Reise in die Vergangenheit

von Redaktion

Beim Erzähl-Café erinnern sich Senioren an alte Bräuche

Aschau – Wie haben sich Bräuche verändert? Und welche Traditionen haben sich über viele Jahrzehnte hinweg erhalten? Diesen Fragen gingen zahlreiche Senioren aus Aschau beim ersten Erzähl-Café nach. Die Besucher erwartete eine Reise in die Vergangenheit. Franz Wicho vom Gemeindearchiv hatte mit Daniel Baumgartner vom Geschichtszentrum und Museum Mühldorf das Erzähl-Café nach Aschau geholt.

Herkunft und

Sinn auf der Spur

„Erzählcafés gibt es deutschlandweit. Ich habe viel davon gehört und auch darüber gelesen, sodass mir die Idee kam, so etwas auch in unserer Region anzubieten. Archivar Franz Wicho war sofort davon begeistert, denn schließlich handelt es sich um ein Stück Heimatgeschichte“, erklärte Daniel Baumgartner.

Ein Erzähl-Café eröffnet älteren Menschen einen Raum des gemeinsamen Erinnerns, Erzählens und Zuhörens. Dass die Aschauer Senioren gerne in alten Erinnerungen schwelgen, sah man an der regen Teilnahme an den Gesprächen. Baumgartner diente lediglich als Moderator.

Auf den Tischen waren Tablets aufgestellt, welche die Veranstaltung dokumentierten. Schließlich sollen die Erzählungen der Besucher als wertvoller Beitrag für das Gemeindearchiv dienen. Thema waren Brauchtum und Tradition im Jahreskreis. Bräuche schaffen nämlich soziale Bindung, gesellschaftliche Orientierung und regionale Identität. Dazu hatten die Besucher einiges zu erzählen. Jeden einzelnen Feiertag durchleuchteten sie gemeinsam.

Wie war das bei den Aschauern, als es noch kein Fernsehen, Internet oder sonstigen Luxus gab? „Damals wurde richtig schön gefeiert mit einem Festumzug und gutem Essen“, erinnert sich ein Teilnehmer der Gesprächsrunde. Zur Kirchweih wurde für die Kinder eine Kirtahutschn aufgestellt, die Erwachsenen tranken „altes Bier“, damit das frischgebraute Bier wieder Platz im Eiskeller hatte.

Altes Bier musste

raus aus dem Eiskeller

Kühlschränke gab es anfangs des 20. Jahrhunderts nicht, deshalb musste das Eis von den umliegenden Bächen und Seen im Winter herausgeschlagen werden, um diese zum Kühlen des Bieres in speziellen Kellern zu lagern.

Statt Halloween gab es das Seelenwecken und die Gräbersegnung an Allerheiligen. An Allerseelen wurde – so berichteten die Teilnehmer – vor allem für die Verstorbenen gebetet, die im Fegefeuer auf ihren Einzug in den Himmel warten mussten. Schon im Mittelalter und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war es in Altbayern Brauch, an Allerseelen sogenannte Seelenbrote oder Seelenwecken zu backen.

Relativ neu sei der Martinsumzug an St. Martin, hieß es. In Aschau gibt es ihn erst, seit es den Kindergarten gibt. Vor 80 Jahren gab es weder Laternenumzüge noch Martinsgans.

Gerne erinnerten sich die Senioren an die Tradition mit der „bösen Trud“ zurück. Auf eine Schauergeschichte folgte die nächste. Die Menschen waren früher abergläubisch und versuchten, sich vor Dämonen und Geistern zu schützen. „Wir hatten damals ein Trudmesser. Mit dem konnte man sie abwehren. Die Trud kam immer nachts, wenn man schlief. Noch heute hängen sogenannte Trudfüße in Ställen, die zum Schutz des Viehs vor der bösen Trud dienen soll“, erinnerte sich ein Besucher.

Weiter ging es mit den Feiertagen bis hin zur Adventszeit. Einen Christkindlmarkt gibt es in Aschau erst seit etwa 20 Jahren, genauso lange etwa auch den Feuerabend. „Stollen und Plätzchen, wie sie heute gebacken werden, gab es nicht. Es gab Kletzenbrot, ein Gebäck aus gedörrten Pflaumen oder Zwetschgen“, erinnert sich eine ältere Dame zurück.

Die Männer liebten die Geschichten rund um die deftigen Schmankerl und ums Bier. Und es gab viele schöne Kindheitserinnerungen zu erzählen. Das Jahr neigte sich in den Erzählungen schnell dem Ende und schon ging es ins neue Jahr über, wo man damals noch kein Feuerwerk an Silvester kannte. Beendet wurde die unterhaltsame Gesprächsrunde mit der Osterzeit.

Die Kirche spielte stets eine große Rolle

Es zeigte sich, dass die Kirche bei allen Feiertagen stets eine große und wichtige Rolle spielte. Die Menschen hatten nicht viel, aber sie waren glücklich und nutzten jeden Anlass zum Feiern. Gutes Essen und Bier durften nie fehlen.

Viele Bräuche und Traditionen sind im Laufe der Zeit verloren gegangen oder abgeflaut. Die Erinnerungen sind zum Glück geblieben und so dürfen sich Senioren aus der Region auf ein weiteres Erzähl-Café freuen. Diese neue Tradition soll es auch in Zukunft geben.

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