Waldkraiburg – Muslime und Christen treffen sich heute Abend in der evangelischen Bunkerkirche zu einem sogenannten Dialog-Fastenbrechen. „An diesem Abend möchten wir das Gespräch unter den TeilnehmerInnen anstoßen und bei Sonnenuntergang durch ein gemeinsames Essen das Fastenbrechen der Muslime im Ramadan zelebrieren.“ So heißt es in der Einladung des landkreisweiten Netzwerks für Demokratie und Toleranz, „Mühldorf ist bunt“, und der DITIB Jugend Waldkraiburg. Und weiter: „Wir setzen uns gemeinsam für Vielfalt, Toleranz und das Zusammenleben von Menschen verschiedener ethnischer, kultureller, sprachlicher und religiöser Herkunft und Identität ein.“
Diesen Aufruf, der auch auf der Homepage des Kreisjugendrings (KJR) zu lesen ist, hat der Kreisvorsitzende der AfD, Oliver Multusch, zum Anlass für einen offenen Brief genommen, in dem er den Kreisjugendring auffordert, die Zusammenarbeit mit der DITIB Jugend Waldkraiburg „unverzüglich und vollständig“ zu beenden.
Multusch begründet diese Forderung damit, dass der türkisch-muslimische Verband DITIB mit Sitz in Köln eine Organisation sei, die auch der bayerische Verfassungsschutz als Prüffall zur Beobachtung einstufe. Sie unterstehe der türkischen Religionsbehörde und damit „dem Autokraten Erdogan“. Tatsächlich wurde gegen einige DITIB-Imame von den deutschen Behörden wegen des Verdachts ermittelt, Gemeindemitglieder bespitzelt zu haben. Heftige Kritik löste auch eine Islamkonferenz in der Zentralmoschee der DITIB in Köln Anfang dieses Jahres aus. Der bayerische Innenminister drohte damals dem Verband mit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz.
Darauf bezieht sich Multusch bei seiner Forderung, der Kreisjugendring solle die Kooperation mit der örtlichen Jugendorganisation des Verbands unverzüglich abbrechen. Ansonsten setze der KJR „unsere Jugend der Gefahr einer verfassungsfeindlichen Indoktrination durch radikale Islamisten aus“.
Der mehrseitige Brief, der den Medien per Mail bereits am Mittwoch, dem Kreisjugendring nach Angaben der Geschäftsführerin Kristin Hüwel aber erst am Donnerstag zuging, bringt darüber hinaus keine weiteren Anhaltspunkte für seine Kritik an der DITIB-Jugend im Landkreis. Multusch nennt auch keine kritikwürdigen aktuellen Vorkommnisse in Waldkraiburg und der Region.
Der KJR, in dem die Jugendverbände im Landkreis organisiert sind, weist die Forderung des AfD-Kreisvorsitzenden entschieden zurück. Er wird an der Zusammenarbeit mit der türkisch-islamischen DITIB-Jugend Region Waldkraiburg festhalten. Sie ist seit einigen Jahren Mitglied im Kreisjugendring, und so soll es bleiben. Das bekräftigt die Organisation in einer gemeinsamen Stellungnahme der Vorsitzenden Veronika Schneider und der Geschäftsführerin Kristin Hüwel, die auch Vorsitzende des Vereins „Mühldorf ist bunt“ ist: „Wir arbeiten im Zuge einer gelingenden Jugendarbeit mit der DITIB Jugend Region Waldkraiburg, wie auch allen unseren anderen Jugendverbänden zur Stärkung des Dialogs, der Pluralität und Vielfalt zusammen.“
Die Vertreterinnen des Kreisjugendrings berufen sich dabei auch auf Mattias Fack, den Präsidenten des Bayerischen Jugendrings, der die DITIB-Jugend als Mitglied anerkennt. Fack hatte die Forderung der AfD auf ersatzlose Streichung der Zuschüsse an den Bayerischen Jugendring im März dieses Jahres mit den Worten kommentiert: „Der BJR stand und steht für Pluralität und eine offene freie Gesellschaft. Dafür wurde er gegründet, dafür gibt es Jugendverbände und dafür stehen wir nach wie vor.“
Nurseda Baskent, Dialogbeauftragte der DITIB in Waldkraiburg, bekennt sich ausdrücklich zu „einer offenen und bunten Gesellschaft“. Die DITIB Jugend, in der sie aktiv ist, sei ein „selbstbestimmter Jugendverband“, so die 27-Jährige, die kürzlich den Master in Elektrotechnik abgeschlossen hat. „Wir werden uns weiter über Grenzen in Köpfen hinweg, selbstbewusst für ein friedliches Miteinander in unserer Stadt einsetzen“, sagt sie und dreht den Spieß um: Der rechtspopulistischen AfD sei dieses Engagement der jungen Muslime ein Dorn im Auge. Baskent wirft Multusch ein wahltaktisches Manöver vor, „politische Polemisierung im Vorfeld der Europawahl“. Er wolle sich durch falsche Darstellungen auf Kosten von jungen Menschen profilieren.
Es entspreche auch nicht der Wahrheit, dass DITIB vom bayerischen Verfassungsschutz als Prüffall eingestuft sei. Das ließ sich gestern nicht klären. Ein Sprecher des Landesamtes für Verfassungsschutz nahm dazu nicht Stellung, verwies auf Bundesbehörden. Fakt ist: Im aktuellen Verfassungsschutzbericht für 2018 wird DITIB an keiner Stelle aufgeführt.
Mit Unverständnis reagiert auch ein Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde auf die Aktion der AfD. Die Kirche stellt den Raum für das Dialog-Fastenbrechen zur Verfügung. „Der Kirchenvorstand steht dahinter“, sagt Pfarrer Lars Schmidt, der wiederholt selbst bei dieser Veranstaltung Gast war. Seit mehreren Jahren findet sie regelmäßig in Waldkraiburg statt, im Vorjahr in Mühldorf.
Die Gemeinde stelle die Bunkerkirche nicht für eine religiöse Veranstaltung der Muslime zur Verfügung, stellt er klar. „Wir schaffen vielmehr Raum für den Dialog zwischen Christen und Muslimen und erfahren dabei, wie Muslime den Ramadan feiern.“
Schmidt wörtlich: „Ich halte die DITIB Gemeinde in Waldkraiburg für ausgesprochen dialogbereit.“ Als beeindruckendes Beispiel dafür nennt er den Besuch einer Delegation, die der evangelischen Kirchengemeinde ebenso wie den katholischen Christen in Waldkraiburg nach den Anschlägen von islamistischen Terroristen auf Christen in Sri Lanka ihr Beileid aussprachen (wir berichteten). „Sie sind auf uns zugegangen. Eine tolle Geste.“ Ausdrücklich hätten sich der Imam und weitere Vorstandsmitglieder der Gemeinde von jeder Gewalt im Namen der Religion distanziert.
Gestern ging auch eine Stellungnahme aus der Kommunalpolitik bei den Waldkraiburger Nachrichten ein. Die ÖDP/FDP-Fraktionsgemeinschaft im Kreistag stellt sich darin „absolut hinter den Kreisjugendring“.
Die AfD spalte die Gesellschaft, um Profit zu schlagen. „Gerade solche Briefe der gesellschaftlichen Giftspritzer von der AfD zeigen, wie wichtig gemeinsame Aktionen aller Jugendverbände unter dem Dach des Kreisjugendringes sind“, so Reinhard Retzer (ÖDP) und Sandra Bubendorfer-Licht (FDP). Kritische Fragen zur DITIB seien zulässig, „aber besser im Gespräch miteinander, als in der Abgrenzung voneinander zu klären“.