Ein Fall für die WSGW

von Redaktion

„Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt.“ Jeder kennt den Werbe-Klassiker der 70er-Jahre. Wer den Slogan erfunden hat? Eins steht fest, die Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft (WSGW) kann es nicht gewesen sein. Die bohrt immer und überall. Und manchmal zu tief.

Schon seit Jahren ist die WSGW, beziehungsweise ihre Auftragnehmer aus dem Baugewerbe berüchtigt, mit dem Bohrgerät übers Ziel hinaus zu schießen. Erst vor wenigen Wochen haben wir an dieser Stelle aus gegebenem Anlass an den Abriss der Genossenschaftsgebäude in der Kirchenstraße erinnert, die durch moderne Ärztehäuser ersetzt wurden. Daran, dass die Gebäude, die stehen blieben, rasch wieder gedämmt, regen- und winddicht gemacht werden mussten. Und ein Wohnzimmer dabei im Eifer des Gefechts und zur Überraschung der Mieter angebohrt worden sein soll.

Als unmittelbare Nachbarn der WSGW-Großbaustelle am Iserring hätten wir es also ahnen können: Gefahr im Verzug! In dieser Woche war es so weit. Eine Kollegin, der ein verdächtiges Bohrgeräusch aufgefallen war, konnte nur noch Vollzug melden. Da hatte ein Bauarbeiter am Stadtplatz 31 längst zwei Bohrlöcher in die Toilette der Geschäftsstelle der Waldkraiburger Nachrichten getrieben. Bis Redaktionsschluss ließ sich nicht recherchieren, warum. Wir halten unsere Leserinnen und Leser auf dem Laufenden.

Das Malheur wird behoben. Wo gebohrt wird, gibt es Löcher. Und wo gehobelt wird, fallen Späne. Wir sind beim Thema, das dieser Woche seinen Stempel aufgedrückt hat: Stadtentwicklung. Und da ist auch schon Schluss mit lustig. Denn: Es steht zu viel auf dem Spiel, im Gewerbe- und Industriegebiet nördlich der Daimlerstraße geht um die Zukunft Waldkraiburgs.

Es ist richtig, dass Bürgermeister und Stadträte im Streit um die Gewerbeentwicklung auf einem kleinen Waldstück an der Schilcherlinie auf die Anlieger zugehen und eine Kompromisslösung anstreben. Vielleicht hätte das schon früher geschehen können. Denn auch ohne die Stichstraße, deren Bau nicht mehr weiterverfolgt werden soll, scheint die Erweiterung von zwei Waldkraiburger Unternehmen möglich. Das neue Schalthaus, das für die Stromversorgung in diesem Bereich gebraucht wird, ist nicht gefährdet.

Es wäre falsch, wenn der Stadtrat den Forderungen der Bürgerinitiative folgen würde, jede weitere Gewerbeentwicklung nördlich der Daimlerstraße von vorneherein auszuschließen. Dieser Schritt würde einer Selbstblockade gleichkommen. Wäre das Gegenteil einer vernünftigen und verantwortlichen Politik. Würde Waldkraiburg schaden.

Im Zweifel für die Natur, für den Wald. Diese Handlungsmaxime müssen die Entscheidungsträger auch im kommunalen Bereich in Zukunft noch viel stärker als bisher beherzigen. Es muss gute, es muss zwingende Gründe für einen Eingriff geben. Aber wir in Waldkraiburg sitzen nicht nur auf einem Ast. Da sind andere Äste, an denen tunlichst nicht gesägt werden sollte. Diese Stadt und ihre Bürger leben von und mit der Industrie. Sie ist für Tausende lebens- und wohnenswert, weil sie einen klimafreundlich kurzen Weg zum Arbeitsplatz haben.

Es geht darum, das Ganze im Auge zu behalten, die Balance, das rechte Maß zu finden. Es geht um das Abwägen von Gütern und Argumenten. Da wird die Preisgabe von wertvollen Grünstrukturen für Parkplätze anders zu beurteilen sein als etwa die Chance, Industriebetriebe aus einem Wohngebiet zu verlagern und damit bei einem zentralen Ziel der Stadtentwicklungspolitik einen großen Schritt weiter zu kommen.

Ja, es braucht bürgerliches Engagement für den Wald, es braucht Fürsprecher für den Schutz natürlicher Ressourcen. Dass Anlieger sich gegen eine Planung in ihrem nächsten Umfeld wehren, ihre Interessen vertreten, ist ihr gutes Recht. Doch wenn sie die ökologische Keule an ihrem Gartenzaun schwingen und gleichzeitig leichtfertig ausgedehnte Waldflächen in anderen Teilen der Stadt zur Disposition stellen, wie das in diesem Konflikt leider auch geschieht, dann macht sie das als Waldschützer unglaubwürdig. Die Stadträte dürfen sich solche Emotionen nicht zu eigen machen. Verantwortliche Kommunalpolitik für die ganze Stadt kann nicht um ein einzelnes Wohnquartier kreisen, auch nicht an der Daimlerstraße.

Wir wechseln den Schauplatz und bleiben doch beim Thema. Entwicklung könnte vor allem die Innenstadt vertragen. Auf nahezu gleichbleibend hohem Niveau ist seit Jahren nur die Zahl der Leerstände. Besserung ist nicht in Sicht. Nach der Auflösung der Stadtmarketing GmbH ist im City- und Leerstandsmanagement nicht mehr viel passiert. Für große Aktionen, schlagkräftige Einzelhandelsförderung fehlen finanzielle Spielräume. Und nebenher kann die Stadtverwaltung das nicht wuppen.

Jetzt setzt das Rathaus auf einen externen Citymanager, ein Büro mit viel Erfahrung. Wer unerschrocken ist und Herausforderungen mag, sollte sich auf die Ausschreibung melden. Bald! Viel Zeit ist nicht mehr zu verlieren, um konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Eines ist klar: Ein Citymanagement kann wichtige Impulse setzen, die Probleme des Einzelhandels im Zentrum kann es nicht lösen, mit wie viel Wochenstunden und in welcher Struktur auch immer. Das geht – wenn überhaupt – nur durch die Kooperation aller Akteure vor Ort. Und die muss besser werden.

Es ist also ein wirklich dickes Brett zu bohren. Eigentlich ein Fall für die Spezialisten von der Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft…

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