Treue Partner mit kalter Schnauze

von Redaktion

Nach mehreren Rissen in seiner Schafherde hat sich Bonaventura Lohner Herdenschutzhunde angeschafft. Immer mehr Schafhalter gehen diesen Schritt. Doch viele fühlen sich dabei alleingelassen, denn dieHunde sind teuer und ihre Ausbildung istaufwendig.

Gars – Den 5. Januar 2016 wird Bonaventura Lohner so schnell nicht vergessen. Als er an diesem Tag in den Stall ging, um nach seinen Schafen zu sehen, war der Schock groß. Er fand ein totes Mutterschaf – „die Innereien waren im ganzen Stall verteilt“. Für den 30-Jährigen war damals sofort klar: Das muss ein Wolf gewesen sein. Er alarmierte das Landesamt für Umwelt, die Bissgutachter kamen und nahmen Proben, doch ein eindeutiger Wolfsnachweis blieb aus.

Auch, als es im Jahr darauf zu immer weiteren Rissen in Lohners Schafherde kam. 16 Lämmer und drei Schafe aus seiner Herde von 60 Mutterschafen und 80 Lämmern seien von Januar bis April 2017 getötet worden, klagt der Schäfer. Die Kadaver lagen zum Teil in der Einfahrt seines Hofes, der in Au am Inn (Gemeinde Gars) direkt an einem Waldstück liegt. Lohner hatte genug. Er sagte sich: Jetzt muss etwas passieren. Und er beschloss, sich Herdenschutzhunde anzuschaffen.

Eine Entscheidung, die immer mehr Schäfer in Bayern treffen, wie René Gomringer vom Landesverband Bayerischer Schafhalter erklärt. Er schätzt, dass im Freistaat mittlerweile rund 50 Betriebe auf Herdenschutzhunde zurückgreifen – nicht nur Schäfer aus Schutz vor Wolf, Fuchs und Co., auch Geflügelbetriebe setzen auf die Hunde, um Greifvögel abzuschrecken. Zurzeit gebe es mehrere Anfragen pro Monat von Mitgliedern, die sich über die Hunde informieren wollen.

Natürlich hat daran auch der Wolf seinen Anteil. Wie in Deutschland häufen sich in Bayern die Nachweise. Im vergangenen Jahr waren es 22 vom LfU bestätigte Fälle. Und das sind nur die, bei denen das nationale Referenzlabor für Wildtiergenetik eindeutig einen Wolf nachweisen konnte. Je länger der Riss zurückliegt, desto schwieriger wird es bei der genetischen Analyse. Denn oft verfälschen Aasfresser die Spur. Wenn der Nachweis nicht eindeutig ist, fließen für die Tierhalter auch keine Entschädigungszahlungen.

So wie bei Bonaventura Lohner. Deswegen hat er nun vorgesorgt: Wer sich heute dem Stall auf seinem Hof nähert, der hört sie sofort. Die Pyrenäenberghunde Prinz und Medi bellen laut und kräftig, sobald jemand um die Ecke biegt, den sie nicht kennen. Prinz kam vor eineinhalb Jahren als Welpe auf den Hof, Medi ein halbes Jahr später. Für Bonaventura Lohner und seine Frau Annemarie war es eine große Umstellung, denn es waren ihre ersten Hunde überhaupt – und dann gleich zwei der imposanten Herdenschutzhunde, die ausgewachsen eine Schulterhöhe von bis zu 80 Zentimetern erreichen und 80 Kilogramm schwer werden können.

„Wir haben uns für diese Rasse entschieden, weil diese Hunde als besonders ruhig gelten“, sagt Annemarie Lohner. Sie ist vor Kurzem Mutter geworden. Der kleine Wendelin, benannt nach dem Schutzpatron der Hirten, ist jetzt ein Jahr alt. Für Prinz und Medi war der Kleine von Anfang an Teil der Familie, sie hüten ihn, wie ihre Schafherde. „Das war unser Ziel, die Hunde mussten auch Familienhunde sein.“ Aber es ist ein langer Weg, bis die Hunde mit ihrer Herde so harmonieren, wie sich der Schäfer das vorstellt. Familie Lohner hat dafür Hilfe von Jennifer Gambietz, einer Sachverständigen für Herdenschutzhunde, bekommen. Die Kosten für diese Beratung hat das Landesamt für Umwelt im Rahmen des Modellprojekts Herdenschutz übernommen. Gambietz arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Herdenschutzhunden. Und ihre wichtigste Botschaft an alle, die mit dem Gedanken spielen, sich solche Hunde anzuschaffen, ist: „Man darf ja nicht denken, ich kaufe mir jetzt einen Hund, setzte den in die Herde und alles ist gut.“ Eine Beratung sowie eine intensive Ausbildung seien dringend notwendig.

Vor der Anschaffung müsse geklärt werden, ob der Betrieb für einen Herdenschutzhund geeignet ist – und ob die Halter überhaupt bereit dafür sind, mit solchen Hunden zu arbeiten. „Und dann muss der richtige Hund gefunden werden“, sagt Gambietz. Hier liege viel im Argen, da immer mehr Züchter den Herdenschutzhund als lukrative Einnahmequelle entdeckt haben. Oft würden Tiere für viel Geld verkauft, die schlecht ausgebildet wurden. „Wenn ein Herdenschutzhund bei jedem Spaziergänger zähnefletschend den Elektrozaun entlangläuft, dann ist vorher vieles schiefgelaufen.“ Und auch beim Tierschutz würden es viele nicht so genau nehmen – sowohl Züchter wie Halter.

Zuletzt stellt sich die Frage der Wirtschaftlichkeit. Denn ein Herdenschutzhund kostet viel Geld. Für einen Welpen muss ein Schäfer mindestens 1000 Euro ausgeben. Auch der jährliche Unterhalt mit den Tierarztkosten schlägt in der Regel vierstellig zu Buche. Alles Kosten, die Bonaventura Lohner trotz der von der LfU bezahlten Trainerin selbst übernehmen muss. „Hier fühle ich mich von der Politik alleingelassen“, sagt er. Bei der Übernahme der Kosten, aber auch bei der rechtlichen Sicherheit. „Denn was passiert, wenn doch mal ein fremder Hund auf die Weide kommt und von Prinz gestellt wird.“ Der Aufschrei, fürchtet Lohner, wäre riesig.

Für René Gomringer vom Schafhalterverband kann der Herdenschutz ohnehin nur eine Ergänzung für den Schutz der Tiere sein. „Das Wichtigste ist ein guter Zaun.“ Auch hier will Bonaventura Lohner neue Varianten erproben. Er will alles tun, damit er Tage wie den 5. Januar 2016 nicht mehr erleben muss.

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