Führerschein nicht die oberste Priorität

von Redaktion

Nicht bestanden: Immer mehr Fahrschüler vermasseln ihre Führerscheinprüfung. Für die gestiegene Durchfallquote machen Fahrlehrer unterschiedliche Gründe aus.

Waldkraiburg – Was bedeutet das weiße runde Schild mit dem roten Rand gleich nochmal? Auf was muss man beim Abbiegen nach rechts besonders achten? Und wieso ist der Schulterblick beim Spurwechsel so wichtig? Diese und ähnliche Fragen bereiten Fahranfänger oft Kopfzerbrechen. Denn seit einigen Jahren steigt die Durchfallquote bei der theoretischen, aber auch bei der praktischen Prüfung.

Christian Perzl kann den Trend nicht bestätigen

Für seine Fahrschule in Waldkraiburg kann Christian Perzl den Trend nicht bestätigen. Gerade komme er von der Fahrprüfung zurück: Alle fünf Prüflinge haben auf Anhieb bestanden. Generell gebe es in seiner Fahrschule nur eine geringe Durchfallquote. Etwa 90 Prozent würden bei der praktischen Prüfung beim ersten Mal bestehen. „Die breite Masse haut sich rein.“

Anders bei der Theorie: Dass hier Jugendliche durchfallen, hat einen einfachen Grund: „Es wird zu wenig gelernt. Die Jugendlichen nehmen die Prüfung auf die leichte Schulter, sie stellen sie sich leichter vor.“

Dazu kommt, dass der Führerschein nicht mehr oberste Priorität hat. „Der Führerschein ist nicht mehr das Wichtigste“, sagt Perzl. Die Freundin oder das Smartphone seien wichtiger als die eigene Mobilität mit dem Auto.

Eine Entwicklung, die auch Martin Prenissl in seiner Fahrschule feststellt. Die Freude an der eigenen Mobilität ist gesunken und damit auch das Interesse am Führerschein. Jugendlichen würden die Ausbildung zum Teil sogar als Verpflichtung empfinden, ein echter „Engagementkiller“. Damit steige auch die Verweildauer in den Fahrschulen.

Eine ganz andere Frage stellt er in diesem Zusammenhang: Sind die Prüfungen noch zeitgemäß? Denn relevantes Wissen werde nicht abgerufen – gerade im Hinblick auf die Fahrsicherheit. Weil gesetzliche Vorgaben fehlen, gebe es Defizite bei der Fahrsicherheit. Bremsen mit einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometer sei zum Beispiel Prüfungsinhalt, aber keine Hochgeschwindigkeitsbremsungen.

Bei Sicherheitstrainings aber könne genau die richtige Reaktion geübt werden. „Fahrphysik ist eine Naturwissenschaft und die muss erfahren werden. Ansonsten wird sie nicht verstanden“, sagt Prenissl. Spätere Unfälle könnten sich mit einer sicherheitsrelevanten Ausbildung verhindern lassen.

Wolfgang Jäckle wiegelt angesichts der vorgestellten Durchfallquote ab. In seiner Fahrschule sei die Zahl der Durchfaller ungefähr auf dem gleichen Stand geblieben. Seit 35 Jahren ist er Fahrlehrer. Trotzdem habe er bemerkt, dass gerade die Männer die theoretische Prüfung auf die leichte Schulter nehmen. Warum der Führerschein an Bedeutung verloren hat, ist für ihn schwierig zu erklären. „Die Jugendlichen haben heutzutage viel anderes am Buckel.“

Doch auch die Entwicklung auf den Straßen könne ein Grund für die gestiegenen Zahlen sein: „Das Verkehrsgeschehen ist komplexer geworden und auf den Straßen gibt es mehr Autos. In der Stadt ist das noch gravierender als auf dem Land“, sagt Vincenzo Lucà von TÜV Süd.

Gerade die Theorieprüfung nehmen Jugendliche nicht mehr so wichtig, technische Fragen erweisen sich als Stolpersteine: „Früher hatten die Prüflinge einen engeren Bezug dazu, heute aber mangels Interesse kaum noch Ahnung von der Technik.“

Weil die Gebühren für die theoretische Prüfung mit rund 22 Euro niedrig sind, versuchen es viele Jugendliche einfach. „Die Hürden sind geringer geworden“, sagt Lucà. Eine Sperre nach drei gescheiterten Versuchen gibt es im Vergleich zu früher nicht mehr, beliebig oft lässt sich die Prüfung wiederholen.

Knapp 36 Prozent der Prüflinge in Bayern schafften 2017 die Theorieprüfung nicht, bei der praktischen Prüfung waren es knapp 26 Prozent. Im Bundesdurchschnitt liegen die Zahlen bei rund 37 Prozent (Theorie) und 28 Prozent (Praxis). Zum Vergleich: 2007 vermasselten in Bayern knapp 28 Prozent die Theorieprüfung, bei der Fahrprüfung waren es 24 Prozent.

„Die Jugendlichen haben keinen großen Bezug mehr zum Verkehr. Sie konzentrieren sich als Beifahrer lieber auf andere Dinge“, sagt Lucá. Pauschalieren lässt sich damit die Ursache für die gestiegene Durchfallquote beim Führerschein aber nicht. „Die genauen Gründe sind nicht bekannt.“

Das sagt ein Fahrschüler

Die Theorieprüfung in der Tasche hat Franz Lohr bereits – und zwar gleich beim ersten Mal. Ob er Fehler gemacht hat oder wie viele, das weiß er nicht: „Darauf hab ich gar nicht geachtet. Mir war nur wichtig, dass ich bestanden habe.“ Wichtig ist ihm auch, dass er bald den Führerschein hat und mit dem Auto endlich mobil ist. Er wohne in Oberneukirchen und sei daher auf das Auto angewiesen. Er kenne aber Jugendliche, die sich wenig aus dem Führerschein machen und auch nach zwei Jahren die Prüfung noch nicht abgelegt haben. Aber das seien Einzelfälle.hi

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