Taufkirchen – Ein dichter Schnee- und Graupelschauer ging am Sonntagabend über Taufkirchen-Gallenbach nieder. Doch als wollte der Himmel ein Zeichen setzen, rissen die Wolken wieder auf, als am Gedenkstein für den 1941 hingerichteten Zwangsarbeiter Stefan Duda Deutsche und Polen zu einer gemeinsamen Maiandacht zusammenkamen. Mehr als hundert Menschen wollten auf diese Weise an das Schicksal des jungen Polen erinnern, dessen einziges Verbrechen darin bestand, dass er sich in eine bayerische Bauerstochter verliebte. Die Nazi-Gerichtsbarkeit bestrafte dies mit dem Tod durch den Strang.
Slawomir und Lech Parkita, die Großneffen Stefan Dudas, die mit ihren Ehefrauen aus Kielce angereist kamen, hatten erst vor wenigen Monaten Genaueres über das Schicksal ihres Verwandten erfahren. Andreas Bialas, der aus Polen stammt und im Landkreis Altötting wohnt, hatte die Nachfahren nach langer Suche in der Großstadt im Südosten Polens aufgetrieben (wir berichteten).
Für Claudia Maier-Häußler und Hilarius Häußler, die Wirtsleute von Gallenbach, auf deren Initiative hin der Gedenkstein vor fünf Jahren aufgestellt wurde, ging damit ein großes Anliegen in Erfüllung. Sie hatten von Anfang an gehofft, dass das Denkmal nicht nur ein Zeichen für eine schreckliche Tat in der Vergangenheit, sondern zugleich ein Symbol für ein menschliches Miteinander und freundschaftliche Begegnung werden könnte.
Dieses Anliegen verbindet sie mit Slawomir und Lech Parkita. Sie waren nicht mit dem erhobenen Zeigefinger nach Taufkirchen gekommen, wie sie bei der ersten Begegnung mit den Vertretern der Gemeinde deutlich machten. Was sie an der Geste der Taufkirchner besonders bewegte, das brachte Dolmetscher Andreas Bialas beim Begegnungsabend nach der Maiandacht zum Ausdruck: „Vorher hatte dieser Mensch keinen Namen. Das war der Pole. Mit dem Gedenkstein hat man ihm die Würde zurückgegeben.“
Ein Grab mit den sterblichen Überresten Stefan Dudas ist nicht bekannt. Doch mit dem Stein hat die Familie nun einen Ort für das Erinnern. Schon in der vergangenen Woche, am Tag ihrer Ankunft, besuchten die Parkitas die Erinnerungsstätte zum stillen Gedenken. Und um Erde vom Grab ihres Großvaters, die sie aus Polen mitgebracht hatten, dort zu verstreuen.
Ihr Opa Jan, der Bruder von Stefan und Stanislaw Duda, der ebenfalls in Taufkirchen Zwangsarbeit leisten musste, hatte bis an sein Lebensende gehofft, mehr über deren Schicksal zu erfahren und den beiden Enkeln vor seinem Tod aufgetragen, nach den Spuren der Brüder zu suchen.
Bei ihrem Aufenthalt haben sie vieles erfahren, etwa bei einem Besuch im Mühldorfer Stadtarchiv, wo ihnen Archivar Edwin Hamberger Kopien von Akten aus der Zeit des Dritten Reiches übergab. Vor allem aber am Sonntag nach dem Gottesdienstbesuch bei einer Begegnung mit einer Zeitzeugin, Therese Eberl vom Nemmerhof. Fünfeinhalb Jahre war Stanislaw Duda, der vermutlich 1946 irgendwo im Westen verschollen ist, auf diesem Hof. Therese Eberl, die damals ein junges Mädchen war, berichtete den beiden Brüdern von ihren Erinnerungen an die Vorfahren.
Es wurde ein langes Gespräch. Dabei „war bei uns vor diesem Treffen eine Anspannung da“, erzählt Eberls Sohn Herbert. Sie war schnell verflogen. „Man hat sich noch nie gesehen, und gleich ist so viel Nähe da“, sagt er dankbar. War es richtig, vor fünf Jahren den Gedenkstein aufzustellen, obwohl das damals umstritten war? „Ja“, findet Herbert Eberl. „Wir sind sehr froh über diese Begegnung.“
Von einem „denkwürdigen“ Ereignis spricht an diesem Abend auch Bürgermeister Jakob Bichlmaier. Bayern und Polen seien durch den Glauben vereint, durch die Verehrung Mariens. Fast 80 Jahre habe es gebraucht, um Verwandte zu finden. Doch nach drei Generationen Frieden und einer so schlimmen Vergangenheit könnten die Menschen einander heute in Freundschaft begegnen. Das ist auch der Tenor einer Rede von Maciej Szmidt. Der Vertreter des Konsulats in München: Das gemeinsame Gedenken an die Opfer aus der Vergangenheit bleibe „ein wesentlicher Teil unserer Identität“. Polen und Deutsche seien heute „auf einem guten Weg, Gemeinsamkeiten zu schaffen“.
Die Familie Parkita, die sich mit Gastgeschenken für die herzliche Aufnahme bedankte, will das, was sie in Taufkirchen erfahren und erlebt hat, über die Medien in Polen verbreiten. Sie haben bereits Kontakt mit dem Bischof von Kielce, Jan Piotrowski, der am 26. Mai in der Kathedrale der Stadt, aus der viele Zwangsarbeiter im Landkreis Mühldorf kommen, einen Gedenkgottesdienst für Stefan Duda feiern wird.