Unterreit – „Stoppt den Flächenfraß“: So haben die Gegner der geplanten neuen Siedlung ihren Protest übertitelt. Auf Wurfzetteln und mit einem Infostand, der vor dem Haus der Familie Wimmer im Elsbether Weg die Argumente gegen die geplante Bebauung von Stadl Richtung Norden öffentlich macht, sowie in zahlreichen Schreiben und Einsprüchen wehren sie sich gegen das Vorhaben der Gemeinde Unterreit. Doch es gibt auch viele Befürworter: Grundeigentümer, die ihre Flächen gerne verkaufen würden, und einheimische Familien, die hier für ihre Nachkommen Baugrund schaffen wollen. Wie weit die Interessen auseinander liegen, zeigte auch die Debatte in der Bürgerversammlung (siehe Kasten).
Zur Historie: 2018 wurden die Pläne der Gemeinde öffentlich bekannt. Anlass war das beginnende Verfahren zur Änderung des Flächennutzungsplanes – mit geplanter Umwidmung von landwirtschaftlichen Flächen in Bauland. Rechts und links des Elsbether Weges war eine Bebauung mit einer Häuserreihe geplant. Schon damals erfolgten Einsprüche, weil Stadl und der Weiler Meister Elsbeth zusammenwachsen und eine schlauchartige neue Siedlung entstehen würde, so die Kritiker. Sie beriefen sich auch auf entsprechende Stellungnahmen der Regierung von Oberbayern aus dem Jahr 2017, welche empfahl, den Ortsteil Stadl lediglich abzurunden sowie eine ausreichende Freifläche zwischen Stadl und dem Weiler am Elsbether Weg aufrecht zu erhalten.
Am 4. Dezember 2018 kam es aufgrund der Kritik der dortigen Anlieger zu einem Konsensgespräch: Bürgermeister, Gemeinderat, Architekt, Gutachter und Anlieger setzten sich an einen Tisch und erarbeiteten einen Kompromissvorschlag.
Über die Interpretation des Ergebnisses gibt es unterschiedliche Ansichten. Nach Angaben der Anlieger am Elsbether Weg einigte man sich darauf, dass es bei 1,39 Hektar Bauland bleibt. Diese seien jedoch im Gelände so neu situiert worden, sodass das geplante Wohngebiet nicht mehr unmittelbar an den Weiler angrenzen würde. In der Stellungnahme der Gemeinde wurde der Kompromissvorschlag jedoch anders dargestellt: Die Kritik an der ursprünglichen bandartige Bebauung beidseits des Elsbether Weges werde anerkannt, die Neuplanung sehe jetzt eine Grünzone als Abstandspuffer zum Weiler und eine Ausweitung des Baugebietes in Richtung Osten vor, heißt es dort. Die Größe des Areals, das im Flächennutzungsplan geändert werden soll, wird mit nun 2,9 Hektar angegeben.
In dieser Größe war das nicht ausgemacht, wehren sich die Kritiker Alexander, Gertrud und Albert Wimmer, Ulrich Cullmann, Sonja Wiczoreck sowie Peter und Petra Mühlberger. Sie erinnert sich daran, mit welch „gutem Gefühl“ die Anlieger das Konsensgespräch verlassen hätten – in der Überzeugung, eine einvernehmliche Lösung für alle Parteien mit nur 1,39 Hektar erreicht zu haben. Jetzt werde eine Lösung mit einem Umgriff von doppelter Größe herangezogen.
Dass der Kompromiss nicht mehr Stand der Planung ist, davon erfuhren die Kritiker nach eigenen Angaben erst als Zuhörer der Gemeinderatssitzung am 26. März. Dort sei mitgeteilt worden, dass aus den zuerst geplanten 1,39 Hektar Bauland – „für uns noch akzeptabel in der neuen Situierung“ – 2,9 geworden waren. Statt fünf bis sechs neuen Bauplätzen könnten es jetzt etwa 30 werden.
Bürgermeister Gerhard Forstmeier kann die Aufregung nicht verstehen. Mit der Flächennutzungsplanänderung sei schließlich noch lange kein Baurecht verbunden. Es bleibe bei der versprochenen Grünzone als Abstand zwischen Stadl und der Siedlung am Elsbether Weg. Er gebe als einer der Eigentümer einen Großteil der Flächen nicht her für eine Bebauung. Der Grund sei auf Jahre hinweg an einen Landwirt verpachtet.
Mit dem Verweis darauf, dass mit der Flächennutzungsplanänderung kein Baurecht verbunden ist, wollen sich die Kritiker jedoch nicht zufrieden geben. Sie befürchten, dass die umfassende Bebauung doch irgendwann umgesetzt wird. „Wir sind nicht generell gegen das Bauen bei uns. Doch bitte mit Maß“, appelliert Gertrud Wimmer. „Wir sind doch nicht in München.“ Die beiden Weiler Stadl und Meister Elsbeth würden zu einem Siedlungsbrei verwachsen, der freie Blick über die Wiese in die Landschaft zugebaut, ein Erholungsgebiet für Spaziergänger und Jogger sowie ein Naturraum für Tiere und den Wildwechsel zerstört, sind die Mühlberges überzeugt. Davon geht der Umweltbericht, den ein Gutachter erstellt hat, jedoch nicht aus.
Die Anlieger befürchten, dass bei einem derart großen Baugebiet auch Spekulanten Tür und Tor geöffnet wird – und verweisen auf die in ihren Augen noch vorhandenen Baulücken in Unterreit und den Nachbarorten, die zuerst geschlossen werden sollten. Es werde kolportiert, die geplanten Wohnhäuser in Stadl seien vor allem für die Vermietung gedacht.
Diese Befürchtung weist der Bürgermeister jedoch zurück: Die geplanten Parzellen würden ausnahmslos an Einheimische oder an Interessenten aus den Nachbarorten vergeben. „Und Garser und Waldkraiburger sind doch keine Münchener.“ Die Gemeinde werde den gesamten Bereich erwerben und dann die einzelnen Parzellen vergeben. Was die Kritiker besonders ärgert, ist die in ihren Augen festzustellende mangelhafte Informationspolitik. Über Beschlüsse würden die Anlieger nicht informiert, auf Schreiben antworte die Gemeinde erst nach Anmahnung. Wimmer. befürchtet den Versuch, „größtmöglicher Geheimhaltung“, „damit das Vorhaben schnell durchgeboxt werden kann“.
„So ein Schmarrn“, weist Forstmeier den Vorwurf zurück. „Alles läuft nach Recht und Gesetz.“ Vier Wochen lang seien die aktuellen Informationen zum Stand der Dinge an der Gemeindeverwaltung ausgehangen worden. „Wer Interesse hat, informiert sich auch.“ Bekannt sei auch, dass am Dienstag, 7. Mai, die nächste öffentliche Ratssitzung stattfinde, in der über die Flächennutzungsplanänderung abgestimmt werde. Die letztendliche Entscheidung liege außerdem nicht bei Unterreit, sondern beim Landratsamt, so Forstmeier zur Rechtslage.
Die Anlieger am Elsbether Weg sind der Meinung, dass der Bürgermeister selbst die Flächennutzungsplanänderung ausgelöst habe. Schließlich habe Forstmeier bei einer Bürgerversammlung vor Zeugen mitgeteilt, er habe einem Baubewerber ein Grundstück in diesem Bereich versprochen. „Wenn ich was sage, dann gilt das“, unterstreicht Forstmeier, dass er sein Wort halten werde. Dass jetzt Gas gegeben werde mit der vorbereitenden Flächennutzungsplanänderung hat nach Meinung der Kritiker jedoch ein „G’schmäckl“. Der Bürgermeister verweist im Gegenzug auf die Tatsache, dass es ein großes Allgemeininteresse an weiterem Bauland in Unterreit gebe, dagegen seien nur vier Anliegerfamilien. Außerdem hänge die Planung auch mit der Notwendigkeit zusammen, ein neues Wasserschutzgebiet ausweisen zu müssen.
Die Anlieger am Elsbether Weg lassen jedoch nicht locker in ihrem Protest. 50 Unterschriften haben sie bereits für die Zulassung eines Bürgerbegehrens gesammelt. Etwa 175 (zehn Prozent de Wahlberechtigten) benötigen sie.