Unterreit/Kraiburg – Ein Käfer wohnt im Walde – ausnahmsweise ist es nicht der Borkenkäfer, sondern ein 1200er „Kugelporsche“ Baujahr 1958. Seit rund fünf Jahrzehnten wartete der kleine Volkswagen, wie ein Untoter im Wald bei Grünthal beerdigt, darauf dass ihn jemand wieder erwecken möge. Und dann kam Flo Rauscheder (37) aus Kraiburg. Der grub ihn jetzt aus und wird ihn gemeinsam mit Schrauber-Spezl Adi Ruhaltinger aus Mühldorf wieder herrichten.
„Schon als Bub bin ich hier mit Freunden über die Schlüpf’ durch den Wald gestreunert – schwarz mit der Zündapp – auf der Suche nach Abenteuern und da lag der Käfer hier eingebuddelt und eingewachsen“, erzählt Rauscheder in der Werkstatt in Malseneck bei Kraiburg, die Adi Ruhaltinger gehört.
Der 56-jährige Ruhaltinger bastelt hier normalerweise an seinem Rallye-Fahrzeug, dem „Tomcat“, rum, um bei Offroad-Rallyes etwa in Algerien und am Balkan teilzunehmen. Gegen den modernen, quietschgrünen, 240 PS starken Geländewagen ist der kleine verrostete, zerbeulte, ausgeweidete und mit Moos bewachsene Volkswagen ein auffälliger Kontrast.
Käfer hat Instagram-Profil
Doch die alte Rostlaube ist inzwischen schon eine kleine Berühmtheit und hat als „waldkeafer58“ ein eigenes Instagram-Profil mit rund 990 Abonnenten. „Sogar der Musiker Keller Steff hat sich über diese Plattform gemeldet und uns Käfer-Teile angeboten, die bei ihm noch daheim rumliegen“, freut sich Flo Rauscheder, der als Postbote arbeitet. Der Mundart-Musiker aus Übersee und der Flo kennen sich. „Ja, wir ham hoid den gleichen Vogel“, gibt der Steff unumwunden zu. Die beiden hecken auch schon ein gemeinsames Projekt für das kommende Frühjahr aus. Es geht um einen VW Bully. Mehr verraten sie noch nicht.
Adi hat in seiner Werkstatt noch eine gut erhaltene Achse eines „Oval-Fenster-Käfers“ rumstehen, ein weiterer 1200er als „Blechspender“ wurde erworben. Ziel ist es, das Gehäuse des Waldkäfers zu erhalten und so aus mehreren kaputten Autos oder ihren kläglichen Resten wieder ein Ganzes zu machen.
„Rat-Look“ mit
Rost als Stilmittel
Dass das Vorhaben nicht ganz alltäglich ist, diesen Einwand nimmt Ruhaltinger schulterzuckend und schmunzelnd zur Kenntnis. „Für uns ist das ein Wald-Kunstwerk. Die Natur hat es so geformt“, sagt der Mühldorfer, der im Bereich Oldtimer- und Rennsportservice tätig ist. Die Geschichte des Wagens sei cool – und die Technik werde tiptop.
Aus dem Käfer soll eine „Ratte“ werden. „Rat-Look“ nennt man es in der Szene, wenn der Rost ein gewolltes Stilmittel ist. „Der Style bleibt abgefuckt, samt Roststellen und Moos. Das undefinierbare ausgeblichene Grün und die Spuren des Alters und der Witterung werden konserviert mit Owatrol-Öl“, sagt Flo Rauscheder, der gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Markus (35) in Kraiburg hobbymäßig eine Hinterhof-Werkstatt betreibt. Aus Spaß am Schrauben.
Zunächst wollte der Flo den Markus gar nicht einweihen. „Der hätte mich komplett für verrückt erklärt. Der sagt ja schon dauernd: ,Du mit deim oidn Klump‘ und verdreht die Augen.“
Flo grinst. Ja, sein Faible für das Marode ist schon ein besonderer Spleen. So hat er vier Jahre an seinem „trockenen Scheunenfund“, einem Opel Olympia Rekord, Baujahr 1956, getüftelt und gearbeitet, um ihn wieder auf die Straße zu bringen. „Weil es so schwer war, Teile zu bekommen.“ Stolz sagt er, der Wagen sei noch nie geputzt worden. Den Staub und Dreck an der schwarzen Karosserie hat er konserviert, die Dellen von möglichen Unfallschäden einfach gelassen.
Irgendwann hat Markus doch mitbekommen, dass da bei Unterreit was im Busch ist. Schließlich ist Flo gemeinsam mit seiner Freundin Alexandra oft nachts in den Wald verschwunden und dann mit Bremstrommeln und frischem Schlamm in der Kleidung wieder aufgetaucht.
Markus war dann auch ein bissl begeistert und sofort dabei. Sind halt doch Brüder. Und zu dritt war das „zugegebenermaßen verrückte Unterfangen“ auch leichter umzusetzen, als zu zweit: Mit der Hand und kleinen Schaufeln wurde der Käfer, der zum Teil bis zu den Fenstern verschüttet und eingewachsen war, ausgegraben.
Vorsichtig, um auch nichts kaputtzumachen, gingen die drei vor. Dabei war zunächst nicht klar, wem das Waldstück und damit auch der Käfer gehörte, der hier vor vermutlich 50 Jahren mit einem Haufen anderen Schrott entsorgt worden war. Ruhaltinger kannte den Jäger und durch Herumfragen kamen sie auf die Pächter, die natürlich froh waren, den Unrat loszuwerden, „der hier schon vor ihnen da war“.
Der Deal: Ihr könnt das Fahrzeug haben, kümmert Euch aber um die Entsorgung des Restes. Aus sehr unwegsamem Gelände. Gesagt, getan.
Aus dem Motorraum wuchs ein Haselnussbaum heraus, die Stoßstange war in einen Baumstamm eingewachsen. Weil die „Auto-Archäologen“ – so wurden sie von den Anwohnern genannt, da sie Schicht für Schicht abtrugen – dem Gestrüpp nichts Ärgeres anhaben oder es gar fällen wollten, arbeiteten sie mit Hammer und Meißel am Holz, statt mit der Säge. Mehrere Wochen fuhren Flo, Alexandra und Markus immer wieder nach der Arbeit hin, um an der „Grabungsstelle“ zu werkeln. Außer den engsten Freunden und den Pächtern des Grundstückes wurde niemand eingeweiht. Aus Angst, jemand könnte Wind von der Sache bekommen, und den Wagen stehlen.
Ernsthaft? „Ja, klar“, sagt Flo Rauscheder. Verwilderte, vergessene Oldtimer in der freien Natur oder alten Scheunen, werden in der Szene wie ein Schatz betrachtet, den es zu heben gilt. Flo wird den Fundort nicht verraten. Bevor der VW ausgegraben war, betrachtete er ihn als stimmungsvoll-gruseligen „lost place“. Ein vergessener Ort, ein stummer Zeitzeuge aus Blech, alte Fotografenutensilien, ein altes, rotes Dreirad und ein Puppenkopf mit Torso. Mitten im Wald.
„Lost Places“
bleiben geheim
„Das war sehr creepy, vor allem, wenn man in der Dämmerung oder im Nebel dorthin ging“, erzählt der 37-Jährige. „Lost Places“ – wer sie kennt, verrät nicht, wo sie sich befinden. Um sie nicht dem Vandalismus preiszugeben. Oder weil die Eigentumsverhältnisse oft unklar sind und man selbst besser anonym agiert, erklärt Rauscheder.
Der Waldkäfer allerdings wurde in der Vergangenheit ausgeplündert. Im Motorraum sieht man Schlitze, verursacht von einer Axt. Der Motor fehlt, ebenso der seltene Glasnadeltacho. Die Scheiben wurden zerschlagen, sodass Moos in den Gummidichtungen wuchern konnte. Der Wagen muss sich überschlagen haben, am Dach befinden sich sichtbare Spuren. Inzwischen wissen die Rauscheders, dass der ursprüngliche Eigentümer des Käfers ein Pfarrer gewesen sein soll.
Bergung so sanft
wie möglich
„Wir haben eine Rechercheanfrage an VW gestellt. Die Fahrgestellnummer am Boden konnten wir mithilfe von Säure wieder lesbar machen“, sagt er. Erhalten sind ein Winker-Blinker, ein Faltdach und auch alle Radkappen. Flo arbeitet wie ein Detektiv, um sich das ungefähre Ablegejahr und die Geschichte des Wagens erschließen zu können: „Der Schalter für den Warnblinker wurde 1968 Pflicht. Den hat er nicht. Das Lenksperrschloss wurde 1962 verpflichtend, das hat er schon. Folglich durfte der Wagen spätestens ab ‘68 nicht mehr fahren. Laut Erzählungen lag es schon seit den 70ern im Wald begraben.“
Die Bergung war so sanft wie möglich. Zwar ließ sich die Lenkung nicht bewegen, war aber rollbar. Dennoch hat dem Käfer der Abtransport zugesetzt. Rauscheder und Ruhaltinger wollen so viel es geht, erhalten. „Alles, was wiederverwendbar oder wiederherstellbar ist, kommt wieder rein, Fehlendes wird ersetzt.“ Flo gibt sich und Adi drei bis vier Jahre Zeit. „Wenn man die Arbeit nicht scheut, ist das machbar. Mich schockt mittlerweile nichts mehr“, lacht der 37-Jährige und freut sich, über Tipps, wo noch vergessene und verrottete Oldtimer vor sich hin schlummern.
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