Gars – „Die Politik muss endlich – entschuldigen Sie diesen derben Ausdruck – den Arsch hochkriegen und konkrete Vorschläge für den Klimaschutz erarbeiten“, findet Elias Weber. Dem 16-Jährigen aus der Q11 des Gymnasiums Gars reicht es: „Es wird viel geredet, wenig gehandelt“, ärgert er sich. So sieht das auch Lisa Körmeier. „Meine Mama hat schon vor 30 Jahren für mehr Umweltschutz demonstriert“, sagt die 17-Jährige, „seitdem hat sich viel zu wenig getan.“
Was die Schülerin der elften Jahrgangsstufe besonders ärgert: „Es gibt sogar Politiker, die den Klimawandel leugnen.“ Das kann sie nicht verstehen angesichts der Tatsache, dass er wissenschaftlich bewiesen ist. „Es geht um unsere Zukunft“, ist Hanna Langwieder überzeugt. Auch sie will nicht länger akzeptieren, dass die Klimaschutzziele in Deutschland nicht erreicht werden – „was anscheinend die meisten nicht stört“. Diese Gleichgültigkeit ärgert die Gymnasiastin. „Viele schätzen die Natur viel zu wenig“, stellt sie fest.
Lisa ist überzeugt, dass sich viele Menschen sehr wohl Gedanken über den Umwelt- und Klimaschutz machen, aber ihre Sorgen verdrängen. „Aus Bequemlichkeit“, ergänzt Anna Gies, „es ist einfach lästig, wenn man was ändern muss.“
Sie und Lisa finden angesichts der Tatsache, dass die Klimaschutzziele in verschiedenen Abkommen festgeschrieben worden sind, dass es ein erster Schritt sei, die Richtlinien einzuhalten und dies auch zu kontrollieren. Sie ist enttäuscht darüber, dass sich große Konzerne ungestraft über Auflagen hinwegsetzen dürfen. Elias erinnert an die Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst. Dass ein Energiekonzert wie RWE am Kohleabbau festhält, obwohl der Ausstieg beschlossen ist, kann er nicht verstehen. Ebenso nicht, dass es VW gelungen ist, sich aus der Dieselaffäre „heraus zu mogeln“. „Die Politik“, findet er, „ist dazu da, dass die Regeln eingehalten werden.“ Sie komme ihrer Kontrollfunktion nicht ausreichend nach, bemängelt Elias.
Mehr Klimaschutz: Das wirtschaftlich sehr gut dastehende Deutschland könnte ihn sich leisten, sind die vier Gymnasiasten überzeugt. Lisa bemängelt, dass für Investitionen in die Raumfahrt Geld da ist, für eine neue Klimapolitik jedoch nicht in dem Maße, wie es in ihren Augen notwendig wäre.
Immer wieder werde der Anfang einer echten, konsequenten Klimaschutzpolitik verschoben, „irgendwann einmal müssen wir aber anfangen.“ Sie will auch den Hinweis auf die Tatsache, dass es sich um eine globale Herausforderung handelt, nicht akzeptieren. „Deutschland könne eine Vorreiterrolle und Vorbildfunktion übernehmen, schlägt sie vor.Damit sich die Politik ändert, gehen sie und ihre Klassenkameraden auf die Straße. „Wir sind viele und eine wirkliche Macht, denn es dauert nicht mehr lange, dann dürfen wir selber wählen“, betont Elias. Er hofft darauf, dass die politisch Verantwortlichen ihn und seine Mitschüler ernst nehmen. Dafür benötigen sie Aufmerksamkeit. Und die erhalten sie nur, wenn sie während der Unterrichtszeit demonstrieren, sind die vier Garser Gymnasiasten überzeugt.
Fast alle haben schon öfter an Demos teilgenommen. Noch nie hat es die mediale Aufmerksamkeit gegeben wie jetzt bei den regelmäßigen „Friday-for-Future-Kundgebungen“. Dass die Schüler weltweit den Unterricht schwänzen, „darüber wird geredet – unsere Chance, auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen“, erklärt Lisa. Sie denkt genauso wie ihr großes Vorbild Greta Thunberg: „Warum sollen wir in die Schule gehen, wenn wir keine Zukunft haben? Warum sollen wir lernen, Abitur machen und vielleicht sogar in die Wissenschaft gehen, wenn den Appellen der Wissenschaftler, die ein schnelles Handeln fordern, nicht gefolgt wird?“
„Wir machen jetzt Druck“, sagt Hanna. Anna stellt fest, dass ein Ziel bereits erreicht ist: „Es wird viel mehr über den Klimaschutz geredet.“ Auch sie sieht keine andere Chance als den Schulstreik. Trotzdem wollen es die Jugendlichen beim Demonstrieren nicht belassen. Sie planen gemeinsam mit anderen Schulen eine ähnliche Kundgebung wie in Rosenheim – nach Schulschluss in Wasserburg. Sie suchen das Gespräch mit Eltern, Lehrern, Mitschülern, halten Referate zum Thema Klimaschutz, engagieren sich in schulinternen Arbeitskreisen zum Umweltschutz oder in Nachwuchsorganisationen der Parteien. Und sie wollen auch aktiv etwas tun: etwa in ihren Heimatorten Müll vom Straßenrand oder aus dem Wald entsorgen.
Für die Befreiung vom Unterricht, die ihnen die Teilnahme an der Demonstration heute in München ermöglicht, waren die Jugendlichen von Schulleiter Gunter Fuchs aufgefordert worden, ihr Anliegen ausführlich zu begründen. „Das war gut so“, sagt Elisas, denn beim Schreiben hat er noch einmal intensiv recherchiert und Fakten zusammengetragen. „Da hat sich bei mir viel Wut aufgestaut, die mich erst recht motiviert hat, an der Demonstration heute teilzunehmen“, stellt er fest. Doch die Garser Gymnasiasten gehen auch selber im puncto Klimaschutz mit gutem Beispiel voran. Elias lebt möglichst plastikfrei, die Familie kauft ihre Milch beim Bauern aus der Nachbarschaft und kocht biologisch. Lisa wächst ebenfalls in einer Familie auf, die ökologisch denkt. Sie verzichtet seit Januar außerdem auf Fleisch, teilt sich mit einer Freundin die Klamotten, die sie fast alle im Second-Hand-Laden kaufen. Und sie hat ihrer Mutter versprochen, in diesem Sommer im heimischen Garten bei Anbau und Ernte zu helfen.
Hanna lebt auf dem Bio-Bauernhof ihrer Eltern. Hier bestimmt die Ökologie das Familienleben. Seit einem Dreivierteljahr lebt sie außerdem vegetarisch. Und sie zwingt sich immer wieder, ihren inneren Schweinehund zu überwinden und mit dem Rad zu fahren, auch wenn das Wetter schlecht ist. Seit sechs Jahren isst Anna kein Fleisch, mittlerweile ernährt sie sich sogar vegan. Auch sie verzichtet bewusst auf Plastik – auch wenn sie lange suchen musste, um eine Handcreme im Glas zu finden.