Es ist vollbracht: Der Zweckverband Hochschulcampus ist in trockenen Tüchern. Die Politiker, die zur Vertragsunterzeichnung ins Waldkraiburger Rathaus kamen, griffen tief in die Schatzkiste der deutschen Sprache, um die historische Bedeutung des „Waldkraiburger Vertrages“ deutlich zu machen. Manchmal neigen Landräte und Bürgermeister, selbst Abgeordnete, zur Übertreibung. In diesem Fall nicht. Erstens, weil es eine schwere Geburt war. Und zweitens, weil man die Bedeutung der dezentralen Hochschuleinrichtungen für die Entwicklung des Landkreises kaum überschätzen kann. Das Potenzial, das zeigen die aktuellen Studierenden-Zahlen und -Anmeldungen in Mühldorf, ist enorm.
Die ganze Region, alle Kommunen, die diese Entwicklung über den Zweckverband finanziell unterstützen, können davon profitieren. Weil junge Leute aus ihrem Ort kurze Wege zu einer Hochschulbildung haben. Weil es Impulse für den Ausbau der Infrastruktur gibt und geben muss. Weil die örtliche Wirtschaft von der Nähe zu Hochschulstandorten in Mühldorf, Waldkraiburg, Burghausen profitieren kann. Weil der Landkreis durch viele hundert Studierende jünger wird.
Bis die Früchte dieser Entwicklung geerntet werden können, wird noch mehr Geld fließen müssen. Und viel Zeit vergehen. Besonders beim Forschungszentrum in Waldkraiburg, dem bislang uneingelösten Versprechen der Staatsregierung. Jetzt muss sich zeigen, wie ernst dieses Leuchtturm-Projekt gemeint war. Mit der Unterschrift unter den Zweckverbandsvertrag hat die Stadt die Blockierer- und Bremser-Rolle aufgegeben, die ihr immer vorgeworfen wurde. Jetzt sind der Freistaat und die Hochschule dran.
Man muss nur miteinander reden. Darauf hat sich die Stadt nun im Konflikt um das Tierkrematorium in St. Erasmus besonnen. Und das ist gut so. Im Stadtentwicklungsausschuss wurde das Dilemma deutlich: Die Chancen sind sehr gering, den verständlichen Wunsch der Bürger, alles so zu lassen wie es ist, durchzusetzen. Die Stadt muss eine Entwicklung ermöglichen. Und die Alternative zum Krematorium, eine Biogasanlage, könnte für die Bevölkerung am Ende die schlechtere Variante sein, mehr Belastungen bringen. Es spricht viel für den Versuch, diese Frage im Gespräch mit Betreiber und Bürgern zu klären.
Klimaschutz und Artenreichtum sind die Themen der Zeit. Das wissen wir seit dem Volksbegehren und spätestens nach der Europawahl. Wie angesagt das Thema ist, spiegelt sich auch in kleineren Pannen vor Ort wider. Zum Beispiel in Lindach und St. Erasmus, wo die Bahn sich bei der Pflege einer ökologischen Ausgleichsfläche nicht mit Ruhm bekleckert hat und deshalb ordentlich abgewatscht wurde. Vor einigen Jahren, als die Natur noch zum Gedöns gehörte, wäre der Bahn das vielleicht erspart geblieben.
Dabei ist sie gewissermaßen Opfer der grassierenden Subunternehmeritis geworden. Eine verflixte Zeiterscheinung, die wir schon aus anderen Geschäftsfeldern negativ kennengelernt haben, zum Beispiel dem Paketzustellungsunwesen oder der europäischen Fleischbranche. In diesem Fall führte die lange Kommunikationskette von einem Subunternehmen zum nächsten dazu, dass aus dem Auftrag zum Mähen ein nie erteilter Auftrag zum Mulchen wurde.
Von der Wiese im Inntal zurück nach Waldkraiburg. Ein Waldstreifen nördlich der Daimlerstraße soll dort zum Gewerbegebiet werden. In Kraiburg macht deshalb schon ein Kalauer die Runde: Wenn Waldkraiburg so weiter mache mit dem Wald, werde es auch bald Kraiburg heißen. Oder vorläufig „Baldkraiburg“.
In Waldkraiburg selbst wächst jedenfalls der Widerstand. Im benachbarten Wohnquartier, wo man um seine Ruhe fürchtet. Beim Bund Naturschutz, der das Vorhaben aufgrund der negativen ökologischen Auswirkungen ablehnt. Und an diesem Beispiel eine Grundsatzdebatte anstoßen will. Über die Grenzen des Wachstums Waldkraiburgs und den Einsatz der Stadt für die Klimaziele.
Wenn Klimaschutz wirksam werden soll, wird man um diese Debatte vor Ort nicht herumkommen. Nicht in Waldkraiburg. Und in keiner anderen Kommune. Die spezielle historische und geografische Situation der Stadt im Wald muss in dieser Auseinandersetzung allerdings berücksichtigt werden. Ein konsequenter Waldschutz könnte in Waldkraiburg, das in jeder Richtung an seine Grenzen stößt, zu einem Entwicklungsstillstand führen. Klimaschutz lässt sich unter diesen Vorzeichen nur im größeren Raum, im Zusammenspiel mit anderen Kommunen realisieren. Interkommunal. Auch darüber wird zu reden sein.
Apropos reden. Die Politik hat ein Kommunikationsproblem mit der Jugend, heißt es. Besonders die CDU, die neulich durch einen jungen Youtuber bundesweit vorgeführt wurde. Zum Vorführenlassen gehören immer zwei. Das zeigte in dieser Woche eine Aktion der Klimaschutzjugend. Als sich 20 junge Klimaaktivisten, darunter auch der Waldkraiburger Dennis Uzon, bei einem Jugend-Planspiel im Bundestag auf den Boden legten und tot stellten, um gegen die aktuelle Klimapolitik zu protestieren, ließ sich der Bundestagspräsident nicht aus der Ruhe bringen. Wolfgang Schäuble, der vorab von der Aktion informiert war, meinte zu den jungen Leuten nur: In einer ordentlichen Sitzung des Bundestags müsste er „dafür sorgen, dass Sie weggehen. Heute sage ich: Bleiben Sie ruhig liegen.“ Das fanden auch die Klimaaktivisten witzig. Auch Dennis Uzon, der ansonsten ganz anderer Meinung als Schäuble ist, wie er betont, nötigte das Respekt ab: „Ein Profi!“ Merke: Richtig cool geht auch mit 76.