„Jeder ist Künstler“

von Redaktion

Aktuelles Interview Elke Keiper, seit 20 Jahren Galerie- und Museumsleiterin

Waldkraiburg – Sie hat federführend an der vielfältigen Waldkraiburger Museumslandschaft mitgebaut und sorgt bis heute dafür, dass das Haus der Kultur eine kleine, aber feine Adresse für die Präsentation zeitgenössischer Kunst ist: die Kunsthistorikerin Elke Keiper. Vor 20 Jahren übernahm sie nach Stationen in Freiburg und Villlingen-Schwenningen eine neue Aufgabe in Waldkraiburg: die Leitung der städtischen Museen und der Galerie. Dass sie bereits seit zwei Jahrzehnten „in Waldkraiburg sein soll“, verblüfft sie selbst am meisten. Im Interview schaut sie auf diese Zeit zurück, erklärt, warum Waldkraiburg ohne Kunst ärmer wäre, und verrät, welches Projekt sie gerne noch anpacken würde.

Frau Keiper, eine persönliche Frage: Welche Bilder hängen bei Ihnen zu Hause an der Wand?

Elke Keiper: Bei mir zu Hause hängen viele Arbeiten von Bertold Mathes. Er ist mein Lebensgefährte, der Maler ist und einfach tolle Bilder macht. Ich umgebe mich sehr gerne mit seinen Sachen.

Sie umgeben sich mit moderner Kunst. Sie leben und arbeiten mit moderner Kunst. Wozu brauchen Menschen Kunst?

Eine gute Frage: Seit Urzeiten gehört die Kunst zum Menschen. Kunst ermöglicht sinnliche Erfahrung. Und sie stellt im wörtlichen wie im übertragenen Sinne Ansichten und Einsichten zur Verfügung. Sie bietet anregende Herausforderungen und kann zeigen, dass es Ungesehenes und Unbekanntes gibt, dem zu begegnen, was zum Glück auch noch Spaß macht.

Was hat Sie als junge Kunsthistorikerin 1999 in die Provinz, nach Waldkraiburg, gezogen?

Ein offenes, helles Haus der tausend Möglichkeiten.

Wie würden sie nach 20 Jahren die Bedeutung des Hauses der Kultur als Ausstellungs- und Museumsstandort in der Region einschätzen?

Ich glaube, für die Stadt hat das Haus eine sehr große Bedeutung, weil es für die Menschen ein Zentrum geworden ist mit sehr vielfältigen Angeboten. Es strahlt weit in die Region hinein mit der Arbeit, die hier geleistet wird. Selbst aus Traunstein oder Burghausen oder noch weiter weg kommen Menschen zu unseren Ausstellungen und Museen.

Was zeichnet den Ausstellungsbereich im Haus der Kultur aus?

Neben den Ausstellungen mit einzelnen Künstlern ist es uns gelungen, immer wieder wichtige Themenausstellungen zu machen. Ein Beispiel war zuletzt die Ausstellung zum Thema „Landschaft“, unter anderen mit einer Arbeit von Tacita Dean, eine der bekanntesten aktuellen britischen Künstlerinnen, eine Großmeisterin. Solche Themenausstellungen sind nicht jede Saison möglich, das geht alle zwei bis vier Jahre.

Wie stellen Sie ein Jahresprogramm zusammen?

Eine meiner Aufgaben ist die Beobachtung des Sachgebiets. Mit anderen Worten: Ich schaue, was gibt es? Wer macht was? Wo ist was vertreten? Ich halte mich auf dem Laufenden, was für uns in Waldkraiburg passen könnte. Ich besuche zum Beispiel Ausstellungen in München und in Berlin, auch im Rheinland. Und natürlich bieten sich Künstler an, weisen auf Ausstellungen hin oder Galerien, die ihre Künstler bekannt machen wollen. Und schließlich gibt es die Zusammenarbeit mit Kollegen oder anderen Institutionen, die Ausstellungen kuratieren.

Ihr Problem ist also nicht, dass Sie keine Künstler an der Hand hätten?

Nicht jeder, der sich anbietet, ist interessant für Waldkraiburg. Manches, das in der Kunstszene gut verstanden wird, ist sehr speziell. Ich möchte Ausstellungen entwickeln, die sowohl auf der Höhe der Zeit sind, die wirklich interessante, gute Kunst bieten, die gleichzeitig aber auch hier am Ort gesehen und angenommen werden können.

Es fällt auf, dass Sie in den vergangenen Jahren ein zunehmendes Augenmerk auf die Vermittlung von Kunst legen. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Auch wenn echte Herausforderungen in unserem Programm dabei sind, finde ich es verblüffend, wie bereitwillig und offen Kinder mit Kunst umgehen. Kinder schauen, entdecken, lassen sich ein. Und sind begeisterungsfähig.

Warum ist Museumspädagogik so wichtig?

Wir haben einen Bildungsauftrag. Wir möchten Teilhabe an Kultur und Kunst ermöglichen. Mir ist es wichtig, zu zeigen, dass es da einen interessanten eigenen Ort gibt, der sich von anderen Orten unterscheidet. Mit Dingen, die man nur hier sehen und erleben kann. Museen entwickeln heute ihre Leitbilder und Aufträge im Dialog mit der Gesellschaft und der Politik. Der Aspekt der Museumspädagogik und der Teilhabe wird seit vielen Jahren intensiv diskutiert. Die Museen sind sich darüber im Klaren, dass sie nicht im Elfenbeinturm forschen können. Dem tragen wir auch hier in Waldkraiburg Rechnung.

Wie gehen Sie an die Vorbereitung einer Ausstellung heran?

Es braucht vor allem eine Idee, zum Beispiel für eine Themenausstellung wie „Bloße Landschaft“: Was zeige ich da, warum zeige ich es? Es gibt tausend Landschaftsbilder. Welche zeige ich, warum wähle ich sie für diese Ausstellung aus? Manchmal gibt es natürlich Grenzen. Ich kann keinen Großkünstler aus Amerika einfliegen lassen. Dafür reicht unser Budget wirklich nicht. Ich muss schauen, wie ich das Bestmögliche für uns erreiche. Anschließend geht es an die konkrete Organisation. Man spricht die Künstler an, die Galerien, wählt Bilder aus, mache Leihverträge. Man organisiert den Transport, die Versicherung, macht sich über Texte Gedanken und bereitet Kataloge vor. Dazu kommt die Werbung, Einladungskarten, Plakate, Pressemitteilungen. Man macht alles bis zur fertigen Ausstellung, einschließlich Vernissage und Begleitprogramm.

Bei den „Landschaften“ haben Sie einen Hochkaräter präsentiert, ein Werk von Paul Klee. Warum kann das Haus nicht regelmäßig bekannte Namen präsentieren?

Im zeitgenössischen Bereich tun wir das ja. Aber bei älterer Kunst ist das eine Kosten- und Ausstattungsfrage. Jetzt kann ich ja sagen, dass allein die Papierarbeit von Klee eine halbe Million wert ist. Da kann man sich ausrechnen, was die Versicherung kostet, wenn man mehrere solcher Bilder hätte. Eine ganze Klee-Ausstellung wäre aus diesem Grund mit unserem Budget überhaupt nicht zu leisten. Das Zweite ist die Sicherungssituation. Es braucht eine zusätzliche Aufsicht, wenn sie berühmte Klassiker zeigen wollen. Und sie brauchen klimatisierte Räume, was bei uns kaum geht. Deshalb war es ja so großartig, dass wir den Klee dank meiner persönlichen Kontakte ausleihen konnten.

Bekannte, überregionale Künstler sind das eine, die regionale Künstler- und Kunstszene das andere. Wie sehen Sie da Ihre Rolle?

Die Frage wäre zunächst, was ist mit regionaler Kunstszene gemeint? Professionelle Künstler, die hier in der Region arbeiten, oder eher Freizeitkünstler, die zum Beispiel im Kunstverein Inn-Salzach organisiert sind. Tatsächlich wenden wir den Blick immer mal wieder in die Region: Mit Lisa Endriß, mit Rolf Liese oder Danae Xynias hat die städtische Galerie professionelle Künstler aus dem Umfeld präsentiert. Der Kunstverein präsentiert seine Mitglieder in der Studiogalerie, die die Stadt dafür zur Verfügung stellt. Diese Arbeitsteilung hat sich als sinnvoll erwiesen. Bei herausragenden Anlässen arbeiten wir auch zusammen und machen gemeinsame Projekte.

Warum können Kunstvereinsmitglieder in der Regel nicht in der städtischen Galerie ausstellen?

Die Galerie arbeitet mit professionellen Künstlern zusammen, die ein überregionales Renommee haben und zum Teil sogar international bekannt sind. Also mit Kunstschaffenden, die in der Regel ein Akademiestudium absolviert haben und wissen, in welcher Tradition und Gegenwart sie stehen. Dazu vielleicht ein Beispiel: Jeder kennt den Unterschied zwischen dem Fußballclub hier in Waldkraiburg und dem FC Bayern München. Da wird niemand sagen, das ist das Gleiche, auch wenn die alle mit großer Begeisterung Fußball spielen und es wirklich ernst meinen. Warum soll das bei der Kunst anders sein?

Zurück zur Arbeit der vergangenen 20 Jahre. Gerade im Museumsbereich hat sich in dieser Zeit sehr viel entwickelt.

Das Stadtmuseum war bis dahin nur provisorisch eingerichtet. Ich habe ein Konzept für die Neupräsentation entwickelt und es mit einem Museumsgestalter umgesetzt. Es wurde 2005 zu den oberbayerischen Kulturtagen eröffnet. Das Glasmuseum war das nächste Projekt. Es war bis dahin als Schausammlung eingerichtet. Das neue Konzept stellt verschiedene Themen rund ums böhmische Glas vor: zur Technik und zum Handwerk der Glasherstellung oder zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen, die Glas hergestellt haben. Bei beiden Projekten gab es viel Unterstützung und eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Förderverein Stadtmuseum. Beim Industriemuseum im Bunker 29 haben wir mit einer externen Fachfrau zusammengearbeitet.

Als Leiterin der städtischen Museen betreuen Sie auch dieses Museum.

Ja, und den Weg der Geschichte, den wir gemeinsam mit dem Stadtarchiv entwickelt haben und bis heute erweitern. Auch damit bietet Waldkraiburg etwas Besonderes in der Region.

Vor dem Haus der Kultur wird fleißig gebaut. Die Stiftung „Bilder erzählen“ von Peter Schmidt errichtet ein neues Museum. Was ist Ihre Rolle beim Stiftungsmuseum?

Die Stadt hat das Museum von Anfang an unterstützt. So habe ich im Vorfeld, auch auf Wunsch von Peter Schmidt, dem Sammler und Stifter, die Entwicklung begleitet. Während der Gründungsphase der Stiftung und auch jetzt während des Rohbaus bin ich nicht involviert.

Welches Potenzial hat dieses Museum?

Mit dem neuen Stiftermuseum entsteht ein weiterer Anziehungspunkt in der Stadt. Dieser wird nicht nur in die Stadt und die Region hineinwirken, sondern hat das Zeug zur überregionalen Bedeutung. Das ist ja auch der Grund, warum der Freistaat Bayern sich in dem Projekt engagiert. Mit dem neuen Museum kann Waldkraiburg seine bisherige Leuchtturmfunktion in Sachen „Kunstausstellungen“ weiter ausbauen. Erzählende Kunst aus dem vorletzten Jahrhundert, als Kontrapost dazu aktuelle, zeitgenössische Kunst. Das ist eine tolle Mischung, die Altes mit Neuem verbindet und sicher viele verschiedene Besucher anspricht.

Was waren in den 20 Jahren Ihre persönlichen Höhepunkte?

Die Neueinrichtung des Stadt- und des Glasmuseums. Die Gelegenheit, ein neues Museum von der ersten Konzeptidee bis hin zur Umsetzung zu entwickeln, ist sehr anstrengend aber auch sehr bereichernd. In der Galeriearbeit sind es vor allem die großen Themenausstellungen und die monografischen Einzelausstellungen, die mich positiv herausfordern und begeistern.

Worauf freuen Sie sich in der neuen Saison besonders?

Ich freue mich sehr auf die kommende Ausstellung, die am 29. September eröffnet wird. Eine Comicausstellung. Elf junge Profis haben sich mit dem Zeichenstift dem Thema „Die Zukunft des Comics“ gewidmet. Wir arbeiten mit den Münchner Kunstarkaden zusammen. In Waldkraiburg werden wir einen Projektraum einrichten und für junge Talente aus der Region öffnen. Darauf bin ich sehr gespannt.

Was würden Sie gerne noch im Haus realisieren?

Ein Thema würde ich wirklich sehr gerne angehen, vielleicht über ein ganzes Jahr hinweg, unter stadtgeschichtlichen- und Kunstaspekten: „Wie wir leben wollen“. Da fällt alles hinein, vom Essen über die Architektur bis hin zur Freizeitgestaltung oder wie wir digital leben wollen. Das fände ich spannend. Das würde ich gerne mit den Waldkraiburgern machen, am besten quer durch alle Generationen. Als Einzelperson kann ich das nicht stemmen.

Da wäre Kultur mehr als Abendunterhaltung.

Das hat Joseph Beuys gemeint mit dem Satz: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Er wollte damit sagen: Lasst uns gestalten! Ich sage: Lasst uns gemeinsam die Zukunft gestalten. Wer erlebt hat, was für eine Energie das Tanzland-Projekt „Requiem“ geschaffen hat, weil da die Menschen selbst beteiligt waren oder jemanden kannten, der beteiligt war, versteht, was ich meine. So etwas zu nutzen, um das Zusammenleben anders als nur nach kommerziellen Gesichtspunkten auszurichten und positive Impulse zu setzen, das wäre es. Und das Museum könnte dafür ein Ort sein.

Interview: Hans Grunder

Artikel 1 von 11