„Die nächste Generation heranziehen“

von Redaktion

INTERVIEW Ignaz Graf zu Toerring-Jettenbach über nachhaltige Forstwirtschaft

Jettenbach – Waldbesitzer müssen mit den Folgen des Klimawandels, mit Schädlingen wie dem Borkenkäfer kämpfen und Ansprüchen seitens diverser Interessensgruppen umgehen. Das Haus Toerring-Jettenbach gehört zu den großen Forstbetrieben in Bayern, mit Flächen im Voralpenraum und in den USA. Der Forst Jettenbach in den Landkreisen Mühldorf und Rosenheim umfasst allein 800 Hektar. Und die Grafen blicken auf rund 700 Jahre Forstwirtschaft zurück. Wie Ignaz Graf zu Toerring-Jettenbach die Diskussionen um die Zukunft des Waldes sieht und wo sein Familienbetrieb verortet ist, hat er im Interview erzählt.

Graf Toerring, welche Bedeutung hat der Wald in der Region für Ihre Familie, für Sie persönlich?

Der Wald hatte immer schon eine große Bedeutung für unsere Familie. Ich kümmere mich jetzt bereits in der 27. Generation um den Forst. Mein Urgroßvater Hans-Veit zum Beispiel hat sich nach dem Ersten Weltkrieg dazu entschlossen, große Flächen hier in der Region aufzuforsten – und zwar auch mit neuen Baumarten wie etwa der Douglasie. Die ist klimaresistenter. Wir profitieren heute sehr von dieser Erfahrung.

Hört man Ihren Namen, denkt man an Bier. Beim Brauen setzen Sie auf traditionelle Verfahren. Wie begreifen Sie zeitgemäße Forstwirtschaft?

Es ist die Balance zwischen Tradition und Moderne. Der wichtigste traditionelle Aspekt ist die Nachhaltigkeit. Das ist ein Konzept, das bereits vor mehr als 300 Jahren in Deutschland, genauer gesagt von Hans Carl von Carlowitz, entwickelt wurde. Aber auch moderne Aspekte fließen in die Forstwirtschaft ein. Hightech-Maschinen zum Beispiel wie die großen Erntemaschinen, die Harvester. Früher wurde der Wald manuell mit Motorsägen und Pferden bewirtschaftet. Das war ein sehr gefährlicher Job. Die Harvester bieten dagegen eine große Sicherheit und ermöglichen eine effiziente und bodenschonende Bewirtschaftung des Waldbodens.

Wie sehen Sie die aktuellen Diskussionen um eine nachhaltige Fortwirtschaft?

Die Forstwirtschaft ist ein sehr langfristiges Geschäft. Wir ernten Bäume, die mein Urgroßvater gepflanzt hat. Und so versuchen wir auch zu denken. Kurzfristige Strömungen haben da keinen Platz. Es gilt, die richtigen Entscheidungen zu treffen, was angepflanzt wird, wie die Herausforderungen der Zeit richtig angegangen werden. Die aktuellen Forderungen nach Stilllegung des Waldes sind doch nur eine Modeerscheinung. Langfristig überlebt der Wald, wie wir ihn kennen, nur, wenn er bewirtschaftet wird.

Was halten Sie von Lösungsansätzen, die gegen die Auswirkungen des Klimawandels ins Feld geführt werden?

Das kann keiner so richtig einschätzen. Wie schon gesagt: Dank den Experimenten meines Urgroßvaters können wir Ergebnisse vorweisen. Die damals gepflanzten Bäume sind prachtvoll gewachsen. Sie sind resistenter gegen den Borkenkäfer. Was wir benötigen, sind generell Baumarten, die mit der Trockenheit besser zurechtkommen. Die vom Borkenkäfer befallenen Bäume, zumeist Fichten, müssen sofort gefällt und aus dem Wald gebracht werden. Das ist kostspielig. Kleine Waldbesitzer können sich das oft nicht leisten. Hier ist die Politik gefragt.

Mit Blick auf Ihre Ländereien in Übersee – könnte das Wirtschaften dort Vorbild für Mitteleuropa sein?

Bei uns hat der Wald viele Funktionen. Er ist Rohstofflieferant, aber auch – und das ist in Übersee oft nicht der Fall – ein Erholungsraum. Dann fungiert der Wald hier als Natur- und Klimaschützer. Er reinigt die Luft, er dient als Wassereinzugsgebiet. In den Bergen noch als Lawinenschutz. Dann kommt den Tieren des Waldes ein besonderer Schutz zu. Kurzum: Der Wald erfüllt viele Funktionen, für die der Waldbesitzer zuständig ist.

Seien es Naturschützer, Jagdverbände oder Spaziergänger – alle haben Ansprüche. Werden Sie als adeliger Vertreter mehr „in die Zange genommen“ als andere?

Mit einem Grafen als Gegenspieler lassen sich natürlich leichter Schlagzeilen machen (schmunzelt). Wir sind es seit langer Zeit gewohnt, uns auseinanderzusetzen, das gehört einfach dazu. Im Endeffekt liegt die Verantwortung bei uns, dass dieser Wald überlebt.

Wo sehen Sie den Wald in 50 Jahren?

Es gibt in jeder Generation neue Herausforderungen. Wichtig ist Kontinuität. Ich versuche, das zu machen, was mein Vater mit mir und mein Großvater mit meinem Vater gemacht hat: die nächste Generation jetzt heranzuziehen, die Jungen mit dem Wald vertraut zu machen, mit der Schönheit aber auch mit der Verantwortung und der Arbeit, die damit zusammenhängen. Nicole Petzi

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