sie sich am Geländer festhalten, um nicht zu stürzen. Dann noch ihre Gehhilfe oder ihren Rollator mitzunehmen – Fehlanzeige.
Ihre Kinder und Nachbarn helfen ihr beim Einkauf, weil sie nicht schwer schleppen kann. Immer öfter greift sie auf das Angebot von „Essen auf Rädern“ zurück, weil sie ihre Wohnung so selten verlassen kann.
Hylla ist längst auf Wohnungssuche. Bei der WSGW und der Stadtbau hat sie sich eingetragen. „Ich bin bereit, umzuziehen. Mir reicht eine Eineinhalb- bis Zwei-Zimmer-Wohnung aus. Aber am liebsten im Erdgeschoss, maximal zweiter Stock.“ Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Sie hat keinen Führerschein und will weiterhin in der Stadtmitte wohnen.
Mit ihrem Problem ist Christine Hylla nicht allein. Auch einige ihrer Nachbarn sind nicht gut zu Fuß. Ihre 81-jährige Nachbarin ein Stockwerk tiefer ist wie sie auf einen Rollator angewiesen, nebenan wohnt ein Nachbar, der neurologische Probleme mit seinen Beinen hat. „Ich bin hier eingezogen, weil es einen Fahrstuhl gibt. Eine Mietminderung hilft nichts, wenn das Problem von Dauer ist“, sagt er. Ein bis zwei Monate würde man mit dem Problem auskommen, aber dann werde es schwierig.
Die Hausverwaltung arbeitet derweil an einer Lösung. Deren Vertreter Rolf-Dieter Grass bestätigt, dass der TÜV den Fahrstuhl nicht abgenommen hat. Weil es aber keine Ersatzteile gebe, müsse der Fahrstuhl ausgewechselt werden. „Aktuell werden Angebote eingeholt.“ Einen klaren Zeithorizont kann Grass aber nicht nennen. Er bedauere die unangenehme Situation für die Mieter. Bis ein neuer Fahrstuhl in Betrieb genommen wird, will die Hausverwaltung den Bewohnern das Leben erleichtern.
Ein- bis zweimal pro Woche sollen die Mieter auf einen Trageservice zurückgreifen können, der ihre Einkäufe zur Wohnung hochträgt. Außerdem soll jeder Mieter einen Kasten Wasser vor die Tür geliefert bekommen und die Hausverwaltung ist auf der Suche nach einem externen Partner, der die Mieter bei Bedarf zum Arzt bringt. „Uns ist die Lage der Mieter bewusst. Wir wollen sie auch nicht allein lassen. Aber die Suche nach einem externen Partner braucht Zeit“, bittet Grass um Verständnis.