Aschau – Neugierig schaut Bernadette aus dem Anhänger und macht vorsichtig die ersten Schritte in Richtung neues Zuhause. Keine übermütigen Sprünge auf der Weide, viel lieber bleibt sie erst mal an der Seite von Landwirt Lorenz Schober. Erst nach und nach erkundet sie die Umgebung, frisst die ersten Grashalme und trinkt. Hier auf dem Moyer Hof in Aschau hat sie bei Alfons Grandl-Berghammer und Ursula Berghammer ein neues Zuhause gefunden.
Auf den ersten Blick wirkt Bernadette wie ein gewöhnliches Kalb, nur etwas magerer. Im Juni wird sie aber bereits zwei Jahre alt und müsste schon um einiges stämmiger und größer sein. „Sie ist ein Kümmerling. Größe und Gewicht bleiben gleich“, erklärt Anna Thomalla, die zu einer Gruppe ehrenamtlicher Tierschützer gehört und sich in Zusammenarbeit mit Tierschutzvereinen für Tiere in Not einsetzt. So kam auch der Kontakt zu Lorenz Schober zustande, der sich bei der Tierhilfe meldete bei der Suche nach einem Platz für sein Kalb Bernadette. Sie schätzt es hoch ein von Lorenz Schober, dass er sich um einen neuen Platz für seine Kuh bemüht hat.
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Irmi Baumgartner schaltet sie in der Münchner „tz“ eine Anzeige: „Kleinwüchsiges Kalb sucht dringend ein neues Zuhause.“ Ein Inserat, das auch Alfons Grandl-Berghammer vom Moyer Hof in Aschau gesehen hat. „Beim Bäcker hatte ich einen Blick in die Zeitung geworfen und auf die Anzeige hin eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.“ Lange Zeit habe er nichts gehört, bis vor Kurzem. Denn als sich ein ursprünglich zugesagter Platz für Bernadette zerschlagen hat, ging für Anna Thomalla die Suche wieder von vorn los. Also holt sie alle Nachrichten hervor, die sich auf die Anzeige gemeldet hatten. Darunter auch die von Alfons Grandl-Berghammer. Kurz vor Ostern stattet sie mit Irmi Baumgartner dem Moyer Hof einen Besuch ab, nur eine Woche später schon der Umzug vom Tegernsee an den Moyer Hof.
Lorenz Schober lenkt den Anhänger rückwärts ans Gatter und öffnet die Klappe. Viel Platz hatte Bernadette in dem Pferdeanhänger, den sie nur zu einem kleinen Teil ausfüllt. Nicht mal bis Brusthöhe reicht die Kuh, die schon längst größer und schwerer sein müsste. Ein Gendefekt lässt aber genau das nicht zu. Dass sie an Größe und Gewicht mit ihren Artgenossen nicht mithalten kann, ist anfangs nicht aufgefallen. „Sie war zwar bei der Geburt etwas mager, aber so etwas holen die Tiere normalerweise wieder auf“, sagt der Landwirt. Doch nach einem Jahr ist klar: Bernadette bleibt klein und mager. Obwohl sie nie eine Milchkuh werden wird, darf sie mit dem anderen Jungvieh auf die Alm. Weggeben zum Schlachter will Lorenz Schober sie nicht. „Anfangs wollte ich es einfach noch versuchen, dass aus ihr doch noch was wird. Außerdem ist sie eine ganz Brave und die Kinder haben sie lieb gewonnen.“ In seinem Stall stehen 15 Milchkühe, dazu noch genauso viel Jungvieh. „Bei uns hat jede Kuh Familienanschluss. Die Kinder haben ihr den Namen gegeben.“ Kümmerlinge gebe es sehr selten. Auch Schobers Vater hatte mal einen im Stall stehen, aber das ist viele Jahre her.
Der Abschied von Bernadette fällt Schober nicht schwer. „Ich weiß ja, dass sie einen guten Platz hat.“ Er holt noch Kraftfutter und Heu aus seinem Wagen, damit der kleinen Kuh die Eingewöhnung leichter fällt. „Am liebsten frisst sie eingeweichte Semmeln“, gibt Schober noch als Tipp an Alfons Grandl-Berghammer weiter.
Bernadette erkundet derweil weiter das Gelände, muht in Richtung der drei Pferde, die auf einer nahen Koppel stehen. Ihre neuen Stallgenossen hat sie noch nicht kennengelernt. Mit zwei Eseln soll sie künftig auf der Weide stehen, die es schon seit sieben Jahren am Moyer Hof gibt. Alfons Grandl-Berghammer kann sich gut vorstellen, dass die Tiere eine nette Abwechslung für die Gäste werden – gerade für die kleineren. Eine Art Erlebnisstätte eben.