Eine Chance für Studienabbrecher

von Redaktion

30 Jahre alt, verheiratet, ein Kind, Studium abgebrochen – was nun? Die Agentur für Arbeit in Traunstein hat ein Modell entwickelt, das sie mit der Firma Rauscher Elektrotechnik in Kraiburg in die Tat umgesetzt hat.

Kraiburg – Die Firma Rauscher beschäftigt 20 Mitarbeiter, vier davon kamen aus einem Leiharbeitsverhältnis. Sie bietet eine Vielzahl individueller Leistungen im Elektrohandwerk, angefangen bei einer klassischen Elektroinstallation über Lichtsteuerungen und Automatisierung von Jalousien bis hin zu Industrieinstallationen, Alarmanlagen, LED-Beleuchtungssystemen und intelligenten Energielösungen mit Fotovoltaik und Stromspeichern. Den erwähnten 30-Jährigen gab es wirklich. Er hatte nach dem Abitur studiert, das Studium aber abgebrochen. Nun fristete er mit verschiedenen Jobs sein Dasein und hatte eine Familie zu ernähren. Über eine Leiharbeitsfirma, mit der Firmenchef Tobias Rauscher gut zusammenarbeitet, landete er schließlich bei der Firma Rauscher in Kraiburg, wohin er für sechs Monate vermittelt wurde. Dort bewährte er sich dermaßen, dass ihm ein Arbeitsplatz angeboten wurde. Allerdings unter der Voraussetzung, dass er eine Lehre absolviere. Der Ausbildungsberuf heißt Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, die Lehre dauert dreieinhalb Jahre.

Nun kam die Agentur für Arbeit ins Spiel, denn ein 30-Jähriger mit Frau und Kleinkind kann nicht vom Lohn eines Auszubildenden leben. Um das Einkommen auf ein adäquates Niveau zu heben, leistet die Agentur eine finanzielle Überbrückung. So ergab sich eine Win-Win-Situation für alle: Der 30-Jährige bekam eine gut bezahlte und sichere Arbeitsstelle, die Firma Rauscher einen qualifizierten Mitarbeiter und die Agentur für Arbeit brachte einen jungen Mann in Lohn und Brot, weg von der Arbeitslosigkeit. Dieses Modell ist beispielgebend, wie man qualifizierte Arbeitskräfte heranziehen kann, von denen man sicher sein kann, dass sie mit genügend „corporate identity“ ausgestattet sind, sie sich also voll mit ihrer Firma identifizieren und sich für sie einsetzen. Dieses Modell kann für andere kleinere und mittelständische Betriebe als Vorbild dienen.

Nun trafen sich Firmenchef Tobias Rauscher, Jutta Müller, Chefin von der Agentur für Arbeit in Traunstein und Susanne Stöberl, Teamleiterin im Arbeitgeber-Service für Altötting und Mühldorf zu einem Resümee. Tobias Rauscher wirft bei einer Einstellung natürlich einen Blick auf die Zeugnisse, für ihn aber sei viel wichtiger, welchen Eindruck die Arbeitskollegen vom Bewerber haben. Dieser müsse teamfähig und in der Lage sein, mit den modernen Techniken umzugehen.

Für Jutta Müller ist das Wichtigste die Motivation eines Arbeitssuchenden. Das Können könne ihm mithilfe der Agentur für Arbeit beigebracht werden, aber nicht das Wollen.

Susanne Stöberl erachtet es als nachhaltig, einen festen Arbeitgeber zu haben und nicht in einer Beschäftigung als Leiharbeiter mehrmals die Stelle zu wechseln.

Alle drei Gesprächspartner halten es für wesentlich, dass Arbeitslose nicht „berufsentfremdet“ sind, das heißt, sie zwar einen Beruf erlernt haben, mit diesem aber auf dem Arbeitsmarkt nichts anfangen können. Diese Entfremdung gilt es zu überwinden. Auch stimmte man dahingehend überein, dass es gut sei, Leute einzustellen, die etwas mit der Hand arbeiten wollen. Es heißt ja nicht umsonst „Handwerk“. Wenn man qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen wolle, müsse man neue Wege gehen. Junge Leute im 21. Jahrhundert lesen weniger das Zeitungsinserat als die Homepage einer Firma. Laut Tobias Rauscher gebe es auch Bewerbungen per Whatsapp.

Abschließend kann das Fazit gezogen werden, dass auch in ausweglos scheinenden Situationen es immer Wege und Möglichkeiten gibt, aus der Problemsituation zu kommen – man muss nur die nötige Motivation aufweisen.

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