Wie sie mir gefällt

von Redaktion

Erinnern Sie sich noch an den Pippi-Song im Bundestag? Damals, 2013, als SPD-Generalsekretärin Andrea „Langstrumpf“ Nahles aus Protest gegen eine Rede Angela Merkels das bekannte Kinderlied aus einem noch berühmteren Kinderbuch der Schwedin Astrid Lindgren – im Plenarsaal des Berliner Reichstages – trällerte: „Ich mach mir die Welt, wide wide wie sie mir gefällt…“ Die oppositionelle SPD-Leadsängerin hat damals weder die politischen Gegner noch die Musikkritiker wirklich überzeugen können.

UWG-Stadtrat Michael Steindl hat neulich nicht gesungen und vermutlich schon deshalb keine kritischen Rezensionen zu befürchten, als auch er – im Sitzungssaal des Waldkraiburger Rathauses – Pippi Langstrumpf zitierte.

Kaum hatte der Haupt- und Finanzausschuss mit der Namensgebung für die städtische Kindertagesstätte – „Kita Kunterbunt“ (siehe nächste Seite) – wieder einmal einstimmig unterstrichen, dass in Waldkraiburg Integration eine Heimat hat, ergänzte Steindl – im Hinblick auf die frühkindliche mathematische Förderung scherzhaft warnend: Man solle das mit den Parallelen zur Villa Kunterbunt ja nicht übertreiben, von wegen: „Zwei mal drei macht vier. Wi di wi di wid und drei macht neune.“

Kurz davor hatte sich Steindl übrigens schon einmal warnend zu Wort gemeldet. Und er war weniger zum Scherzen aufgelegt, als er Vertretern der SPD-Fraktion um Richard Fischer entgegen hielt, dass es bitteschön keine Vorfestlegungen und rote Linien geben dürfe, wenn der neue Entscheidungsprozess in Sachen Waldbad/Freibad zu einem guten und tragfähigen Ergebnis führen soll.

Ja, das dürfen die Bürger erwarten, von Sozialdemokraten, Christsozialen und Unabhängigen, dass sie sich nicht in erster Linie von Stimmungen und noch so verständlichen Wünschen leiten lassen, sondern auf der Grundlage von Zahlen und Fakten ergebnisoffen miteinander um den richtigen Weg ringen. So viel Konsens- und Kompromissfähigkeit, so viel Sachorientierung muss sein! Abschreckende Beispiele gibt es allerdings leider viel zu viele: Man muss gar nicht das unterirdische Polit-Theater im Unterhaus bemühen.

Im Gegensatz zum Londoner Brexit-Schauspiel gehen von den Diskussionen im Waldkraiburger Rathaus in dieser Woche auch Signale aus, die Hoffnung machen.

Die Fischer-SPD hat sich nicht hinreißen lassen, unter den Vorzeichen einer veränderten Stadtratsmehrheit die Muskeln spielen und den vereinbarten neuen Prozess der Entscheidungsfindung platzen zu lassen. Die CSU hätte diesen Kurs nicht mitgemacht. Auch sie geht mit einer klaren Präferenz für den bestehenden Standort des Bades in diesen Prozess, will aber keine Kurzschlussentscheidung durchdrücken. Die Maxime „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“ ist in dieser hoch emotionalen Frage ein sehr vernünftiger Ansatz. Und die UWG hat durch ihren Sprecher Frieder Vielsack deutlich gemacht, dass man diese Signale sehr wohl zu würdigen weiß.

„Ich mach mir die Welt, wide wide wie sie mir gefällt…“ – Greta Thunberg, noch eine Schwedin, 16-jährige Schülerin und Klimaaktivistin, hält sich auf ihre Weise an den Pippi-Song, setzt ihn in einem beeindruckenden Engagement um. Irritierend konsequent, wie es nur junge Menschen können.

Und tausende, zehntausende Schüler, Jugendliche auch in Deutschland, einige sogar in Waldkraiburg und im Landkreis Mühldorf schließen sich an. Wollen Flagge zeigen für den Klimaschutz, für eine bessere Welt, für ihre Zukunft.

Demos statt Deutsch, Kundgebung statt Curriculum. Bei älteren Semestern, besorgten Eltern weckt das reflexartig einen Verdacht: Ist das nicht einfach nur Schulschwänzen auf höchstem ethischen Unterbau? Auch ich ertappe mich bei dieser Frage. Aber war da nicht was? Beklagen wir nicht ständig, d-i-e Jugend sei unpolitisch, interessiere sich nicht für die wichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen? Einmal ganz davon abgesehen, dass die Gnade der frühen Geburt bei manchem den Blick auf umstrittene Kapitel in der eigenen Biografie trübt…

Zum Glück gibt es Schulen, gute Lehrer und Schulleiter, die im Umgang mit klimabewegten jungen Menschen eine ziemlich gute Figur machen. Die nah dran sind an den jungen Leuten, an ihren Fragen und Anliegen. Und die es sich und den Schülern nicht zu leicht machen. Ob eine Klimakonferenz im Kreis der Klassensprecher oder Bewerbungsschreiben für eine Demo-Teilnahme während der Schulzeit – das hilft, Standpunkte zu klären, sich mit dem Thema und auch mit den Konsequenzen von Entscheidungen auseinanderzusetzen. Die Gymnasien im Landkreis, die Realschule in Waldkraiburg haben da einen guten Weg gefunden. So wird die Schule zum Lernort für angewandte Demokratie. Was wollen wir eigentlich mehr?Hans Grundner

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