Waldkraiburg – „Jeder, wie er‘s mag und braucht“, sagt Michael Bartesch. Der 68-jährige Waldkraiburger ist gut dabei, bei der Aktion Stadtradeln des Klimabündnisses, an der sich heuer bundesweit über tausend Kommunen beteiligen. Waldkraiburg ist ebenso wie Mühldorf und Haag, die beiden anderen Landkreis-Kommunen, die mitmachen, also in guter Gesellschaft. 30 Waldkraiburger Teams haben sich gemeldet, so viele wie noch nie, weit über 300 aktive Teilnehmer, junge und alte, sportliche „Kilometerfresser“ und gemütliche Genussradler.
Reha-Sportler heuer stark vertreten
Michael Bartesch hat schon in der ersten Woche mehr als 250 Kilometer mit dem Radl zurückgelegt. Er braucht Bewegung, aus gesundheitlichen Gründen. Schon am 18. März hatte er in diesem Frühling seine persönliche Radlsaison eröffnet. „Ins Auto steige ich nur noch zum Einkaufen.“ Da lag es nahe, auch heuer wieder vom 26. Juni bis zum 16. Juli beim Stadtradeln mitzumachen.
Noch wichtiger war es dem Waldkraiburger diesmal allerdings, in seinem Verein, dem Reha-Sportverein, die Werbetrommel für die Gesundheits- und Klimaschutzaktion zu rühren. Das hat er so erfolgreich gemacht, dass gleich 29 Vereinsmitglieder aufs Radl aufsprangen. Die Reha-Sportler sind Spitze, was die Beteiligung bei den Vereinen angeht. Und fleißig: Platz zwei belegen sie mit fast 3000 Kilometern eine Woche vor Ende der Aktion.
Die Champions des Vorjahres ziehen vorläufig aber wieder einsam ihre Kreise: Das Gymnasium, das seit 2017 dabei ist, hat schon über 4000 Kilometer gesammelt. „Schön, dass viele Eltern mitmachen“, sagt Oberstudiendirektor Helmut Wittmann. Er selbst sei „eigentlich kein Radfahrer“, bekennt der Schulleiter, der auch Sportlehrer ist. Doch seit zwei Jahren hat er ein Pedelec-Mountainbike. „Jetzt fahre ich auch mit“. Er schaffe es im Gegensatz zu einigen Lehrkräften, die mit dem Radl zum Unterricht kommen, zwar nicht, damit in die Schule zu fahren. Doch zur Elternbeiratssitzung sei er neulich mit dem Pedelec gekommen. Beim Stadtradeln sind alle Fahrzeuge zugelassen, die im Sinn der Straßenverkehrsordnung als Fahrräder gelten.
Wer holt diesmal
den Schulpreis?
Erneut stellt das Gymnasium auch ein eigenes Schülerteam. Im Vorjahr hatte es den Schulpreis gewonnen, 200 Euro flossen damals in die SMV-Kasse. Heuer ist mit der 7e erstmals eine Klasse der Diesel-Mittelschule dabei. Lehrer Alexander Frey hat fast alle Schüler motivieren können. Auch die 7e spekuliert auf den Preis. „Sollten wir gewinnen, wird das Geld für die Fahrten verwendet, die in der 8. Klasse anstehen.“
Bei den Grasis macht die ganze Schule mit: Über 100 Teilnehmer hat die Grundschule an der Graslitzer Straße gemeldet. Viele Schüler radeln – meist mit den Eltern – zur Schule. „Radfahren ist bei uns zurzeit ganz großes Thema“, sagt Rektorin Lydia Partsch. Auf dem Schulgelände hat Familie Lainer wieder den Geschicklichkeitsparcours des ADAC aufgebaut. Alle Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse üben hier das Radfahren und bereiten sich auf eine Prüfung vor.
Neue Beschilderung „super Geschichte“
Mit gutem Beispiel geht die Stadtverwaltung um Bürgermeister Robert Pötzsch voran. Mit dabei zwei Stadträte, Franz Belkot und Done Brunnhuber, der – wie er erzählt – zu seinen besten Zeiten mit dem Radl auch mal einen Ausflug zum Tegernsee gemacht hat. Über 20 Radler begleiteten den Bürgermeister neulich bei der „Feierabendtour“, die im Zuge der neuen Radwegbeschilderung rund um Waldkraiburg ausgewiesen ist. Da wurden viele Hundert Kilometer für das Stadtradel-Konto gesammelt.
Michael Bartesch war dabei. Er schwärmt von der neuen Beschilderung. „Eine super Geschichte.“ Bartesch ist fest davon überzeugt, dass allein dieser Service viele zum Fahrradfahren animieren wird. Was er bemängelt? Der Weg vom Waldkraiburger Bahnhof nach Ampfing sollte mal freigeschnitten werden. „Da ragen ziemlich viele Büsche rein und verdecken sogar Schilder.“
Radwegenetz
noch ausbaufähig
Dabei ist der Radweg Richtung Ampfing einer der besseren aus Sicht von Thomas Enghuber. Der 54-Jährige, der die neuen Aktivitäten bei der Beschilderung ausdrücklich begrüßt, findet ganz im Sinne der Stadtradel-Aktion: Die Infrastruktur für Radler muss verbessert werden. Im Landkreis und in Waldkraiburg ist das Netz im Vergleich zu vielen anderen Regionen noch sehr ausbaufähig. Das größte Manko: Es fehle an durchgehenden Radwegen. „Auf viel zu vielen Strecken müssen die Radler immer wieder auf viel befahrene Straßen ausweichen“, kritisiert er.
Enghuber muss es wissen. Er ist in diesen Tagen viel unterwegs mit dem Radl. „Ich sag immer: Ich hab gar keinen Führerschein.“ Der Waldkraiburger, der früher Eishockey und Inline-Hockey spielte, ist vor zehn Jahren aufs Fahrrad umgestiegen. Und als er in der Heimatzeitung vom Stadtradeln las, beschloss er, erstmals mitzumachen. „Heuer fällt in diese Zeit ein Teil meines Urlaubs. Das passt.“ Und so radelt er und radelt und radelt. Am heißesten Samstag des Jahres wurden es hundert Kilometer, gestern waren es insgesamt schon an die 800, die er „zum Teil mit dem normalen Radl, zum Teil mit dem E-Bike“ zurücklege. Das Ein-Mann-Team von der Firma Renolit hat einige weit größere Teams hinter sich gelassen. Und bleibt ehrgeizig: „Die Gruppe vor mir schnappe ich mir noch“, sagt Enghuber. Die Gruppe vor ihm, der „Nachrichten-Express“ von den Waldkraiburger Nachrichten, wird sich also ins Zeug legen müssen.
Die derzeit stärkste Firmenmannschaft wird auch Enghuber nicht mehr einholen: MD Elektronik. 15 aktive Radler hatten bis gestern fast 2200 Kilometer ins digitale „Fahrtenbuch“ eingetragen. Die MD-Mitarbeiter sind im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements mit dabei, wie Michael Wimmer auf Anfrage berichtet. „Generell fahren sehr viele MD-Mitarbeiter mit dem Fahrrad zur Arbeit.“
Genau darum geht‘s beim Stadtradeln. Nicht in erster Linie um sportliche Höchstleistungen, sondern um die Gesundheit und darum dass möglichst viele Teilnehmer das Auto einmal mehr als sonst stehen lassen und auf umweltfreundliche Mobilität setzen. Wer mitmacht beim Stadtradeln und sich als Teilnehmer registrieren lässt, ist immer auf dem Laufenden, wie viel Sprit und Geld er einspart. Und wie viel CO 2-Ausstoß er vermeidet.
Eine Woche
ist noch Zeit
Bei fast 25000 Kilometern, die die bislang registrierten 317 aktiven Teilnehmer bis Dienstagmittag gemeldet hatten, sind das 3,5 Tonnen. Und es werden bestimmt noch mehr bis zum Ende der Aktion am Dienstag, 16. Juli. Gemeinsam werden die Waldkraiburger dann einmal um den Erdball geradelt sein. Mindestens.
Über 44000 Kilometer wurden es im Vorjahr. Und manche Mannschaften haben noch keinen Kilometer eingetragen, zum Beispiel das Team „Rennsau“, wer immer das auch ist. Erfahrungsgemäß tragen viele ihre Ergebnisse erst mit Verzögerung ein. Bis zum 23. Juli ist das noch möglich.
Am Donnerstag, 25. Juli, um 10.30 Uhr werden dann im Waldkraiburger Stadtpark die Sieger aller Stadtradel-Teams im Landkreis geehrt. Zwei Sieger stehen schon heute fest: die Gesundheit und die Umwelt.