Gars –„Gesagt! Getan! Gemacht! Und nichts verändert.“ So hat die Theatergruppe des Gymnasiums Gars ihre Bearbeitung der Parabel „Farm der Tiere“ von George Orwell überschrieben. Das kündigte schon an, dass sie Orwells Gedanken ganz neu durchdacht hatten und nicht an der Oberfläche seiner Tiergeschichte hängen geblieben waren. Unter der Regie von Inga Hauser und Stephan Jahn kam auf diese Weise ein äußerst intensiver Theaterabend zustande, der die Freude über das Gelingen einer Revolution ebenso spürbar werden ließ wie das lähmende Entsetzen über ihr Ende in einem neuen Unrechtsregime.
Aber der Reihe nach. Mit wenigen Worten und durch subtile Gesten macht das junge Ensemble die jeweilige Situation für jeden verständlich und geradezu körperlich spürbar. Es beginnt damit, dass ein in Ledermantel und Springerstiefel gekleideter Mann (Leon Maier) eine in weißes T-Shirt und Jeans gekleidete Frau (Elena Weidenhiller) herumkommandiert. Es ist unübersehbar, wie unwohl sie sich dabei fühlt. Und sie bleibt nicht allein, bald ist die Bühne voll von Menschen in der gleichen Aufmachung, die ebenfalls herumkommandiert werden.
Als eine Sirene ertönt, müssen auch noch völlig sinnlose Arbeiten in großer Hektik erledigt werden. Einer der Arbeitenden (Korbinian Baumgartner) bricht erschöpft zusammen und stirbt. Das wird zum Aufbruchssignal, es erheben sich Stimmen, die Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit fordern. Ein Wortführer gibt den Slogan aus: „Keine Macht für einen, wir müssen uns vereinen!“ Als der Mann im schwarzen Mantel wieder da ist, verweigern ihm die anderen nach anfänglichem Zögern den Gehorsam und vertreiben ihn gemeinsam.
Befreiter Jubel der Menschen ist einer der Höhepunkte
Der befreite Jubel der Menschen ist einer der Höhepunkte des Stücks, denn er wirkt völlig authentisch, die Freude über die neu gewonnene Freiheit wirkt ansteckend. Doch schon in der nächsten Szene deuten sich die ersten Veränderungen an. Der Wortführer gibt ganz allein den Ton an, ein anderer Anführer (Yves Yell) zeigt an, wohin es zu marschieren gilt. Plötzlich gibt es vier Menschen mit Jacken (Felix Scherer, Emma Inninger, Laura Leinfelder, Conny Lohmayer), die offensichtlich privilegiert sind, sie bekommen bessere Plätze, während andere stehen müssen. Der Wortführer wird von bedrohlich wirkenden Männern mit schwarzen Schulterklappen begleitet (Finn Weber, Leon Maier); ein Instruktor (Michael Berthold) erklärt den Menschen, was sie zu denken haben. Umgeben von seinen Gefolgsleuten sitzt der Wortführer nun wie auf einem Thron, während die Masse wieder draußen zusammengedrängt wird.
Zunächst hatte es immer wieder Erinnerungen an die alten Ideale gegeben, doch als nun eine Frau aus dem Volk (Klara Numberger) die Stimme gegen den Wortführer erhebt, wird sie von den privilegierten Funktionären brutal niedergemacht und ihr Leichnam von den Schergen des Wortführers von der Bühne geschleift. Am Ende stehen die Menschen wieder da wie am Anfang und werden ebenso erbarmungslos schikaniert. Das Scheitern der Revolution wird hier äußerst beklemmend dargestellt.
Durch den Verzicht auf Orwells Tierfiguren wird die Handlung von ihren pittoresken Aspekten entkleidet und dadurch umso eindrücklicher. Hier geht es um Menschen in ihrer Not, ihrer Freude über die Befreiung und ihrer Verzweiflung über die erneute Unterdrückung. Packend gespielt wird dies von Emma Bahr, Roxana Cieslak, Emilie Geiselbrecht, Sophia Barnreiter, Antonia Dötzer, Ina Holzhammer, Mona Ionescu, Laura Jonetzek, Steffi Ram und Eva Schachner.
Kommunistische Arbeiterlieder setzen zusätzliche Akzente
Die musikalische Untermalung einiger Szenen mit kommunistischen Arbeiterliedern setzt zusätzliche Akzente. Texte wie „Die Partei, die Partei hat immer recht“ zeigen allzu deutlich, wie schnell die vormaligen Freiheitskämpfer jeden Widerspruch abwürgen. Und einer der kurzen Momente des Wiederaufflammens der Hoffnung wird begleitet von „Auferstanden aus Ruinen“, der Nationalhymne der DDR, deren Text die Parteiführung bald schon nicht mehr singen ließ. (Licht und Ton wurden von Philipp Ege und Valentin Lipp besorgt.)
Es ist äußerst beeindruckend, mit welcher Reife die jungen Schauspieler das Scheitern des Idealismus darzustellen vermögen und wie subtil das Umkippen des revolutionären Aufbruchs in neue Unterdrückung auf die Bühne gebracht wird.
Die Momente der Hoffnung und der Freude bleiben in Erinnerung, auch wenn das Ende zunächst alles sinnlos erscheinen lassen könnte…