Tanzen, was uns verbindet

von Redaktion

Interview FSJ’lerin Karina Simion über ein preisgekröntes Projekt des Kreisjugendrings

Waldkraiburg – Es ist ein anspruchsvolles Projekt, das da am Dienstag, 23. Juli, um 19 Uhr im Haus der Kultur auf großer Bühne Premiere feiert: Das Stück „Was uns verbindet“ greift ein zentrales Thema der Waldkraiburger Stadtgeschichte auf: Vertreibung, Verlust von Heimat, Migration. Vom Team des Kreisjugendrings (KJR) wurde dieses Projekt konzipiert und ermöglicht. Von und mit Jugendlichen weiterentwickelt. Was hat es mit diesem Projekt auf sich, für das der Kreisjugendring bereits mit einem Preis ausgezeichnet wurde? Das erklärt im Interview Karina Simion (19). Die Waldkraiburgerin absolviert derzeit ein freiwilliges soziales Jahr beim KJR und hat bei diesem Projekt wertvolle Erfahrungen gemacht.

Karina, was hat Sie bewogen, sich dieses Themas anzunehmen?

Ich bin in Waldkraiburg aufgewachsen. Viele Gedanken über die Stadt habe ich mir nie gemacht. Ich konnte mich wenig mit ihr identifizieren. Wie alle Jugendlichen wollte ich nur von hier weg. Durch mein Freiwilligenjahr beim Kreisjugendring und den intensiven Austausch mit dem KJRTeam bin ich mit Themen wie Demokratie, Integration und dem Verlust von Heimat erst in Berührung gekommen. Über die Waldkraiburger Stadtgeschichte bin ich durch einen Zufall gestolpert.

Was heißt das konkret?

Ich habe realisiert, dass Waldkraiburg ursprünglich eine Vertriebenenstadt war. Eine Stadt, in der sich später viele Gastarbeiter angesiedelt haben. Da wurde mir erst so richtig bewusst, dass auch ich selbst, beziehungsweise meine Eltern einen Migrationshintergrund haben. Dass mich das Thema genauso betrifft. Meine Eltern kamen ursprünglich aus Russland und Rumänien. Mir wurde klar, dass man sich selbst seine Wege bauen muss. Ganz egal, wo man ist. Dass das keiner sonst für einen tut.

Wie entstand die Idee zum Tanztheater?

Theater hat mir immer schon gut gefallen. Selbst gespielt hatte ich das nur einmal in der Grundschule. Zum Tanz bin ich vor etwa vier Jahren gekommen, seit ich im TSC Waldkraiburg tanze. Beides hat mich sehr inspiriert, und ich fand, dass das gut zum Konzept passt, das wir uns im Kollegenkreis ausgedacht hatten. Ich wollte das Tanztheater einfach unbedingt machen.

Wie ging es weiter?

Zuerst habe ich mich an unsere Geschäftsführerin Kristin Hüwel gewandt. Sie war sehr offen dafür, das Thema Migration als Tanztheater umzusetzen. Das ganze KJR-Team stand voll dahinter, hat mich von Anfang an unterstützt und motiviert. Wie viel Aufwand und Verantwortung dahinterstecken, wurde mir erst viel später bewusst. Das Projekt hatte viele Unterstützer, wie Landrat Georg Huber, den Freiwilligendienst Kultur und Bildung, Elfriede Geisberger vom Amt für Jugend.

Von wem kam noch Unterstützung?

Im Dezember haben wir im Team das Konzept erarbeitet. Auf dieser Basis haben Kristin Hüwel und ich gemeinsam das Drehbuch entwickelt. Im Februar konnten wir zusätzliche Unterstützer und Mitwirkende gewinnen: Kollegen vom bayerischen Jugendring und vom Kreisjugendring. Ohne sie alle wäre ein Projekt dieser Größenordnung nicht möglich gewesen. Zumal es wegen der tänzerischen Elemente ohne eine große Bühne nicht gegangen wäre. Tanztheater ist ja durchaus anspruchsvoll.

Wie konnten Sie in kurzer Zeit die nötige Professionalität aufbauen?

Die mitwirkenden Jugendlichen hatten ganz unterschiedliche Tanz- oder Theatererfahrung. Viele hatten gar keine. Gemeinsam hatten wir zuerst nur eins: Wir, beziehungsweise unsere Eltern oder Großeltern haben Migrationshintergrund. Aussieben wollten wir bei den Darstellern ganz bewusst nicht: Jeder durfte mitmachen. Das Skript haben wir sehr offen und flexibel gehalten. Alle Jugendlichen sollten sich einbringen können. Dadurch haben sich ganze Teile des Stücks weiterentwickelt. Dass alle Mitwirkenden so ein gutes Gefühl für ihren Körper und ihre Sprache entwickelt haben, haben wir Corena Strecker-Beitzel vom TSC, die alles choreografiert hat, zu verdanken und Sebastian Meier vom Stadttheater. Er hat uns gezeigt, wie man auf der Bühne Emotionen richtig ausdrückt.

Wie war die Probenarbeit?

Wir hatten ein Probenwochenende und viele Workshops. Dabei haben wir viel gelernt. Es war toll, zu sehen, wie sich jeder persönlich weiterentwickelt hat. Musikalisch konnten wir uns ebenfalls einen Profi an die Seite holen. Auch ihm haben wir viel zu verdanken: dem Münchner Komponisten und Sounddesigner David Merkl. Alle zusammen sind wir zu einem tollen Team zusammengewachsen. Wir hatten wahnsinnig viel Spaß. Das wird man auf der Bühne sehen.

Was erwartet die Besucher bei den Aufführungen im Haus der Kultur?

Ganz klar. Ein kurzweiliger Abend mit einer packenden Geschichte und super Musik. Unsere Hauptfigur ist Großmutter Renate. Sie ist selbst mit dem ersten Vertriebenenzug aus dem Sudetenland nach Deutschland gekommen. Jetzt erzählt sie ihrer Enkelin Lena ihre Geschichte. Dabei gibt es immer wieder spannende Rückblenden, eine dramatische Liebesgeschichte und ganz viel Emotionen. Und ein überraschendes Ende, aber dazu verrate ich noch nichts.

Werden am Premierenabend prominente Gäste anwesend sein?

Für dieses Projekt hat der Kreisjugendring den VIEL-Preis des Bayerischen Jugendrings bekommen. Dieser Preis wird erst zum dritten Mal verliehen und zwar für vielfältige und Rassismus-kritische Jugendarbeit. Am Premierenabend wird Christian Loibl vom Landesvorstand den Preis überreichen.

Das Tanztheater-Stück „Was uns verbindet“ wird am Dienstag, 23., und Mittwoch, 24. Juli, jeweils ab 19 Uhr im Haus der Kultur in Waldkraiburg aufgeführt. Karten sind noch erhältlich an der Abendkasse.

Interview: Monika Beyer

Artikel 8 von 11