Klimmzüge mit den Mittelfingern: Sepp Huber aus Eiselfing.
Amerang/Unterreit – „Wichtig ist, dass d‘ an guatn Finger hast“, sagt Martin Huber aus Eiselfing im Trainingsraum bei der Familie Bichler in Evenhausen. Hier treffen sich donnerstagabends 15 bis 20 Burschen und Männer aus dem ganzen Altlandkreis Wasserburg und dem Chiemgau zum Fingerhakeln. Als „Chiemgauhakler“ haben sie sich vor anderthalb Jahren zusammengefunden und mischen jetzt bei Meisterschaften mit.
So findet am Sonntag die Chiemgaumeisterschaft im Finger- und Boahakeln in Kerschdorf bei Eiselfing im Gasthof Schmied statt. Anmeldung ist ab 10 Uhr, die Wettkämpfe starten um 12 Uhr.
„Hakler-Mama“ hat
auch schon einen
Kampf gewonnen
„Wir stehen noch am Anfang und verbuchen bescheidene Erfolge“, sagt Roman Bichler, der mit seinen Brüdern Michael und Valentin mit von der Partie ist. Sogar die Mama, Petra Bichler, mischt mit und trat heuer im Frühjahr zu einem der seltenen Damenwettkämpfe an. „Schuid war er“, sagt sie lachend und deutet auf Sepp Huber aus Eiselfing, der mit seinem Sohn Martin zum Hakeln kommt. Der Sepp hat sie einfach beim Frühjahrshakeln in Kuchel in Österreich angemeldet. Und da wurde sie Erste.
Normalerweise fährt die „Hakler-Mama“ mit zum Verarzten, weil Verletzungen beim Hakeln keine Seltenheit sind. Das ist schließlich ein Kraftsport, bei der der einzelne Finger argen Belastungen ausgesetzt ist.
„Man darf, wenn man unterliegt, niemals den Finger öffnen, sondern muss mit geschlossener Faust nachgeben. Sonst reißt man sich die Haut vom Finger“, sagt Martin Huber. Dann kommt die Hakler-Mama mit ihrem Notfallset, schneidet die abgeschabte Haut weg, behandelt die Wunde mit Jodsalbe und verbindet den Finger. Gelangt Blut auf den ledernen „Ream“, wird dieser desinfiziert, erhitzt und mit Magnesia behandelt. Hygiene ist wichtig bei diesem Sport.
Durch körperliche Kraft, Überwindung des Dehnungsschmerzes und eine entsprechende Technik kann der Gegner besiegt und „über den Tisch gezogen werden“ und zwar über die „Siegerlinie“. In der Regel haken die Gegner dazu die Mittelfinger in einen Lederriemen ein. Grundsätzlich ist jedoch jeder Finger erlaubt (mit Ausnahme des Daumens).
Manchmal werden auch nur die Zeigefinger ohne Riemen ineinandergehakt. Hinter den beiden Haklern sitzen zwei Auffänger. Dazu kommen ein Schiedsrichter, ein Vorsitzender und zwei Beisitzer.
Damit man bei diesem Volkssport erfolgreich ist, kommt es auf das richtige Techniktraining an. Das übernimmt Michael Ackermann aus Unterreit, der selbst auch Aktiver ist. Am genormten Haklertisch braucht man auf dem schweren Hocker die richtige Sitzposition und die entsprechende Zugtechnik – je nach Körperbau.
Ackermann hockt sich mit dem Hosenboden so weit nach hinten hin, dass sein Schwerpunkt in der Luft hängt, nur ein Oberschenkel berührt die Sitzfläche. Das Schienbein des zweiten Beines ist gegen die gepolsterte Tischseite gepresst.
Beim Kommando „Beide Hakler fertig? Zieht!“ lässt er sich nach hinten fallen und hat sein Gegenüber, Martin Huber, schnell da, wo er ihn haben will – über seine Siegerlinie auf seiner Tischseite gezerrt. Fünf Sekunden bis zu einer Minute kann so ein Kampf dauern.
Das „Schmoiz“ wird auf dem Bichler-Hof in einem eigens ausgebauten Raum mit Klimmzügen – am Mittelfinger – trainiert, oder mit einer Zugfeder. Bauch- und Rückentraining sind auch ein Muss. Die Fingerkraft ist entscheidend.
Gehakelt wird in verschiedenen Alters- und Gewichtsklassen. Frauen sind Exoten – und bei den großen Wettkämpfen laut Statuten nicht zugelassen. „Die Frauenklasse mag der Anton Bader, der Landesvorsitzende der Fingerhakler, nicht haben“, sagt Ackermann augenzwinkernd.
„Manchmal muss man im Kampf schon die Zähne zammbeißen. Weh ko‘s scho doa“, räumt Ackermann ein und lacht dabei. A echtes Mannsbild hält so was aus, sind sich alle einig. Der Gruppe, die auf Zuwachs hofft, geht es um die Pflege des bayerischen Brauchtums. Und die Geselligkeit. „Darum fahr ich auch so gerne mit zu den Wettkämpfen“, sagt die Hakler-Mama Petra Bichler.
Das Hakeln, so erklärt sie, sei früher ein Kräftemessen im Wirtshaus gewesen, eine Art „Kampfsport, um den Damen zu imponieren“. Und noch früher wohl eine Art, Streitigkeiten zu lösen.
In den Hakler-Statuten des Landesverbandes Bayern heißt es, Sinn und Zweck der Fingerhakler heute sei die Förderung und Erhaltung des bayerischen Heimatsportes sowie der guten Sitten und Gebräuche. Auch die Kameradschaft soll gepflegt werden.
Entlang der Alpenkette befindet sich hierzulande das Stammland der Hakler. Zudem gibt es Enklaven im Bayerwald, Spessart und Altmühltal. Im Chiemgau war es die vergangenen 20 Jahre auch still, aber jetzt lebt der Sport gerade wieder auf, freut sich der Eiselfinger Sepp Huber, der mit seinen 58 Jahren zu den älteren Semestern gehört, quasi zur „AH“. „Mia Oidn hoin hoid die Punkte“, brummt er selbstbewusst, weil er hauptsächlich von jungen Burschen zwischen 15 und 30 Jahren umzingelt ist.
Die Jungen sind die treibende Kraft, dass sich die Chiemgauhakler gegründet haben. Verstärkung wird dringend gesucht. Die Chiemgaumeisterschaft am Wochenende sei für Neugierige gut, sich einfach mal auszuprobieren.
„Man muss sich net scheicha, einfach moi ausprobieren“, sagt Roman Bichler (21). Über Whatsapp können Interessierte Kontakt mit ihm unter 0157/75780506 aufnehmen. „Wenn‘s sei Profilbuidl seng, dann melden sich lauter Mädels“, prusten seine Kumpels los.