Waldkraiburg – Die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtverbände fordert die Schaffung einer Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungsnot im Landkreis Mühldorf. Dies berichtete Kreisgeschäftsführer Richard Stefke in der Mitgliederversammlung des Caritas-Zentrums für den Landkreis im Pfarrheim Maria Schutz.
Der Hintergrund für diese Forderung: Längst sind nicht mehr nur die Menschen in den Großstädten von Wohnungslosigkeit bedroht. Dieses Problem ist längst auf dem Land angekommen.
Eine qualifizierte und systematische Prävention durch eine Fachstelle könnte nicht nur viel Leid für Betroffene vermeiden. „Auch die Kommunen sparen sich dadurch viel Geld. Da geht es um Tausende Euro“, so Dr. Mignon Drenckberg.
Die promovierte Sozialpsychologin, die als Fachreferentin für Suchthilfe, Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe im Diözesancaritasverband arbeitet, zeigte in der Versammlung auf, wie vielschichtig das Problem ist.
Wohnungslos heißt nicht obdachlos. Von Wohnungslosigkeit betroffen sind Menschen, die keinen mietrechtlich abgesicherten Wohnraum zur Verfügung haben und deswegen auf der Straße leben, vorübergehend bei Verwandten oder Bekannten unterkommen, von Behörden in Notunterkünften untergebracht werden, auf Unterstützungsleistungen beim Erhalt des Wohnraums angewiesen sind, den unmittelbar bevorstehenden Verlust der Wohnung befürchten müssen oder in unzumutbaren Wohnverhältnissen leben, wie etwa Arbeitnehmer aus dem EU-Ausland, die in Zimmern mit 20 Stockbetten hausen.
Wie viele Menschen betroffen sind, ist unklar. Es gibt keine bundesweite Statistik. Auch für Bayern gibt es trotz einer Erhebung des Freistaats bei den Kommunen nach Einschätzung Drenckbergs kaum belastbare Zahlen.
So sollen Mitte 2017 in ganz Bayern nur 15517 wohnungslose Menschen bei Kommunen und freien Trägern untergebracht gewesen sein, davon 9531 in Oberbayern, das aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums die mit Abstand größte Last trägt. Diese Zahlen liegen deutlich über den Werten von 2014.
In Waldkraiburg eine Person wohnungslos
Weil die Stadt München aber alleine rund 9000 Wohnungslose melde, blieben für sämtliche anderen Kommunen im Regierungsbezirk nur etwa 600. Diese Zahl kommt der Referentin zu gering vor. Wie Anfragen bei den beiden größeren Städten im Landkreis ergeben, sind in Mühldorf derzeit 18 Personen ohne Wohnung von der Stadt untergebracht, in Waldkraiburg eine.
Dabei, das machte Thomas Wingert für die soziale Beratung der Caritas im Landkreis deutlich, werden die Sozialverbände weniger mit dem Thema der klassischen Obdachlosigkeit konfrontiert, sondern mit der drohenden Wohnungslosigkeit. Die Frage sei in der Praxis viel öfter: „Was macht die alleinerziehende Mutter nach der Trennung? Geht sie wieder heim zur Mutter oder kommt sie bei Freunden unter?“
Bei Kathrin Bauer, Wohnungslotsin der Caritas im Treffpunkt „Miteinand“ in Waldkraiburg, haben sich zwei jüngere Frauen gemeldet. Die eine wohne bei einer Freundin, die andere stehe tatsächlich auf der Straße.
Dass zunehmend auch Frauen in dieser prekären Lage sind, häufig mit Kindern und oft besonders gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden, nahmen die Teilnehmer der Versammlung mit Betroffenheit auf.
Kathrin Bauer sprach ein weiteres Problem an: die große Zahl der Fehlbeleger in den Asyl-Unterkünften. Etwa 30 sind es nach ihren Worten allein in der Gemeinschaftsunterkunft in der Siemensstraße. Sie sollten die Unterkunft längst verlassen, dürfen aber nicht auf die Straße gesetzt werden.
Und auf dem angespannten Markt derzeit eine Wohnung zu finden, sei fast unmöglich. „Es hagelt Absagen.“ Die Vermieter suchen sich die solventesten Mieter aus. Wer einen Aufenthaltstitel für mindestens zwölf Monate hat, könne sich bei der Stadt auf die Liste für eine Sozialwohnung setzen lassen, die nach einem Punktesystem vergeben werden. „Gerade allein stehende junge Männer haben da geringe Priorität.“
Die Sprachprobleme und andere Barrieren erschweren die Wohnungssuche bei Geflüchteten, weiß Bauer. Das BRK habe deshalb einen Kurs für potenzielle Mieter angeboten und vermittelt, welches Verhalten von Mietern erwartet werde.
Wer keine Adresse angeben kann, ist draußen aus dem System, ausgeschlossen, auch von Gesundheitsversorgung. Wohnungslosigkeit setzt laut Drenkberg nicht nur für die Betroffenen eine Spirale nach unten in Gang.
Auch Städte und Stadtviertel verändern sich, weil ärmere Personengruppen, aber auch Menschen des Mittelstands aus bestimmten Wohnlagen verdrängt werden.
Erich Gottwald aus Aschau macht die Erfahrung, dass viele Menschen auf dem Land sorglos mit ihrem Wohneigentum umgehen. „So viele Häuser stehen leer.“ Da müssten sich doch Wege finden lassen, dass man zusammenkommt: Menschen, die bezahlbaren Wohnraum suchen, und ältere Leute etwa, die ein großes Haus haben und Hilfe bräuchten.
„Es stehen viele Häuser leer. Es wird zu wenig gebaut.“ So die Referentin, die die Verantwortlichen auffordert, über das Baurecht Grundstücksspekulationen zu unterbinden. Und die Bauvorschriften auszumisten. Über 30000 gebe es in Deutschland. Die Niederlande haben nach ihren Worten nur 4000.