Kraiburg – Misshandelt, vernachlässigt, unzureichend versorgt: Die Kinder tragen oft einen schweren Rucksack mit sich, wenn sie bei Carmen Cimander vor der Haustür stehen. Hier, in einem Kraiburger Siedlungshaus, sollen sie fortan eine andere Welt kennenlernen – eine Welt, mit regelmäßigen Mahlzeiten, Schutz und Verständnis. Was für viele selbstverständlich ist, haben manche Kinder noch nie zuvor erlebt.
„Viele Kinder führen einen Überlebenskampf“, erzählt Cimander. Seit zehn Jahren nimmt sie Pflegekinder bei sich auf – bis zu drei gleichzeitig. „Es kommt ganz auf die Herausforderung an. Weil ich jedem Kind gerecht werden will, wähle ich sorgfältig aus, sodass das System stimmig ist.“ Zehn Kinder hat sie bislang betreut – vom drei Tage alten Säugling bis hin zum fast Erwachsenen.
Vom ersten Tag hat sie sich auf „außergewöhnliche Kinder“ eingelassen, Kinder mit besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen, Kinder, die in ihrem Leben bereits viel erlebt haben. „Sie können oft keine Beziehung aufbauen, hatten bislang keine liebevolle Vertrauensperson.“
Genau darum geht es für sie: Das Vertrauen der Kinder gewinnen. „Das muss man sich erst verdienen.“ Viel Geduld, Verständnis, Beharrlichkeit braucht es dafür. Ein großes Stück Arbeit, bei dem die ganze Familie an Grenzen geraten könne. „Man muss diese Grenzen auch erkennen, und man darf sich selbst als Person nicht vergessen“, sagt die gelernte Kinderpflegerin. Immer wieder nehme sie sich eine Auszeit, um den Kopf frei zu kriegen. Ihre Eltern und ihre leiblichen Kinder stärken ihr den Rücken. Carmen Cimander hat selbst vier Kinder großgezogen, die alle bereits erwachsen sind. Mittlerweile ist sie Oma und aktuell zweifache Pflegemama. Einem sechsjährigen Buben und einem zweijährigen Mädchen bietet sie eine neue Familie.
Während ihrer Ausbildung zur psychologischen Beraterin kommen Erinnerungen an ihre Jugendzeit hoch. Ihre Eltern hatten zwei Pflegekinder aufgenommen, die mit ihr zur Schule gingen. Der Gedanke lässt sie nicht mehr los: Sie will Kindern ein Zuhause geben, eine feste Struktur. Ihre leiblichen Kinder, die zu dieser Zeit fast alle selbst noch zur Schule gehen, unterstützen sie.
Es folgen Schulungen, persönliche Gespräche, Gutachten – das ganze Prozedere eben. Ein freier Träger – die Krisenhilfe München – vermittelt ihr seitdem Pflegekinder. Bereut hat die 49-Jährige ihre Entscheidung nie. „Ohne Pflegekinder würde mir etwas fehlen. Ich erlebe immer wieder, dass ich mit meiner Arbeit Gutes tue. Von den Kindern kommt etwas zurück und das ist für mich Belohnung.“ Eines ihrer Kinder habe zu ihr einmal gesagt: „Ich habe eine Familie geschenkt bekommen.“ Noch heute hält es den Kontakt zu Carmen Cimander. Jedes Kind hat seinen Platz im Haus gefunden – verewigt mit einem Foto an der Bilderwand im Wohnzimmer.
„Ein Pflegekind läuft nicht so einfach mit, dessen muss man sich bewusst sein.“ Es sei eine herausfordernde, aber auch ehrenvolle Aufgabe, von der Gesellschaft aber nur wenig anerkannt. „Pflegekinder werden oft als Sonderlinge, Außenseiter abgestempelt. Viele verhalten sich tatsächlich anders, aber man darf nicht vergessen: Sie haben viel erlebt.“
Mal bleiben die Kinder nur für wenige Wochen, wenn deren Mütter auf Reha sind, ein anderes Mal auf Dauer, wenn sich die Eltern nicht länger um sie kümmern können. Egal, wie lange die Mädchen und Buben bleiben, sie wachsen ihr ans Herz. „Man muss aber so kompetent sein, die Kinder wieder loslassen zu können.“ Aber in dem Wissen, dass sie ihnen viel mitgegeben, ihnen „viel Dünger in die Wurzeln“ gestreut hat. So manche negative Erfahrung konnte sie den Kindern aus ihrem schweren Rucksack abnehmen. „Sie durften eine andere Welt erleben.“