Waldkraiburg – „Wenn der Giro ist, dann steht in Italien alles still. Neben Fußball hat der Radsport in Italien den höchsten Stellenwert.“ Ciro d‘Auria steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben, wenn er von einem der renommiertesten Radrennen der Welt spricht, während er gerade die News auf der Giro-App auf seinem Smartphone checkt und gleichzeitig die Starterliste durchblättert. Wo in diesen Tagen Weltklassefahrer wie Pascal Ackermann oder Primož Roglic um Etappensiege kämpfen, quälte sich vor 30 Jahren auch der Waldkraiburger von Etappe zu Etappe. 1987 war er das erste Mal als Nachwuchsfahrer bei den Amateuren am Start, 1988 sogar bei den Profis. Auch 1990 stand er am Start. Vordere Platzierungen fuhr d‘Auria keine nach Hause, schließlich zählte der Teamgedanke, „man musste den Topfahrer im Team stützen“. Nur einmal, erinnert sich der heute 52-Jährige, sei er bei einer Etappe im Topfeld mitgefahren, an der Seite von Claudio Chiappucci, der in den 1990er-Jahren als einer der besten Bergfahrer galt und mit dem d’Auria auch heute noch gut befreundet ist.
Faszination ungebrochen
„Der Giro ist anspruchsvoller als die Tour de France, und auch abwechslungsreicher. Nach wie vor“, findet Ciro d‘Auria, „weil er alle Streckenarten enthält, die noch dazu schwieriger zu fahren sind“. Auf der 16. Etappe wird in diesem Jahr etwa der Gaviapass auf 2618 Metern Höhe überquert. Und die letzte Bergetappe wird am vorletzten Tag ausgetragen und endet mit einer Bergankunft – bei 7,3 Prozent Steigung auf 6,9 Kilometern.
Die Faszination am schnellen Radsport, ob nun als aktiver Fahrer oder als einfacher Giro-Fan, ist bei dem 52-Jährigen ungebrochen. Ciro d‘Auria bekam sie sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Auch der Vater des Italieners war begeisterter Rennradfahrer, der den Nationalhelden Fausto Coppi und Gino Bartali nacheiferte. Anfang der 80er war es, dass auch Ciro d’Auria das erste Mal Rennen bestritt, damals noch mit einem Rennrad aus Stahl. „Im ersten Jahr fuhr ich gleich zwölf Siege als Jugendfahrer ein“, schwärmt er von seiner Jugendzeit und von den Jahren von 1987 bis 1990, als er der italienischen Nationalmannschaft angehörte. Er war Träger des Gelben Trikots bei der Ungarn-Rundfahrt 1992, gewann die dritte Etappe der England-Rundfahrt 1998 und holte Siege bei nationalen und internationalen Rennen. Doch es war nicht nur das internationale Geschäft, das ihn mit den Größen der Radsportszene zusammengebracht hat. Dass Ciro d‘Auria mit Marco Pantani trainierte, war dem Umstand zu verdanken, dass der Tour-de- France-Sieger von 1998 dort aufgewachsen ist, wo die Schwester von d‘Auria wohnt – in Cesenatico.
Und auch heute „duzt“ er sich mit den Stars. Das kommt daher, dass d‘Auria immer noch aktiver Rennfahrer ist. Mit seinen 52 Jahren mischt er in der „Masters-Klasse“ mit, die schmeichelhaftere Bezeichnung für Seniorenklasse. Und in der schlägt sich der Waldkraiburger so gut, dass er mit der italienischen Nationalmannschaft trainieren darf, an der Seite von deren Galionsfigur und Sieger der Tour de France von 2014, Vincenzo Nibali, der den Giro bereits 2013 und 2016 gewonnen hat.
Mit 67 Kilogramm bei 1,75 Metern Größe zählt Ciro d‘Auria eher zu den Leichtgewichten, ist prädestiniert für schnelle Zeiten am Berg. „Dafür bin ich kein Sprinter“, sagt d’Auria. Die Allrounder gibt es nicht mehr. „Heutzutage sind nur noch Spezialisten unterwegs. Die meisten bereiten sich auf genau einen Saisonhöhepunkt vor und verlangen dabei ihrem Körper alles ab“, sagt d‘Auria, der besonders in den letzten drei Jahrzehnten beobachtet hat, wie die Rennen immer schneller und aggressiver geworden sind. Früher lag die Durchschnittgeschwindigkeit beim Giro bei knapp 40 Stundenkilometern, „jetzt aber fahren die einen Schnitt von 44“. Das liege auch daran, dass sich die technische Ausstattung binnen weniger Jahre rasant weiterentwickelt hat. Es sind nicht etwa die 70er-Jahre, wenn d‘Auria von Lederriemen an den Schuhen spricht. Von Trikots aus Baumwolle. Oder Rennräder aus Stahl. Heute tragen die Rennradler atmungsaktive Sportwäsche, sie schrauben sich auf sechs Kilogramm leichten Carbonrädern die Berge hinauf, die Schuhe fixiert in Klickpedalen. Und sie tragen Sturzhelme. „Wir hatten damals lediglich Sturzringe um den Kopf!“, lacht heute d‘Auria. Schutzwirkung? „Gleich null“, meint der 52-Jährige, der sich ebenfalls keiner technischen Erleichterung verwehrt, um Spitzengeschwindigkeiten herauszufahren. „Nur den Scheibenbremsen verweigere ich mich noch. Da sind mir die alten lieber, weil ich damit die Bremswirkung besser dosieren kann.“
Apropos Dosis: So sehr der Radsport unter den Dopingsündern Jan Ullrich und Lance Armstrong gelitten und das Image langfristig beschädigt haben mag. Umso engmaschiger sei jetzt das Netz der Kontrolleure. D‘Auria geht sogar so weit zu behaupten, der Profisport sei inzwischen sauber. Denn: „Mit seiner Lizenz geht der Radrennfahrer einen Vertrag ein, dass er jederzeit einer Dopingkontrolle unterzogen werden kann.“ Dies könne auch ihn beim Mittagessen treffen. „Wenn ich ein dreiwöchiges Trainingslager auf Mallorca absolviere, muss ich das melden, damit die wissen, wo ich mich gerade aufhalte.“
Mehr als 15000 Kilometer pro Jahr
Aktuell befindet er sich zu Hause, trainiert wann immer es geht, um auf seine 15000 bis 18000 Trainingskilometer, die er pro Jahr absolviert, zu kommen. Denn d‘Auria hat Großes vor. Der Fahrer des Leistungsteams des FTZ Mühldorf will Anfang Juni im slowenischen Lubljana die Qualifikation für die Weltmeisterschaft schaffen, die am 28. August im polnischen Pozan beginnt. Das Ticket für eine WM hatte er auch schon 2018 in der Tasche. Doch nachdem er sich an einer Bodenschwelle gleich drei Zehen gebrochen hatte, war an einen Start nicht mehr zu denken. Ein guter Test könnte schon mal das Rennen um die bayerische Meisterschaft in der Masters-Klasse im niederfränkischen Karbach sein. Zweimal hat er den Titel schon geholt. „Und aller guten Dinge sind schließlich drei.“ Zwischendrin ist der Giro. Ciro d‘Auria wird den Schlussspurt in Verona aber dann nicht über seine App oder per Livestream am PC verfolgen, sondern vor Ort sein, wenn die Profiradsportler am 2. Juni in Verona ins Ziel kommen. Vielleicht sogar mit einem Sieger aus Italien.