Radeln für den Wandel

von Redaktion

Sie hat kein Auto, fährt Bus und Bahn, ist seit einem Jahr nicht mehr geflogen. Verena Wittmann ist dabei, ihren Lebensstil umzukrempeln. Um auch anderen dazu Mut zu machen, ist sie mit einem Bambusrad von Kiel nach Bayern gefahren. Ihr Motto: Radeln für den Wandel!

Waldkraiburg – Geschafft! Die letzte Etappe ist zurückgelegt, der Stadtplatz ihrer Heimatstadt Waldkraiburg erreicht. In einem Monat ist die 26-jährige Verena Wittmann mit ihrer Freundin Lena Kurenbach von Kiel quer durch Deutschland gefahren. Rund 2000 Kilometer für eine gemeinsame Mission.

Ihr Antrieb: 100 Prozent emissionsfreies Radfahren. Auch der Strom, der die E-Bikes laufen lässt, muss zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie stammen. Der Umwelt, der Natur zuliebe.

Diese Botschaft wollten die beiden Frauen unter die Leute bringen. Mit ihrer Velo Action Germany. Verena Wittmann bringt das Motto auf den Punkt: „Bewegen durch Bewegung“. Nur so kann sich etwas verändern.

Und es muss sich etwas verändern. Das weiß Verena Wittmann spätestens, seit sie den Film „Tomorrow“ gesehen hat. Da wurde ihr klar, dass auch sie etwas auf die Beine stellen wollte, das die Umwelt und die Gesellschaft voranbringt. Weltweit wachsende Probleme, Energie- und Ressourcenverknappung, Klimawandel. So kann es nicht weitergehen.

Doch die große Politik ist nicht ihr Ding. Die Aktivistin, die es lieber mit dem Motto hält „Jeder ist sein eigener Politiker“, setzt auf den Wandel im Kleinen, im persönlichen Lebensstil, den alltäglichen Einsatz für Nachhaltigkeit.

„Ich möchte mehr für die Natur tun!“ Mehr und mehr sei ihr das in den vergangenen Jahren klar geworden, sagt die Sport- und Fitnesskauffrau, die nach dem Bachelor im Berufsschullehramt für Ernährungs- und Hauswirtschaftswissenschaften in München aus dem Studium ausstieg.

Seit über zwei Jahren lebt sie vegetarisch, auf kurz oder lang werde sie sich „fifty-fifty vegan und vegetarisch“ ernähren, so die 26-Jährige, die nächstens ein einjähriges Studium im Fach Nachhaltigkeitsbildung im schwedischen Linköping beginnt.

Übrigens: die Reise an ihren neuen Studienort tritt Wittmann mit dem Zug an. Bildungsreferentin für Nachhaltigkeit, das ist ihr neues berufliches Ziel. Sie will andere für den Weg gewinnen, den sie eingeschlagen hat.

Verena hat kein Auto, sie fährt lieber Bahn

Die junge Frau hat kein Auto, ist in der Regel mit Bus und Bahn unterwegs, wenn sie nicht Rad fährt. Im August 2018 habe sie beschlossen, ein Jahr lang nicht mehr zu fliegen. „Dieses Jahr wird länger dauern.“ Verpackungsfreies Einkaufen kriegt sie „schon relativ gut hin“.

Das sei einfacher als viele denken. „Obst, Gemüse, Nüsse kommen an der Kasse aufs Fließband.“ Sie versucht, sich palmölfrei zu ernähren. Und die Zeiten, als sie sich mit immer neuen Klamotten eingedeckt hat, sind auch vorbei. Sie setzt auf Second Hand und umnähen. „Das Glück ist größer, wenn man den Konsum reduziert.“

Eins ist ihr wichtig. Sie will werben für einen anderen Lebensstil, nicht abschrecken. „Es geht nicht um das Du-machst-das-falsch-ich-mach-das-richtig-Gefühl.“

Das war ihr auch für die Radtour wichtig, die sie gemeinsam mit Lena Kurenbach aus Bergisch Gladbach unternahm. Die 33-Jährige war sofort begeistert von der Idee. 2018 gründeten sie gemeinsam die Initiative „Activating Change“, die mit verschiedenen Aktionen Menschen motivieren will, selbst ins Handeln zu kommen und für den Wandel einzutreten.

Ihr erstes Projekt: die Radtour für emissionsfreie Mobilität. Sie kooperierten dabei mit zahlreichen Partnern, Organisationen und Firmen, die ihr Anliegen teilen. Die Fahrzeuge wurden den beiden gestellt: das Elektro-Lastenrad von Lena Kurenbach ebenso wie „Lotta“, so der liebevolle Name, den Verena Wittmann ihrem Bambusrad gegeben hat. Die Rahmenteile werden in Ghana produziert und in Kiel zusammengeschraubt.

Auf Instagram und Facebook starteten sie Aufrufe, um andere zu aktivieren, sie bei der Tour auf einzelnen Etappen zu begleiten oder zum „Get together“ an verschiedenen Etappenzielen zu kommen. Über die sozialen Medien berichteten sie von ihrer Reise. Die Resonanz auf ihre Aufrufe war recht unterschiedlich.

Bei den Zusammenkünften an den Zielorten gab es viele interessante Begegnungen. In Berlin, wo sie mit dem Verein Rückenwind zusammentrafen, der gemeinsam mit Geflüchteten Fahrräder repariert. Oder in Regensburg, wo das Team von Clean up eine große Müllsammelaktion startete, auch Greenpeace Energy war dabei vertreten. Oder zuletzt in München, wo Rehab Republic für eine Veränderung der alltäglichen Gewohnheiten eintritt, individuell, wirtschaftlich, politisch.

Ein Dutzend Mitfahrer schlossen sich auf der letzten Strecke, von Haag nach Waldkraiburg, an, Angehörige, Freunde, auch Waldkraiburgs Bürgermeister Robert Pötzsch radelte mit. Seine Sekretärin Anita Kroiß hatte ihn auf das Projekt aufmerksam gemacht.

Pötzsch ließ sich nicht zweimal bitten. Der Waldkraiburger Bürgermeister war sofort von dieser Idee begeistert. „Wenn man ein Zeichen setzen möchte, auf Autofahrten zu verzichten und der Umwelt etwas Gutes tun, dann sollte man mitmachen. Ich finde es toll, dass junge Menschen sich für so ein Projekt stark machen. Sie geben ein super Beispiel, dass man nicht mit Auto, Flugzeug, Schiff oder Bahn reisen muss.“

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