Waldkraiburg – Ob Hochschulbildung, berufliche oder schulische Bildung – das europäische Mobilitätsprogramm Erasmus+ hat einen gemeinsamen Nenner: mit einem Perspektivwechsel die Kompetenzen stärken. Fortbildungen für Lehrer und Schulleiter haben zum Ziel, die Schulentwicklung zu fördern. Auch am Gymnasium Waldkraiburg nutzen Lehrer die Angebote von Erasmus+.
Zwei Möglichkeiten gibt es für die Lehrer zu wählen, wie Koordinatorin Regina Weidl erklärt. Zum einen könnten sie beim „Job-Shadowing“ den Alltag an einer Partnerschule erleben, zum anderen greifen Strukturkurse unterschiedliche Lernthemen auf. Entscheiden konnten die Lehrer selbst.
Bei Wind und Regen ging es für Eva-Maria Deinböck während der Fortbildung ins Freie. Unter dem Thema „Erlebnispädagogik draußen“ stand ihr Kurs in Island. 14 Nationalitäten aus unterschiedlichen Schulsystemen verschiedener Jahrgangsstufen kamen zusammen. Entsprechend vielfältig war der Austausch in den Gruppen. „Gruppenarbeit hat noch nicht viel mit kooperativem Lernen zu tun. Dazu müssten Gruppen permanent gemischt werden, sodass wirklich jeder mit jedem zusammenarbeitet“, erzählt Eva-Maria Deinböck von ihren Erfahrungen. Alte Strukturen ließen sich so durchbrechen.
Eine Woche auf Fortbildung in England war Annette Holzer. Schwerpunkt: Neue Lehr- und Lernmethoden und Klassenzimmerorganisation. Der Schulbesuch an zwei Tagen bot ihr einen Einblick in die Arbeit britischer Kollegen. „Ich war von der Praxis beeindruckt.“ Die Feedback-Kultur war für sie ein „Aha-Erlebnis“. Denn schon früh lernen die Schüler, sich selbst einzuschätzen und mit Gold, Silber und Bronze ihre Arbeit zu bewerten. Dabei gehe es nicht nur um richtig oder falsch, sondern um die Methode, wie sie an die Aufgabe herangegangen sind. „Ich war erstaunt, wie kritisch die Schüler sich selbst bewerten“, sagt Annette Holzer. Fasziniert habe sie ein Schüler, der sich im Vergleich mit seinen Klassenkameraden selbst eine schlechtere Note gab, als er sich ursprünglich eingeschätzt hätte. Ein solches Bewertungssystem ist für deutsche Schulen „völlig fremd“. Dies lasse sich langsam trainieren und müsse vom ersten Schuljahr an aufgebaut werden. „Man muss sich als Schüler daran gewöhnen“, ist Annette Holzer überzeugt.
Auch der Austausch mit den europäischen Kollegen zeigte unterschiedliche Bildungsansätze. Wenn einzelne Ansätze sich nicht auf den eigenen Unterricht übertragen lassen, lässt sich genau das hinterfragen: „Warum funktioniert das dort und nicht bei uns?“
Dafür gibt es oft ganz einfache Gründe. Kleinere Gruppen, Nachmittagsunterricht – Island und Finnland haben laut Eva-Maria Deinböck andere Voraussetzungen. Dadurch könne man als Lehrer mehr im Unterricht vermitteln. Aber auch räumlich gibt es Unterschiede. Während in anderen Ländern zum Beispiel Sportplätze oder Wälder für den Unterricht im Freien genutzt werden können, gebe es am Gymnasium den Hartplatz und den Pausenhof. Ungeachtet dessen hat auch Eva-Maria Deinböck schon neue Elemente in ihren Unterricht einfließen lassen und das Klassenzimmer nach draußen verlagert.
Die Fortbildungen als Anstoß, den eigenen Unterricht zu überdenken. Doch das ganze Kollegium soll von den Erfahrungen Einzelner profitieren. „Die Infos werden in den Fachschaften weitergegeben und in den Lehrerkonferenzen diskutiert“, erklärt Koordinatorin Regina Weidl. Natürlich erhoffe man sich, dass sich die Fortbildungen positiv auf das Schulleben auswirken und die europäischen Lernimpulse für die Schule genutzt werden können. An der Umsetzung soll es nicht scheitern: „Das Interesse der Kollegen ist da“, bestätigt Eva-Maria Deinböck.
Die Fortbildung noch vor sich hat Thomas Fraundorfner. Für eine Woche reist er nach Reykjavík in Island. Als stellvertretender Schulleiter suchte er gezielt nach einer Fortbildung mit dem Schwerpunkt „Schulleitung“. Was ist wichtig für die Schule? „Für mich ist der Austausch zum Thema Schulleitung wichtig – eher der große Blick und weniger das Pädagogische.“ Welche Themen setzen andere Schulen? Dieser Frage will er im Austausch mit Kollegen aus Europa nachgehen. Außerdem sind Besuche an drei Schulen geplant.
Neue Ansätze in den Unterricht einfließen lassen, sich neuen Input von Kollegen anderer Länder holen, um auf diese Weise die eigenen Kompetenzen zu stärken: Beim europäischen Mobilitätsprogramm Erasmus+ profitieren aber nicht nur die Lehrer. Denn deren neues Wissen kommt am Ende auch den Schülern zugute.