Waldkraiburg – Er ist auf dem Absprung. Das Büro im Pfarramt ist fast leer geräumt. In wenigen Tagen wird Michael Wagner den Pfarrverband verlassen – nach neun Jahren, in denen der Gemeindereferent Spuren hinterlassen hat. „Ich habe vielleicht nicht alle Ziele erreicht“, sagt er. „Eines aber doch: den Menschen nahe zu sein.“ Mit dem 49-Jährigen verliert das hauptamtliche Seelsorgeteam eine Säule, einen Stabilitätsanker. In einer Zeit der vielen personellen Wechsel und Veränderungen.
Erst seit wenigen Wochen weiß Wagner, dass er im September eine neue Stelle als Fachreferent in der Abteilung Liturgie im Ordinariat in München antreten wird. Er freut sich auf die Aufgabe. Liturgie in Praxis und Theorie ist sein Bereich. Er bringt viel Erfahrung und die notwendigen wissenschaftlichen Voraussetzungen mit. Neben der Arbeit im Pfarrverband hat der Religionspädagoge seit 2016 Liturgiewissenschaft studiert.
Schon seit vielen Jahren ist der Gemeindereferent in der liturgischen Beratung von Berufsanfängern tätig. Das wird auch künftig eine Aufgabe sein. Ein anderer Schwerpunkt: die liturgische Ausbildung von Ehrenamtlichen, in Kursen für Lektoren und Wortgottesdienstleiter. Dazu kommt die Beratung von Pfarreien und Vortragstätigkeit in der ganzen Diözese.
Er wird weniger Abend- und Sonntagstermine haben. Ob seine neue Tätigkeit sehr viel familienfreundlicher ist als bisher? Er ist nicht ganz sicher. Die Arbeit mit Ehrenamtlichen spielt sich hauptsächlich an Wochenenden ab. „Neulich war ich in München und habe mir gleich vier Samstagstermine abgeholt“, lacht der dreifache Familienvater, dessen Jüngster kurz vor der Volljährigkeit steht. Eins steht aber fest: „Im Ordinariat gibt es eine Zeiterfassung, im Pfarrverband nicht. Man hat irgendwann keinen Überblick mehr, die wievielte Überstunde es grade ist.“
Abende oft in der Pfarrei verbracht
Wer einen Seelsorgeberuf ergreift, lasse sich darauf ein, seine Abende und Wochenenden in der Pfarrei zu verbringen. Der 49-Jährige kennt das, seit 1993. Damals trat er seine erste Stelle im Pfarrverband Buchbach an, dem er 17 Jahre lang treu blieb. 2010 wechselte er nach Waldkraiburg. Die Wagners wohnen in Schwindegg, er suchte also eine Stelle im näheren Umfeld. Und: „Ich wollte noch etwas dazu lernen, in Bereichen, die ich in einer ländlichen Pfarrei noch nicht kennengelernt hatte. Und ich kannte das Team und wusste: Das passt. Da passe ich dazu.“
Beim Ausräumen seines Büros ist er auf einen Stapel an Beerdigungsmeldungen gestoßen. In Buchbach hatte er in 17 Jahren drei Beerdigungen, in Waldkraiburg kam das schon mal in einer Woche vor. Rund 200 Beerdigungen waren es am Ende. Wertvolle Erinnerungen werden wach. Natürlich sei es schwierig, Familien, Angehörige in diesen Situationen zu begleiten, aber auch sehr erfüllend, mit Menschen in Berührung zu kommen, mit ihren Familiengeschichten und ihnen beistehen zu können. Wagner erinnert sich an eine Frau, die ihren Säugling verlor. An den tragischen Unfalltod der Triathletin Julia Viellehner, mit der der Gemeindereferent, der in der Freizeit selbst zum Ausgleich ein wenig Triathlon betreibt, befreundet war. Er denkt an einen Witwer, der ihn ein Jahr nach dem Tod seiner Frau anrief. Und ihn bat, am Telefon gemeinsam ein „Vater unser“ für die Verstorbene zu beten. Er könne das alleine nicht mehr.
Jugendarbeit in
der Stadt schwierig
Der erfahrene Seelsorger, der die Pfarrei Pürten/St. Erasmus schwerpunktmäßig betreute, hatte im Pfarrverband viel mit jungen Leuten zu tun. In der Firmvorbereitung und in der Ministrantenarbeit. Die kirchliche Jugendarbeit hat er in der Stadt als schwieriges Feld erlebt. Während in Pürten eine der stärksten Landjugendgruppen das Gemeindeleben mitprägt, kam in der Stadt eine geregelte Gruppenarbeit nahezu zum Erliegen. Aus welchen Gründen, was man hätte dagegen tun können? Wagner ist ratlos.
Bei der Kolpingsfamilie war er Geistlicher Leiter. Mit dem Kindergarten St. Christophorus pflegte er regelmäßigen Kontakt. Bis 2013 unterrichtete er Religion in der Grundschule, musste das aber aufgrund der personellen Entwicklung im Pfarrverband aufgeben. „Das war seltsam, mir ist am Vormittag etwas abgegangen.“
„Mit den Kindern und den Familien in Kontakt zu kommen, ist das A und O für uns. Wenn uns das nicht mehr gelingt…“ In kleineren Pfarrverbänden mit weniger Kindergärten und weniger Schulen sei dies leichter als in einer Stadt wie Waldkraiburg, glaubt er. Zumal die Personaldecke immer dünner wird. Noch ist nicht sicher, ob seine Stelle im Herbst wieder besetzt wird.
Vor neun Jahren, bei Dienstbeginn hatte er den Eindruck, der Pfarrverband sei „personell bestens bestückt“. Jeder Arbeitskreis, jede Gruppe wurde von einem Hauptamtlichen begleitet. Das habe zu einem Versorgungsdenken geführt.
Es ist dieses Versorgungsdenken, das ihm Sorgen macht. Schon wahr, die Kirche mache es den Leuten nicht leicht, mit allem, was wir im Augenblick mit uns mitschleppen. Da sagt man nicht gerne, ich bin Teil der Kirche.“ Der Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten, die Rolle der Frau und andere Fragen treibt Christen um. Auch er hoffe, dass Frauen Diakonin werden können und Priester heiraten dürfen.
Ein entscheidender Punkt für die Zukunft der Kirche sei aber, dass sich nicht nur die Hauptamtlichen für die Weitergabe des Glaubens verantwortlich fühlen. Aus seiner Sicht ist da vieles in Schieflage. Er ist überzeugt: Es braucht ein Umdenken, die Besinnung, darauf, dass alle Christen Rechte und Pflichten haben. Michael Wagner nennt es „Taufbewusstsein“, das vielfach verloren gegangen sei. Das Konzil habe sogar von einer „Taufweihe“ gesprochen. Da gehe es nicht darum, dass Ehrenamtliche Lücken auffüllen, die Hauptamtliche hinterlassen. Diese Mitverantwortung ist ihr ureigner Auftrag, macht ihre Würde als Christ aus. Gemeinsam müssten Haupt- und Ehrenamtliche Charismen, Fähigkeiten entdecken.
„Taufbewusstsein“ ist verloren gegangen
Ob dies auf Dauer in der klassischen territorialen Struktur der Kirche passieren wird, da ist sich Michael Wagner nicht mehr sicher. „Ich komme von der Pfarrgemeinde, da gehört das kirchlichen Leben hin.“ Aber ein Blick nach München genügt, um zu sehen: „Die Leute gehen nicht mehr unbedingt dort zum Gottesdienst, wo sie wohnen, sondern dort, wo sie eine Gemeinschaft finden oder einen Seelsorger, der sie anspricht.“ In der Kirchenleitung wachse die Überzeugung: Die Seesorge müsse sich dort hinwenden, wo die Menschen uns brauchen. Auch der neue Stellenplan, der ab Januar in der Erzdiözese gilt, orientiere sich mehr an Einwohner- als an Katholikenzahlen. „Wir richten den Blick als Kirche auf die Gesellschaft.“