Waldkraiburg – „Die Gewerkschaften beziehen seit über 100 Jahren eine eindeutig positive Position zu Europa. Mit Blick auf die Europawahl am Sonntag spricht sich der DGB, gerade im Landkreis Mühldorf, gegen nationalstaatliche Regelungen aus.“ So die einleitenden Worte des Kreisverbandsvorsitzenden Richard Fischer an die vier Betriebsräte und den Regionsvorsitzenden Günter Zellner, die sich zum Pressegespräch in der Waldkraiburger „Taverne Korfu“ eingefunden hatten.
Kurt Dobrauer, Betriebsratsvorsitzender der DB Cargo München mit 1400 Mitarbeitern, stellte den gravierenden Fachkräftemangel als großes Manko heraus. In ganz Europa, auch in der Türkei, in Serbien oder Russland, sei das Unternehmen auf der Suche nach Lok- Führern: „Man braucht in der nächsten Zeit zwischen 8000 und 15000 neue Arbeitskräfte, die in Crash- Kursen ausgebildet werden müssten. Der gesamteuropäische Markt ist dafür sehr, sehr notwendig, wenn auch das Schienensystem noch nicht einheitlich ist.“
Ganz andere Probleme schilderte Bernd Wegmann von der Firma Haldenwanger, die dem englischen Konzern Morgan angehört. Das Ende des Brexit-Dilemmas sei in diesem nur nach Produkten gegliederten Konzern, der in allen europäischen Staaten vertreten ist, noch völlig offen. „Was wird mit der Lohngestaltung, mit der Besteuerung? Vieles wurde in die USA verlagert“, so Wegmann, der vor allem auf den schon 70 Jahre währenden Frieden in Europa hinwies.
Auf eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Betriebsleitung konnte Martin Sterz von der Firma Schörghuber verweisen, die der Hörmann-Gruppe angehört und weltweit tätig ist. Die rund 400 Mitarbeiter in Ampfing seien ständig in einem Europa ohne Grenzen und Zölle unterwegs. Einen Mangel sehe er bei den Leiharbeitern, vorwiegend aus Polen. Viele wurden inzwischen übernommen, der Rest jedoch übe nur mehr Helfertätigkeit aus und werde oft durch sämtliche Länder geschleust. „Die Kommunikation zwischen den Staaten ist wegen der Sprachbarrieren häufig noch schwierig und feste Tarifverträge sollten mehr Einzug halten!“ Ein europäisches Betriebsrätesystem sei in der Phase des Aufbaus.
Boris Hillmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft stellte heraus, dass man von der Kita bis zur Hochschule eng mit Verdi zusammenarbeite. So unterstützt etwa das Sozialministerium JAGUS in den Jahren 2014 bis 2020 im Programm des Europäischen Sozialfonds. Eine weitere Finanzierung sei dringend nötig. In rund 1600 Projekten in Bayern werde knapp 140000 Personen mit europäischen Mitteln geholfen.
Als Vertreter der Verdi-Seniorenarbeit stellte Gerd Hilger ein zunehmendes Engagement gerade im Verhältnis der Jugend zu Europa fest: „Hier muss man in längeren Perioden denken und darf nicht immer auf kurzfristige Erfolge pochen!“
„Man könne in der EU nicht nur Pro und Contra auflisten. Sie ist ein Produkt der Vernunft und ihr Zerfall wäre ein Riesenschaden!“, ergänzte Günter Zellner. Gerade Bayern liefert rund 60 Prozent seiner Produkte ins europäische Ausland, für Arbeitsplätze und Einkommen in der Region wäre ein Scheitern eine Katastrophe. „Wichtig ist auch, dass ein europäischer Mindestlohn in jedem Staat nach eigener Untergrenze geregelt wird, ausgehend von gemeinsamen sozialen Grundregeln. Die Demokratie in den Ländern muss gewährleistet sein, ein Rückfall in Autokratie strikt abgelehnt werden.“
Im Meinungsaustausch kam unter anderem zur Sprache, dass einheitliche Ausbildungsregeln nötig seien und sich die Tarifstruktur verändern müsse. Dringend nötig sei ein Blick über den eigenen Tellerrand auf das große Problem der Jugendarbeitslosigkeit, zum Beispiel in Spanien, und auf einheitliche Arbeitsschutzauflagen. Einhellig waren die Gewerkschafter und Betriebsräte der Meinung, dass im Landkreis Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Haltung zu einem gemeinsamen Europa auf einer Seite stehen. Deshalb seien alle 6200 DGB-Mitglieder im Landkreis dringend aufgefordert, am 26. Mai zur Wahl zu gehen und den Parteien keine Chance zu geben, die zwar Europa ablehnen, aber dann doch dafür kandidieren.