Waldkraiburg – Arbeit gibt es genug, die Nachfrage der Kunden ist da. Zwei Stühle stehen auf der Werkbank, Meister Fritz Ullrich bezieht die Sitzflächen neu mit rotem Stoff, den er zuvor mit Stecknadeln abgesteckt hat. Auf der Empore stehen mehrere Nähmaschinen. Er ist aber allein in der großen Werkstatt, erledigt die letzten Aufträge, bevor er in wenigen Wochen in Ruhestand geht. Mit seinem Abschied endet vorerst auch die Ausbildung als Raumausstatter im Jagus-Projekthaus der Arbeiterwohlfahrt (AWO).
2001 stieß Fritz Ullrich zu dem Projekt. 49 Azubis hat er auf ihrem Weg begleitet, nur drei haben ihre Ausbildung abgebrochen. Vorhänge nähen, eine Couch neu beziehen oder Boden legen – der Beruf ist vielseitig. „Man lernt alles und von allem so viel, dass man es beherrscht“, sagt Ullrich. Nach der Ausbildung könne sich jeder spezialisieren, der Raumausstatter könne auch der Einstieg in einen Einrichtungsberuf sein. „Manche meiner Auszubildenden haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt“, erzählt Stolz.
Gestartet als reines Mädchenprojekt
Ursprünglich war das Projekt 1998 als reines Mädchenprojekt gestartet. „Viele Ausbildungsbetriebe haben als Schwerpunkt Bodenlegen, Mädchen sind hier aber benachteiligt“, erklärt Einrichtungsleiter Markus Lutz. Vier Bereiche deckt die Ausbildung als Raumausstatter ab: Bodenlegen, Wand- und Deckendekoration, Raumdekoration und Polstern. Um die Ausbildung für die Mädchen attraktiv zu machen, lag der Schwerpunkt im Jagus-Projekthaus auf Polstern. Als die Nachfrage an den Lehrstellen kontinuierlich zurückging, öffnete das Projekthaus die Ausbildung auch für Jungen. In erster Linie gab es Aufträge von Privatleuten, auch mit Seniorenheimen habe man zusammengearbeitet. Großprojekte oder gar Terminaufträge habe man nicht angenommen. Bürostühle und Couchen beziehen, Vorhänge nähen – Fritz Ullrich hat mit seinen Lehrlingen zahlreiche Aufträge angenommen. Aber manche blieben im Gedächtnis: für die Staatskanzlei oder das Cuvilliés-Theater in München oder eine Couch für das Vorzimmer des ehemaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer.
Arbeit gibt es genug für den Raumausstatter, doch es fehlt an Leuten – gerade im ländlichen Bereich. „Hier ist die Ausbildung kaum gefragt. In einer Stadt wie München ist das ganz anders. Dort sind die Berufsschulklassen sehr gut besucht“, sagt Ullrich. Dass Raumausstatter ein Handwerksberuf ist, sei vielen nicht klar. „Der Beruf ist kaum bekannt und es gibt auch keine gute Aufklärungsarbeit.“
Das Interesse an einer Ausbildung als Raumausstatter ist kontinuierlich zurückgegangen. Anfangs waren es etwa zehn bis zwölf Bewerbungen pro Jahr. Vor zwei Jahren hatten noch drei Azubis ihre Lehrstelle angetreten, zwei haben die Ausbildung aber abgebrochen. Vergangenes Jahr gab es dann gar keine Bewerbung mehr.
Keine Bewerbung im vergangenen Jahr
Die gute wirtschaftliche Lage trägt einen Teil dazu bei: „Es gibt immer weniger unversorgte Jugendliche“, sagt Lutz. Betriebe würden auch Jugendliche mit Förderbedarf einstellen. „Wir können mit den Betrieben nicht mithalten und gleiche Löhne zahlen“, sagt Lutz.
Damit wird die Arbeit für die Ausbilder bei Jagus zunehmend schwieriger. „Es gibt viele Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten. Die Ausbilder brauchen viel Zeit, um sie zu motivieren.“
In der Werkstatt des Raumausstatters wird es aber auf absehbarer Zeit niemanden geben, der sich die Zeit nimmt. Meister Fritz Ullrich geht Ende des Monats in Ruhestand. Ein Nachfolger? Fehlanzeige. „Wir haben bislang keinen Meister gefunden, der die Ausbildung übernimmt“, sagt Lutz. Eine schwierige Aufgabe. „Wer gerade seinen Meister gemacht hat, der will erst einmal Geld verdienen“, sagt Ullrich. Bodenlegen sei damit für viele lukrativer. Außerdem würden viele aus Familienbetrieben kommen – und dort auch bleiben.
Die Suche nach einem Nachfolger für Meister Fritz Ullrich will Markus Lutz nicht aufgeben, auch wenn es schwierig ist: „Es ist sehr schade, dass das Projekt endet, weil es sehr gut zu unserem Haus und Gesamtangebot passt. Wir würden es gerne wieder öffnen, aber die Situation wird wahrscheinlich nicht besser.“