Waldkraiburg – Sie ist ein Waldkraiburger Phänomen, die Johann-Nepomuk-Kirche, die viele einfach nur „die Holzkirche“ nennen. Vor einem halben Jahrhundert wurde sie in kurzer Zeit hochgezogen. Ein provisorisches Gotteshaus für die katholischen Christen im Westen der rasch wachsenden Stadt, das bald durch ein neues Pfarrzentrum aus Stein ersetzt werden sollte. So jedenfalls das erklärte Ziel des damaligen Pfarrers Rudolf Haderstorfers.
Doch die Zeiten für neue katholische Kirchenbauten in Waldkraiburg sind längst vorbei. Die Holzkirche ist geblieben. Heute stellt sich die Frage: Wie lange noch? Seit die Stadt dringend ein geeignetes Grundstück für eine Kindertagesstätte im Westen des Stadtgebiets sucht, ist neue Bewegung in die Diskussion um ihre Zukunft gekommen.
Rumänisch-orthodoxe Kirche hat vor dem Winter kapituliert
Denn der Gesamtzustand der Kirche, die Sitzplätze für gut 200 Personen bietet, mache den Verantwortlichen seit vielen Jahren Sorgen und sei immer wieder Thema in der Kirchenverwaltung, sagt Pater Bernhard Stiegler. Der Leiter des Pfarrverbands Waldkraiburg verweist auf eine lange Mängelliste: Das Dach, das in den letzten Jahren immer wieder notdürftig repariert wurde, bräuchte dringend eine Generalrenovierung. Die Holzverkleidung, insbesondere die Fenster, müssten erneuert werden. Es gibt keine Wärmedämmung. Geheizt wird übers Dach ins Freie. „Ökologisch und ökonomisch ist das ein großes Problem.“ Wie lange die Holzkirche noch als Gottesdienstraum genutzt werden kann, sei eine Frage der Statik und hänge von der Schneelast im Winter ab. Und – wegen der Kälte im Winter – eine Frage der Leidensfähigkeit der Gottesdienstbesucher.
Die rumänisch-orthodoxe Kirchengemeinde, die in Johann Nepomuk für einige Zeit ihre Gottesdienste abhalten durfte, hat im Winter 2017 kapituliert und ist nach Waldwinkel umgezogen, wo sie seither Gastrecht bei den Salesianern genießt.
Eine Generalsanierung mit Wärmedämmung würde enorme Geldmittel verschlingen, weiß Pater Stiegler. Dabei stoße die Kirche schon mit den Ausgaben für die Pfarrkirche Christkönig an finanzielle Grenzen: Dort steht die Erneuerung der Heizung an, eine Renovierung oder Erneuerung der Orgel und eine dringend notwendige Verbesserung der Akustik. Die Lautsprecheranlage ist nicht mehr auf dem Stand der Technik.
Die Kirchenverwaltung Christkönig habe schon vor Längerem einstimmig beschlossen, „außer notdürftigen Reparaturen kein Geld mehr in die Johann-Nepomuk-Kirche zu stecken“, so der Geistliche.
Er spricht sich deshalb dafür aus, die Kirche aufzugeben und das Grundstück für die Bebauung mit einer großen städtischen Kindertagesstätte freizugeben. Die Stadt ist ohnehin Eigentümer des rund 3000 Quadratmeter großen Areals, das die Kirche für 10000 Euro im Jahr gemietet hatte. Auch der künftigen Nutzung gewinnt Stiegler eine positive Seite ab. „Kinder gehen vor.“
Vor einem Jahrzehnt: Gläubige wehrten sich gegen die Schließung
Die Holzkirche steht nicht zum ersten Mal vor dem „Aus“. Auch Stieglers Vorgänger Martin Garmaier wollte die Kirche schon vor über einem Jahrzehnt aufgeben, scheiterte aber am Widerstand aus der Gemeinde. Viele Gläubige, denen Johan Nepomuk ans Herz gewachsen war, setzten sich für den Erhalt ein, unter ihnen auch Altbürgermeister Jochen Fischer und seine Frau Gisela. Auch diesmal war sie geschockt, als sie davon in der Zeitung las, sagt Gisela Fischer. Johann Nepomuk sei eine „besonders heimelige Kirche“. In der Holzkirche sei immer eine „nette Gemeinschaft“ zusammen gekommen, darunter viele Leute, die nicht mehr mobil sind. Sie hat Zweifel daran, ob der Standort mitten in einem Wohngebiet sehr günstig ist. Wenn die Kinder draußen spielen und laut schreien, könnte das zu Konflikten führen, fürchtet sie.
„Für viele ist diese Kirche eine Heimat“, bestätigt Cornelia Engel, die sich als Lektorin und Kommunionhelferin in der Holzkirche engagiert. Noch immer kommen laut Engel zu den Wortgottesfeiern bis zu 50 Gläubige, zur Eucharistie 70 bis 80 Besucher. Die Gottesdienste sind allerdings weniger geworden. Am Sonntag um 9 Uhr ist Eucharistie, in den Sommermonaten stattdessen ein Vorabendgottesdienst um 18 Uhr, dazu eine Messe jeden Donnerstag um 8 Uhr.
Cornelia Engel würde es sehr bedauern, wenn die Holzkirche nicht mehr wäre. Aber sie muss als Mitglied der Kirchenverwaltung auch an die Kosten und den Aufwand denken. „Wie ich mich entscheide, ich weiß es nicht“, sagt sie wenige Tage vor der Sitzung des Gremiums. So schwer tut sie sich. Seit Jahren habe jede Kirchenverwaltung versucht, das Thema in die nächste Amtszeit zu schieben.
Pater Stiegler versteht die Emotionen, die an der Kirche hängen. „Ich bin als Zelebrant auch selbst immer gern in der Holzkirche. Vor allem die Gottesdienste zur Weihnachtszeit sind mir unvergesslich. Die ‚Verkündigung der ärmlichen Geburt Jesu im Stall‘ kann dort sehr eindrücklich nachvollzogen, fast schon erfahrbar werden.“
Die praktischen Probleme sind aus seiner Sicht lösbar: Dass ältere Christen am Wochenende eines der Gottesangebote wahrnehmen können, müsse sich über Mitfahrgelegenheiten ermöglichen lassen. Selbst ein Bus zur Christkönigskirche würde nur einen Bruchteil der Renovierung kosten.
Übrigens: Die wachsende rumänisch-orthodoxe Gemeinde, die ebenfalls Interesse angemeldet hatte, auf dem Gelände eine neue Kirche zu bauen, hat diesen Plan verworfen. Pfarrer Marius-Ioan Turcu winkt nach einem Besuch mit seinem Bischof ab: Dieses Vorhaben wird nicht mehr weiter verfolgt. Turcu begründet dies unter anderem mit der ungünstigen Zufahrtssituation. Weil sich auch eine Option in einer Nachbargemeinde Waldkraiburgs zerschlagen hat, ist die rumänisch-orthodoxe Kirche nach wie vor auf der Suche.