Waldkraiburg – Die neuesten Nachrichten abrufen, Bilder posten oder Videos schauen: Das Smartphone ist allgegenwärtig und erleichtert vieles im Alltag. Doch die Nutzung des Smartphones hat seine Kehrseiten. Ein Vortrag am Gymnasium Waldkraiburg setzt sich genau damit auseinander. Die Heimatzeitung hat mit Ben Grünbichler, Geschäftsführer der Präventions- und Suchthilfeeinrichtung „neon“ in Rosenheim, über Risiken und eine sinnvolle Mediennutzung gesprochen.
Ständig erreichbar sein – für viele ist es fester Bestandteil des Alltags. Ist es auch bei Jugendlichen ein Problem?
Das Gerät ist allgegenwärtig. Studien zeigen, dass Jugendliche im Schnitt drei Stunden pro Tag aktiv am Smartphone sind. Die Nachtstunden ausgenommen, unterbrechen Jugendliche im Schnitt alle zehn Minuten ihr Tun, um aufs Handy zu schauen. Bezogen auf die gesamte Bevölkerung sind es etwa alle 18 Minuten.
Welche Auswirkungen hat das?
Man lässt sich ständig aus seinem Tun und Handeln rausreißen. Piepst das Handy, schüttet der Körper – ähnlich wie bei der Vorfreude auf eine Zigarette – das Glückshormon Dopamin aus. Es könnte ja etwas Wichtiges sein. Die Folge: Man verliert den Faden, wird unproduktiv und gerät in Stress. Dass man hoch konzentriert arbeiten kann, dieser Zustand tritt nicht mehr ein. Jugendliche verlernen, aufmerksam zu sein.
Aber selbst im Berufsleben wird man als Erwachsener ständig abgelenkt, zum Beispiel durch E-Mails.
Auch Beschäftigte sind weniger produktiv, weil die Kommunikationsetikette nicht eingehalten wird. Bei E-Mails werden oft Personen in CC gesetzt, obwohl sie nicht direkt davon betroffen sind. Es sind zwar nur Minuten, aber es reicht, um an Leistung zu verlieren. Studien beziffern für Amerika einen wirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe.
Kinder sollen heutzutage aber schon sehr früh lernen, mit den Medien umzugehen.
Eltern haben oft Angst, dass ihre Kinder abgehängt werden, wenn sie den Umgang mit Medien nicht lernen. Aber warum sind wir so euphorisch? Es ist wie ein Mantra: Jetzt sollen die Kinder den Umgang mit der Technik lernen. Später werden sie aber ohnehin mit einer anderen Technik arbeiten, die immer intuitiver und damit immer leichter wird. Viel wichtiger ist der reife Umgang, die Medienmündigkeit.
Was braucht es dafür?
Eine Grundreife, um Themen wie Datenschutz, Urheberrecht oder Strahlung zu verstehen. Unsere Erfahrung ist, dass Smartphones oft zu früh an Kinder abgegeben werden, obwohl Eltern sie selbst noch als unmündig einschätzen.
Gibt es eine Regel, ab wann Kinder ein Smartphone bekommen sollten?
Als Faustregel gilt: Smartphones sollten Kinder als Leihgabe bekommen. Aber nicht zum Geburtstag, Ostern oder Weihnachten, denn so könnten sie einen Besitzanspruch daraus ableiten. Kinder zeigen sich im Vorfeld sehr kompromissbereit, bei einem Smartphone als Leihgabe behalten die Eltern auch später die Hoheit.
Wie lässt sich die Nutzung des Handys einschränken?
Man ist nie davor gefeit, auf das Handy zu schauen, Es gibt natürlich Apps, um die Nutzung zeitlich einzuschränken. Aber das Problem der Technik lässt sich nicht mit Technik lösen. Und es kostet Überwindung, bestimmte Apps wieder von seinem Smartphone zu löschen.
Was ist daran so schwierig?
Für die Jugendlichen ist es wichtig, dabei zu sein. Größtenteils läuft deren Kommunikation über Apps wie zum Beispiel Whatsapp. Die Eltern geraten in ein Spannungsfeld, denn sie wollen nicht, dass ihr Kind im Aus steht. Wir wollen Eltern und Jugendlichen eine Anleitung geben, wie der Umgang sinnvoll funktioniert. Jugendliche sollen das Phänomen, die Mechanismen und die eigenen Bedürfnisse verstehen und ein anderes Bewusstsein entwickeln.
Gibt es Tipps, um den Umgang mit dem Smartphone zu reduzieren?
Eltern sollten ihren Kindern einen Wecker und eine Uhr schenken. Wer sich morgens vom Smartphone wecken lässt, checkt erst mal die Nachrichten, anstatt Energie für den Tag zu sammeln. Auch wer aufs Handy statt auf die Armbanduhr schaut, lässt sich unbewusst ablenken.
Wie können Eltern ihren Kindern ein Vorbild sein?
Es sollte Rituale in der Familie geben: Zum Beispiel eine Handygarage, in der jeder sein Smartphone ablegt, wenn er nach Hause kommt. Kein Handy am Tisch – da müssen sich auch die Eltern am Riemen reißen. Wer keine Angst mehr hat, etwas zu verpassen, hat schon gewonnen.