Schallvagabunden feiern Midsommar

von Redaktion

Festival bei Unterreit Weiler, Obstgarten und Fahrsilo werden zur Event-Arena

Unterreit – „8000 bis 10000 Watt – der Bass ist laut, definitiv“, sagt Aaron Kokal, Veranstalter des Midsommar-Festivals in Hub bei Unterreit. Der 27-Jährige ist hier aufgewachsen, sein Vater lebt in dem Weiler auf einem wunderschönen, renovierten Dreiseithof und unterstützt das Vorhaben seines Sohnes nach wie vor. Er selbst feierte früher hier Sonnwendfeiern.

Vom 21. bis 23. Juni findet nun das bunte Wochenende des Künstlerkollektivs „Schallvagabunden“, bereits in fünfter Auflage statt; es ist über die Jahre gewachsen. Bei 1000 Teilnehmern ist Schluss. Großes Vorbild für die Schallvagabunden als Liebhaber elektronischer Musik – allerdings in ganz anderen Dimensionen – ist das „Fusion Festival“ an der Müritz, das ebenfalls Ende Juni stattfindet.

In Hub gibt es einen Zeltplatz, Live-Musik, DJs legen auf, in der Jurte spielen sich Kunst, Yoga und Workshops ab. Aufwendige Lichtinstallationen, drei Bühnen sowie Artisten gehören zum Konzept. Obstgarten, Fahrsilo und Weiler werden zur Feiermeile. Das Essen ist vegan – und der Respekt vor der Umwelt und dem Umfeld ist groß. „Schallvagabunden“, das sind Kokal und seine Mitstreiter – allesamt seine Freunde und ehrenamtliche Helfer aus der Münchner Region.

Das Motto lautet: „Freie Entfaltung des Einzelnen in familiärem Umfeld mit Respekt vor der Natur“. Den jungen Leuten geht es um gelebte Nachhaltigkeit und Regionalität. Müllvermeidung ist ein großes Thema. Es gibt strikte Regeln: Wer hier campt, darf keine Zigarettenstummel oder Bierflaschen ins Gras werfen. „Das ist eine Kuhweide, dass dort Bruchglas landet, geht nicht“, so Kokal. Daher sind mitgebrachte Flaschen tabu. Wer hierher zum Feiern kommt, akzeptiert diese Verhaltensregeln.

„Das hier ist mein Zuhause, darum will ich nicht diskutieren, was hier geht und was nicht“, so Kokal. Das gilt für Gäste ebenso, wie für das Helferteam, das ihm den Rücken stärkt. Daher sei die Hierarchie klar. Auch, weil Kokal die Haftung und das finanzielle Risiko trägt. „Wer mir hilft, macht das, worauf er Lust hat.“ Und das klappe auch hervorragend. Ohne seine Freunde wär das bunte Spektakel ohnehin nicht möglich, wie er dankbar betont.

Im vergangenen Jahr gab es eine Anwohnerbeschwerde wegen der Lautstärke – dies war auch mehrfach Thema im Gemeinderat. Die Nachbarin lebt etwa 500 Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Aaron Kokal suchte das Gespräch und sicherte ihr zu, die Lautstärke zu reduzieren.

Diskomusik läuft

über Kopfhörer

„Zum einen heißt es um 2 Uhr: Anlage aus. Dann bekommen alle Funkkopfhörer und können lautlos weitertanzen und weiterfeiern“, erklärt Kokal. Es gibt drei verschiedene Frequenzen, mit denen man den Sound der drei DJs empfangen kann. Die Kopfhörer leuchten in drei verschiedenen LED-Farben.

„Silent Disco“ nennt sich das Prinzip. „Das sieht lustig aus, wenn die Leute auf der Wiese mit ihren Kopfhörern tanzen und alles lautlos ist“, schmunzelt der Veranstalter.

Die zweite Maßnahme: Ein Audio-Ingenieur baut eine Gegenschall-Anlage auf, um den Schall in Richtung der genervten Nachbarin quasi verschwinden zu lassen.

Aaron Kokal betont, dass die Organisation in enger Absprache mit Polizei, Gemeinde und Landratsamt erfolgt sei und man sich an die behördlichen Vorgaben halte. Die Zustimmung gab der Gemeinderat Unterreit bereits in der Mai-Sitzung.

So wird das Festival am Freitag, 21. Juni, um 12 Uhr beginnen, mittags bleibt es ruhiger und abends wird bis 2 Uhr morgens beschallt.

Dann wird wegen der Nachtruhe auf Kopfhörerbetrieb umgestellt. Am Samstag beginnt der Tag ab 10 Uhr, Musik bis 2 Uhr und dann wieder Silent Disco und am Sonntag klingt das Festival von 10 bis 12 Uhr aus.

Die Mittagsruhe wird eingehalten. „Wir haben Rückhalt von den allermeisten Nachbarn, sie kommen und feiern mit uns. Das Fest ist gut vorbereitet und abgestimmt. Es bringt schließlich nichts, wenn uns alle hassen, weil wir es ja auch in zehn Jahren noch machen wollen“, sagt der 27-Jährige.

Er ist studierter Philosoph, arbeitet freiberuflich als Veranstaltungstechniker und im Eventmanagement-Bereich, Messebau sowie Setbau für Film und Fernsehen. Doch eigentlich will er ein eigenes Record-Label gründen, eine Firma hochziehen und sich in diesem Kreativ-Bereich, dem weiten Feld des Event- und Künstlermanagements, austoben.

Kokal hat ein Organisationstalent, ist handwerklich begabt, arbeitet gern mit Menschen und hat viele Ideen. So beschreibt er sich selbst. Klein will er anfangen, mit vier Arbeitsplätzen. Ob bei dem Start-up ein paar seiner treuen Freunde und Mitstreiter an Board sind? Er lacht. Schön wär‘s schon. Aber es ist ein Risiko, die Arbeitsplätze hängen schließlich von der Erfolgswahrscheinlichkeit ab.

Sein etwa 25-köpfiges Freundesnetzwerk bewegt sich alterstechnisch hauptsächlich bei „noch keine 30“. Solange noch keine Familie gegründet ist, kein Nachwuchs da ist, bleibt „Bock“ und Zeit auf und für solche Events. Daher ist es für Aaron kein Ding, seine Spezln für die Vorbereitung, den Aufbau und die Durchführung zu aktivieren. Für die Eventtage haben sich etwa 70 freiwillige Helfer gemeldet, die für Kost, Logis und das Vergnügen, die Hälfte der Zeit mitfeiern zu können, mit anpacken.

70 freiwillige Helfer sind gemeldet

So entstehen für den Organisations-Part keine Kosten. „Sonst wären wir schnell bei 250000 Euro Basiskosten, die Künstlergagen nicht eingerechnet. Eine Summe, die ohnehin nicht vorhanden wäre“, erklärt Kokal. Dann müsste das Festival in wirtschaftlicher Hinsicht größer aufgezogen werden oder die Karte 250 Euro kosten.

„Aber wir wollen keinen Mega-Rave. Es soll klein, fein und schnuckelig sein. Man soll über den Platz laufen und spätestens am zweiten Tag jedes Gesicht schon mal gesehen haben“, führt der Veranstalter aus. Tickets gibt es über die Website „Schallvagabunden“ im Vorverkauf. So finanzieren sich die Künstlergagen.

Die Bands kommen aus dem Bereich Indie, Blues oder Singer-/Songwriter. Um die Plattenteller kümmern sich DJs aus der Underground- und Elektro-Szene. Das vollständige Line-up des Wochenendes findet sich auf der Website.

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