Belastung gering halten

von Redaktion

Podiumsdiskussion Kritik an geplantem Gewerbegebiet

Waldkraiburg – Es ist ein Ringen um die Entwicklung der Stadt: Auf der einen Seite Gewerbe, das weitere Flächen braucht, auf der anderen Seite Bürger, die gerne weiterhin im Grünen leben wollen. Nur ein Streifen – die Schilcherlinie – trennt sie. Mit dem geplanten Gewerbegebiet nördlich der Daimlerstraße sollen fast 1,8 Hektar Wald umgewandelt werden, übrig bleibe nur ein 50 Meter breiter Wald westlich der Schilcherlinie. Zu wenig, wie Bürger bei einer Podiumsdiskussion im Haus der Kultur kritisierten.

Waldkraiburg braucht Platz: für neue Wohnbebauung, für die Entwicklung von Gewerbe und für Grünflächen. Wie groß der Bedarf in den nächsten Jahren sein kann, zeigte eingangs Carsten Schwunck, Leiter der Stadtentwicklungs- und Bauabteilung. Aufgrund der prognostizierten Entwicklung braucht es etwa 16 Hektar für Gewerbe, je nach Bevölkerungswachstum und Dichte können für Wohnen zwischen 19 bis 28 Hektar oder 13 bis 18 Hektar nötig werden.

Wie soll sich Waldkraiburg weiterentwickeln? Dieser Frage gingen Irmi Pöschl-Moser als Vertreterin der Bürgerinitiative, Dennis Uzon als Vertreter der Fridays for Future-Bewegung im Landkreis Mühldorf, Joachim Mayer, Vorsitzender der Industriegemeinschaft Waldkraiburg-Aschau, Werner Meisenecker, Geschäftsführer der Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft Waldkraiburg (WSGW), und Bürgermeister Robert Pötzsch nach.

Mehr Respekt den Bürgern gegenüber

Auf der einen Seite die Anwohner, die um ihre Lebensqualität fürchten, weil sie künftig noch stärker die Belastungen durch Gewerbebetriebe zu spüren haben. „Wir hatten auf die Stadt vertraut, dass dort nichts passiert. Die Entwicklung des Gewerbes haben wir immer mitgetragen, die jetzige Entwicklung ist aber nicht mit der Vorstellung der vergangenen Jahre vereinbar“, sagte Irmi Pöschl-Moser. Wenn man den Weg für die Industrie ebne, dann brauche es mehr Respekt den Bürgern gegenüber, forderte sie.

„Es kann nicht sein, dass Firmen Druck ausüben“, kritisierte Dennis Uzon. Die weitere Entwicklung der Stadt müsse ökologisch und solidarisch gestaltet werden. Erst brachliegende Flächen bebauen und den Leerstand verringern, bevor über neue Flächen diskutiert werde.

Auf der anderen Seite die Firmen und die Nachfrage nach Wohnraum. „Es geht nicht darum, neue Industrie nach Waldkraiburg zu holen, sondern dass sich loyale Unternehmen in der Stadt entwickeln können“, sagte Joachim Mayer. Unternehmen mit vielen Arbeitsplätzen. Es sei gut, dass das Thema Umwelt in den Vordergrund gestellt werde. Aber man müsse die Entwicklung langfristig sehen: „Sägen Sie nicht den Ast ab, auf dem wir alle sitzen.“ Firmen hätten die Entwicklung der Stadt vorangetrieben.

300 Namen stehen auf der Warteliste für ein Wohngrundstück. Viele Familien seien bereits in umliegende Gemeinden gezogen, weil es in der Stadt keinen Platz gebe, sagte Pötzsch. Schon jetzt sind der Wohnbebauung Grenzen gesetzt. Den Grundstücksbedarf gleicht die WSGW bei ihren Projekten zwar über höhere Bauten aus, doch städteplanerische Vorgaben schränkt dies teilweise ein. „Es braucht Platz für Stellplätze für Fahrräder, für die Müllentsorgung und Grünflächen“, sagte Werner Meisenecker. Das koste Geld und beeinflusse den Mietpreis.

Die Stadt profitiert von den Gewerbesteuern, finanziert damit viele ihre Aufgaben. Als Industriestandort wolle man Firmen die Möglichkeiten zur Entwicklung geben, auch vor dem Hintergrund, dass Firmen aus der Innenstadt wegsiedeln und sich der Stadtkern städtebaulich entwickeln könne, sagte Robert Pötzsch. „Ein Stillstand ist ein Rückschritt und den kann sich die Stadt nicht leisten.“

Nicht die Firmen sollten länger im Fokus der Stadt stehen, sondern stärker der Bürger. Ein Anliegen, das an dem Abend immer wieder vorgetragen wurde. Die Angst vor zusätzlichem Lärm und Verkehr kam zur Sprache, verbunden mit dem Appell, das letzte Stück Natur zu erhalten. Einen bewussten Umgang mit dem Flächenverbrauch wünschten sich die Zuhörer, Tiefgaragen oder Parkdecks könnten den Flächenverbrauch minimieren.

„Braucht es weitere Flächen in Waldkraiburg“, kam die Frage. Joachim Mayer warnte davor, den Wald vor der Haustür wichtiger einzuschätzen, als dass es für Firmen keine Entwicklung gebe. Es sei klar, dass die Gedanken der Industrie nicht bei allen auf Verständnis stoßen.

Irmi Pöschl-Moser ging es nicht darum, die Industrie zu beschneiden, sondern um die Verhältnismäßigkeit. „Die Expansion ist nicht aufzuhalten, aber die Belastung für die Anwohner sollte gering gehalten werden. Den Bürgern soll es nicht schlechter gehen durch Dinge, die sie nicht beeinflussen können.“ Mensch und Natur dürften nicht belastet werden, bekräftigte Uzon.

Eine alternative Zufahrt wünschten die Anwohner, sodass mehr vom Wald bestehen bleibe. Ein Vorschlag, den auch der Bund Naturschutz unterstützt: „Die Breite der Schilcherlinie soll so gewählt werden, dass der Waldcharakter erhalten bleibt“, sagte Andreas Zahn, Vorsitzender der Kreisgruppe.

Bei all der Kritik an den Plänen zum Gewerbegebiet, es gab auch Verständnis im Publikum. Zum Beispiel von Leuten, die für ihre Kinder hoffen, dass sie später einen Arbeitsplatz in Waldkraiburg finden, oder von denen, die auf ein Grundstück in der Stadt warten. „Wenn es hier um Grundstücke für die Kinder gehen würde, dann würde man die Diskussion nicht führen.“

Mit der geplanten Erweiterung des Gewerbegebiets rechnen die Bürger damit, dass ihre Immobilien an Wert verlieren. Ein Szenario, das aber auch ohne eine Erweiterung Realität werden kann. „Kommt es zu einer Landflucht werden auch die Vermögenswerte geringer“, sagte Meisenecker.

Die Anregungen aus der Diskussion will die Stadt mitnehmen und in die nächste Auslegung zur Bauleitplanung für das Gewerbegebiet im Stadtrat einfließen lassen, versprach Pötzsch am Ende. Entscheidungen mache man sich dort jedenfalls nicht leicht, so der Bürgermeister.

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