Waldkraiburg-Pürten/St. Erasmus – Wenn heute Krieger- oder Soldatenvereine und -kameradschaften Jubiläum feiern, dann feiern sie immer auch den Frieden. Kaum ein Mitglied hat den Krieg noch selbst erlebt. Als vor 100 Jahren auf Initiative von Pfarrer Valentin Ackermann 50 Männer aus der Pfarrei Pürten und der Filiale St. Erasmus den Krieger- und Soldatenverein Pürten gründeten, war das ganz anders. Die Mitglieder waren geprägt, heute würde man sagen: traumatisiert von fürchterlichen Erfahrungen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.
1925 schrieb er alles in einem umfangreichen Kriegstagebuch auf
Einer, der seine Erlebnisse im Nachhinein – 1925 – in einem Kriegstagebuch festgehalten hat, ist Anton Hinterwimmer (1892 bis 1968), der den Krieg vom Anfang bis zum bitteren Ende im November 1918 mitgemacht hat. Der Bauernsohn, der erst nach seiner Soldatenzeit nach St. Erasmus kam und in die Gastwirtsfamilie einheiratete, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom amerikanischen Militär zum Bürgermeister von Fraham ernannt.
Am Anfang wurden alle von großer Begeisterung erfasst
Im Kriegstagebuch, das seine Tochter Antonie Schmidt aufbewahrt und von Sütterlin in schöne Schreibschrift übertragen hat, zeichnet er seine Erlebnisse als Sanitätssoldat im 2. bayerischen Infanterie-Regiment nach. Wie so viele andere wird auch Hinterwimmer, der im Juli 1914 noch „mit einem kräftigen Fluch“ auf den Einberufungsbefehl reagiert, wenig später vom allgemeinen nationalen Taumel erfasst. „Die Begeisterung überall riß uns alle mit fort… Alles war in fiebernder Aufregung.“
1916 die Hölle von Verdun erlebt
und durchlitten
Es geht nach Frankreich an die Westfront, wo sich nach der ersten Gefechten schon wenige Monate später der Krieg von seiner grausamen und hässlichen Seite zeigt. Der Krieg steigt in die Gräben. Stundenlanger Artelleriebeschuss zermürbt die Soldaten. „Immer nur der eine Gedanke: Jetzt, jetzt kommt die verhängnisvolle Granate, die uns alle begräbt unter den Trümmern, oder vielleicht schrecklich verstümmelt“, schreibt der Soldat über eine der vielen blutigen Nächte im Kriegsjahr 1915.
Die Hölle stand ihm da noch bevor, die Hölle von Verdun, wohin seine Einheit im Mai 1916 verlegt wurde. Zunächst ins Hinterland der „verwünschten Festung“. Kopf an Kopf liegend mit „bis zur Unkenntlichkeit schon aufgedunsenen Leichen“ behält Hinterwimmer „bis in die Seele erschaudernde Bilder“ von diesem Schlachtfeld in Erinnerung. Im Stoßgebet fleht er: „Oh Gott, um eine leichte Verletzung bitte ich Dich!“
Bei der Ablösung des Regiments bleiben 80 Kameraden, die von einer 280 Mann starken Kompanie davon gekommen sind. Diese Zahlen gehen ein in die Statistiken der Militärhistoriker, die allein bei der Schlacht um Verdun 1916 von über 700000 Mann Verlusten ausgehen: zerfetzten, verbluteten, vermissten, gefangenen, schwer verwundeten jungen Männer.
Nach Verdun wächst die Kriegsmüdigkeit der Soldaten auf allen Seiten rapide. Im Tagebuch des Anton Hinterwimmer spiegelt sich dies wieder im mehrfach wiederholten Wunsch, alles möge doch endlich vorbei sein: „Lägen wir doch tot drinnen im Moor, hätte uns doch ein Geschoss erreicht und ins Jenseits befördert!“
Die es überlebt haben, schließen sich in Vereinen zusammen
Zwei volle Jahre sollte das grausame Schlachten, Trommelfeuer und Gasangriffe, weiter gehen, Millionen von Opfern fordern, ehe es nicht mehr ging. Schon im September 1918 machen sich Auflösungserscheinungen in der Truppe breit und Gerüchte vom nahen Ende des Krieges. Am 11. November wird der Waffenstillstand bekannt gegeben.
Es geht heim. Und jene, die trotz der fürchterlichen Erlebnisse wieder Fuß fassen in der Heimat, in einem normalen bürgerlichen Leben, tun sich vielfach in Kriegervereinen und Soldatenkameradschaften zusammen. Diese Vereine, die vor allem aus Gründen der Geselligkeit gegründet wurden, sollten die Kameradschaft fördern und das Andenken an die gefallenen und vermissten Soldaten bewahren. 39 Kameradschaften und Vereine im Landkreis Mühldorf waren schon vor dem Ersten Weltkrieg gegründet worden, etwa nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870.
Zehn, darunter der Verein in Pürten, kamen bis 1923 noch dazu. Sie waren auch eine treibende Kraft für die Errichtung von Kriegerdenkmälern. Jenes in Pürten wurde im Juli 1921 feierlich eingeweiht, um an die 19 Angehörigen der Pfarrei zu erinnern, die im Krieg geblieben waren.
Nur zwei Jahrzehnte später ist wieder die halbe Welt im Krieg
Was hat das Gedenken und die Erinnerung bewirkt? Nur 18 Jahre später entfesselte ein menschenverachtendes Regime eine noch größere Katastrophe, überzog von Deutschland aus die halbe Welt mit Krieg. Wieder wurden Millionen junger Männer aus aller Herren Länder in fürchterliche und mörderische Unternehmungen geschickt, ob sie wollten oder nicht. Männer, die noch nicht einmal erwachsen waren.
So wie Johann Baptist Schreiner. Mit 93 Jahren ist er eines der ältesten Mitglieder der Pürtener Soldatenkameradschaft, seit fast 60 Jahren Mitglied. Auch er hatseine Kriegserlebnisse schriftlich festgehalten, in einem Lebenslauf, den die Familie aufbewahrt. Als Johann Baptist Schreiner im März 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde, war er noch keine 18 Jahre alt. Für eine ordentliche Grundausbildung war 1944 nicht mehr die Zeit. Nach vier Wochen Schellausbildung beim Grenadier Ersatz-Bataillon 179 in Traunstein wurde er als Gebirgsjäger nach Südfrankreich abgestellt.
„Wir kamen in die Berge von Grenoble zum Partisaneneinsatz. Eine schlimme Zeit“, schreibt er im Rückblick. Im August 1944 wird seine Einheit an die Rhone verlegt. Er muss mit seinen Kameraden Verpflegung an die Front schaffen, „aber nur nachts, tagsüber waren Aufklärungsflugzeuge am Himmel“.
Rückzug, Flucht
und Angst vor der Exekution durch SS
Bei einem Bomberangriff wird seine Unterkunft zerstört. Der Rückzug beginnt. Es geht nach Italien, wo die Einheit vor den Amerikanern fliehen muss. „Mit Holztüren und Holzstöcken“ versucht der junge Soldat mit Kameraden den Po zu überqueren. „Viele ertranken.“ Er kann mit einem Ruderboot fliehen, muss sich aber vor der SS in Acht nehmen, die droht, jeden, der flüchtet, zu erschießen oder aufzuhängen.
Zwei Tage vor Kriegsende, am 6. Mai 1945, kommt Johann Baptist Schreiner am Gardasee in englische Kriegsgefangenschaft. Kurz vor seinem 19. Geburtstag. Er gehört zu jenen, die das Inferno überlebt haben. Zig-Millionen Menschen kamen ums Leben. Allein in der Pfarrei Pürten kehren 36 Männer nicht mehr heim.
In Viehwaggons geht es für Schreiner und seine Kameraden ins Gefangenenlager in Rimini und weiter nach Süditalien. „Tausende waren hinter Stacheldrahtzäunen eingepfercht“, bei Temperaturen von 35 Grad Celsius und karger Kost. Schreiner hat Glück. Die Jüngeren werden entlassen. Am 14. Oktober 1945. Zu Fuß läuft er von Passau nach Mühldorf. Und weiter in sein Heimatdorf Rattenkirchen, wo er erfährt, dass sein Vater zwei Wochen vor der Rückkehr gestorben ist.
Kriegsschicksale des 20. Jahrhunderts. Weit entfernt, fast vergessen. Einmal im Jahr, am Volkstrauertag, wird an die Kriegstoten und die Opfer der Gewaltbereitschaft und Gewaltherrschaft aller Nationen erinnert. Auch die Krieger- und Soldatenvereine und -kameradschaften feiern diesen stillen Tag mit, mit dem so viele heute nichts Rechtes mehr anzufangen wissen.
Zum Glück, mögen sich jene denken, die noch aus eigener Erfahrung wissen, warum es die Erinnerung gibt und warum es sie braucht.