„Tragödie artet in Katastrophe aus“

von Redaktion

Erinnerung an den verheerenden Brand der Klosterkirche Au am Inn vor 50 Jahren

Gars –„Die Kircha brennt, die Kircha brennt, siehts ihr des net!“, rief der Holzgassner Flori, einer der ersten Augenzeugen des Kirchenbrands von Au am Inn. Auf den Tag genau 50 Jahre danach versammelten sich unter dem prächtigen Barockgewölbe der Klosterkirche, die damals unter dem lichterloh brennenden Dachstuhl des Langhauses einzustürzen drohte, über 200 Besucher, um sich der damaligen dramatischen Ereignisse zu erinnern.

Heimatforscherin Lieselotte Oberbauer

hat recherchiert

Heimatforscherin Lieselotte Oberbauer hatte in aufwendiger Recherchearbeit Fotos, Filmsequenzen, amtliche Dokumente und Augenzeugenberichte zusammengetragen, um den von vielen als traumatisch erlebten Kirchenbrand zu dokumentieren.

Die Bilder vom Brand der Notre-Dame in Paris hätten sie bewegt und motiviert, den verblüffend ähnlichen Verlauf des Kirchenbrandes in Au zu erforschen und damit dem langsamen Vergessen zu entreißen, betonte Lieselotte Oberbauer.

Gebannt lauschten denn auch die Zuhörer in der voll besetzten Kirche den Ausführungen der Referentin, die es verstand, akribisch ausgewertete Dokumente, Bilder, Filmszenen und Stimmen von Augenzeugen zu einem eindrucksvollen Gesamtbild zusammenzufügen.

Dabei trug die von ihr und von den zitierten Augenzeugen wie selbstverständlich verwendete Mundart zur lebendigen Vergegenwärtigung der damaligen Erlebnisse bei.

Restaurierung

stand kurz

vor dem Abschluss

Aufwendige Restaurierungsmaßnahmen der Kirche, die schon über 200000 Mark verschlungen hatten, standen kurz vor dem Abschluss, als an jenem 7. August 1969, einem schönen Sommertag, Feuer im Bereich des Kuppeldachs des Presbyteriums ausbrach und sich über den ganzen Dachstuhl bis zu den Türmen ausbreitete.

Kurz vor vier Uhr am Nachmittag vernahm zuerst ein in der Kirche beschäftigter Malermeister die „Feuer!“-Rufe einiger in Panik über einen Steg im Dachstuhl des Langhauses flüchtenden Arbeiter. Ebenso nahmen Auer Bürger eine zunehmende Rauchentwicklung auf dem Kirchendach wahr. Alarm wurde ausgelöst und bald waren die Auer Feuerwehr und Wehren aus umliegenden Orten zur Stelle. Helfer stürzten in die Kirche und versuchten, alle beweglichen Kunstgegenstände in Sicherheit zu bringen. Dramatische Szenen spielten sich ab: Schon schlugen Flammen aus dem Dachstuhl des Langhauses und auch aus den Helmhauben der Türme. Augenzeugen beobachteten bestürzt die Tragödie und das sich steigernde Flammeninferno, viele hatten Tränen in den Augen. Die Sorge galt bald dem Klosterkomplex, der unbedingt vor dem Feuer geschützt werden sollte: Schwestern begossen dazu die Mauern aus Wassereimern und von der einzig verfügbaren Drehleiter aus hielt die Feuerwehr Waldkraiburg den Südturm und die Südseite des Nordturms unter Wasser, um ein Übergreifen der Flammen und den Sturz der Türme auf Franziskushaus und Kloster zu verhindern.

Aus dem Klosterweiher, dem Weiher des Zehentstadels und später über Schlauchleitungen zum Inn wurde das Löschwasser herangeführt.

Den Rest des Tages und die ganze Nacht über löschten und sicherten die Feuerwehren die Brandherde rund um die Kirche. Ein kurzes Übergreifen der Flammen auf ein Stockwerk des Klosters konnte die ortskundige Auer Wehr erfolgreich eindämmen.

Unter vielen im Vortrag zitierten berührenden Aussagen war auch die eines damals 18-jährigen Feuerwehrmanns aus Gars, der an diesem Tag seinen ersten Einsatz erlebte und das Bild der stürzenden Turmhelme nicht vergessen kann: „Ich sah, wie ein Kreuz und die goldene Kugel herunterpurzelten.“

Durch Rekonstruktion und Zeugenaussagen von Bauarbeitern konnte als Brandursache ermittelt werden, dass eine platzende Baulampe im Dachstuhl des Presbyteriums Holzimprägnierungsmittel in Brand gesetzt haben musste. Einige um ihr Leben fürchtende Arbeiter flohen über einen Steg im Dachstuhl in Richtung der Türme, schlossen dabei aber verhängnisvollerweise eine Brandschutztüre nicht.

Das führte dazu, dass schließlich beide Türme völlig ausbrannten, die Glockenstühle zerstört wurden, die Glocken noch nach Löschung des Brandes herabstürzten und stark beschädigt wurden.

Schwierig zu klären waren nach dem Brand die Zuständigkeiten kirchlicher, staatlicher Stellen sowie von Versicherungen. Die Schuld- und Haftungsfrage ging durch zwei gerichtliche Instanzen und endete mit Freisprüchen für Bauarbeiter und Baufirma.

Zehn Jahre zog sich der Wiederaufbau hin, verschlang über 2,5 Millionen Mark und setzte die Geduld aller Betroffenen mancher Zerreißprobe aus. Joseph Huber, damaliger Pfarrer von Au, mahnte in einem Brief an das Landbauamt Rosenheim im April 1971 verzweifelt den Fortgang der Bauarbeiten an und klagte: „Der Brand an der Kirche von Au war eine Tragödie – diese Tragödie artet nun in eine Katastrophe aus.“

Erst im Oktober des Jahres 1979, über zehn Jahre nach dem Ausbruch des Brandes, konnte die Pfarrgemeinde mit Pater Josef Stemmer einen Dankgottesdienst zum Abschluss der Wiederherstellung von Kirche und Orgel sowie zur Einweihung der Glocken halten.

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