Waldkraiburg – Der Pfarrverband Waldkraiburg verliert seit Jahren Mitglieder. In Waldkraiburgs größter Pfarrei, Christkönig, liegen die Austrittszahlen mit 80 sogar höher als im Jahr 2010 (71), als die Missbrauchsfälle die katholische Kirche erschütterten.
„Es sind mehr Austritte als früher“, sagt Pater Bernhard Stiegler, Pfarrverbandsleiter für Aschau und Waldkraiburg. Sein Gefühl gibt ihm recht: 2010 kehrten 91 Menschen im Pfarrverband Waldkraiburg der Kirche den Rücken, vergangenes Jahr waren es 92 (2017: 84). Bis Ende Juni sind heuer 48 Personen ausgetreten.
Ohne Gesichtsverlust aus Kirche austreten
Stiegler bezeichnet die „Entfremdung der Kirche als Zeitgeist“. Nach den Missbrauchsfällen würden viele die Chance nutzen, ohne Gesichtsverlust aus der Kirche auszutreten. Die sozialen Werte oder die Angebote der Kirche, wie Kindergärten, würden die Leute nach wie vor schätzen, ihnen fehle aber die Identifizierung mit der Kirche. Auch der Kirchenbesuch habe in den vergangenen Jahren stark nachgelassen. Der Sonntagsgottesdienst stehe mittlerweile bei vielen in Konkurrenz zum Freizeitverhalten.
„Beim geringsten Anlass verlassen die Leute die Kirche und werden dafür auch noch belohnt, indem sie sich die Kirchensteuer sparen.“ Es fehlt der Bezug zur Kirchengemeinde. Viele der Menschen, die zum Beispiel in Aschau aus der Kirche ausgetreten sind, habe Pater Stiegler nicht einmal gekannt. „Die sind neu in die Gemeinde gezogen und sind mit ihrem Umzug aus der Kirche ausgetreten.“ Über die Gründe kann Pater Stiegler nur Vermutungen anstellen. Er schreibt jeden an, der aus der Kirche ausgetreten ist, und bietet ein Gespräch an. Nur einer von 20 nehme das Angebot wahr.
Den Kontakt zu den Menschen verstärkt wieder aufzubauen, sei schwierig. Es gebe immer weniger Seelsorger, die Identifikation mit der Kirche gehe auch deshalb zurück. Pater Bernhard Stiegler ist für zwei Pfarrverbände verantwortlich. „Mehr in die Häuser zu den Leuten zu gehen, das ist einfach nicht zu schaffen.“
Stiegler macht aber auch die Erfahrung, dass Eltern ihre Kinder taufen lassen, obwohl sie sich selbst von der Kirche distanziert haben. „Sie wollen nicht, dass ihre Kinder isoliert sind. Es gab Taufen, kurz vor der Kommunion“, sagt Stiegler.
Dennoch schrumpft der Pfarrverband, der demografische Wandel ist deutlich zu spüren. 2018 gab es im Pfarrverband Waldkraiburg 166 Beerdigungen, aber nur 51 Taufen. 2017 gab es 176 Sterbefälle und 71 Taufen. Nimmt man die Austritte sowie Zu- und Wegzüge hinzu, geht die Zahl der Mitglieder im Pfarrverband innerhalb eines Jahres von 11501 auf 11238 zurück. Ein Minus von 263 Mitgliedern.
Auch in der evangelischen Kirche in Bayern gibt es einen Mitgliederschwund. Eine Einschätzung, die Pfarrerin Anita Leonhardt für die evangelische Kirche in Waldkraiburg teilt. Genaue Zahlen nennt sie auf Nachfrage nicht, nur so viel: „Zu unserer Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Waldkraiburg, zu der auch Aschau, Jettenbach, Taufkirchen, Kraiburg und Oberneukirchen gehören, kann ich sagen, dass wir unter dem bayerischen Durchschnitt Austritte haben.“ Im Schnitt seien bayernweit rund ein Prozent der Kirchenmitglieder ausgetreten.
„Es ist keine leichte Sache, die Bindung an die Kirche aufzugeben.“ Für viele sei die Entscheidung ein langer Prozess gewesen, manche würden später aber wieder zurückkommen. Die Lebenssituation der Menschen habe sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. „Jeder hat viel um die Ohren, immer weniger schaffen es in den Gottesdienst.“
Doch was sind die genauen Gründe? Sie kann nur vermuten: dem christlichen Glauben abgesagt, ohne Kirche Christ sein wollen, finanzielle Gründe, Ärger über die Kirche oder ganz einfach eine andere Glaubensgemeinschaft angehören wollen. „Wir wissen es nicht.“ Egal, welche Gründe es waren: Die Kirche will sich den Menschen auch nach einem Austritt nicht verschließen: „Die Gemeinschaft der Kirche bleibt auch weiterhin für die Personen offen, die ausgetreten sind. Wenn jemand ein Gespräch mit uns möchte, wir sind gerne dazu bereit.“